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Chemikalien Tanker - Beschreibung und Geschichte-

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Captain Hans:
Chemikalien Tanker

Hier nun ein weiterer interessanter Schiffstyp – der Chemikalien Tanker –
Nicht zu verwechseln mit einem LPG Tanker.

Dies sind Schiffe mit speziellen Tanksystemen für Säuren, Laugen, aggressiven, hochexplosiven, leicht entzündlichen, und sehr toxischen Chemikalien mit sehr niedrigen Flamm- und Brennpunkten.
Sie haben viele kleinere Tanks, wobei jeder Tank ein vollkommen separates Pump- und Rohrleitungssystem hat.
Alle Tanks sind von Kofferdämmen (abgeschlossene Hohlräume) umgeben.
Diese Kofferdämme werden oft mit Nitrogen abgedrückt, damit kein Sauerstoff enthalten ist.
Die Kofferdämme dienen als Schutz gegen Tankleckagen, die zum Mischen zweier Chemikalien, und die damit zu unkontrollierbaren Reaktion führen, könnten.
So können 2 Chemikalien vollkommen harmlos sein, aber ein hochexplosives Gemisch bilden wenn sie miteinander in Berührung kommen.
Säuren (wie z.B.: Acetic Anhydride, Tri. Ethylene usw-) können nicht in normalen Stahltanks transportiert werden, da sie normalen „Mild Steel“ sofort zerlegen würden.
Für diese Ladungen verwendet man ein Verfahren bei der eine Schicht von „Stainless Steel“ auf den normalen Stahl aufgebracht wird.
Für andere Ladungen muss der Stahl mit speziellen Materialien beschichtet werden. (wie z.B: Dimet-Coat für Isoprene) Das Beschichten der Tanks erfolgte mit elektrolytischen Verfahren.
Andere Ladungen müssen geheizt werden wie z.B.: Naphtalene. (ändert seinen Molekularstruktur beim Verfestigen derart, sodaß es nicht mehr verflüssigt, werden kann.)
Leere Tanks werden wegen ihrer Explosionsgefahr inerted.
(Inert – Gas = heruntergekühlte und gereinigte Abgase der Hauptmaschine sowie der Kesselanlagen mit weniger als 6 % Sauerstoff)

Manche Ladungen dürfen überhaupt nicht mit Sauerstoff in Berührung kommen,
( wie z.B.: Cyano Anhydride = flüssiges, hochkonzentriertes Zyankali)
Solche Ladungen werden in einem sauerstofffreien Kreislauf geladen und gelöscht d.h.
der Schifftank wird beim Beladen mit Nitrogen aufgefüllt – dannwird eine mit Nitrogen aufgefüllte Zu- und Rückleitung  zum Landtank angeschlossen – beginnt der Beladungsvorgang mit gasdichten Pumpen wird das Nitrogen des Schiffstank mit der ankommenden Ladung in den Landtank gedrückt.
Also ein hermetisch geschlossener, sauerstofffreier Kreislauf.
Bei Cyano Anhydride müssen die Bedienungsmannschaften mit Schutzkleidung und Atemschutzgeräten arbeiten.

Die Beheizung von Tanks erfolgt mit Dampf über riesige Rohrschlangen.

Der Wert solcher Ladungen geht manchmal ins unermessliche.

Der Bau und die Versicherung dieser Schiffe ist sehr teuer. Allerdings gibt es für solche Ladungen auch enorme Frachtraten.

Anschließend ein paar Fotos moderner Chemikalientanker und ihrer sehr komplizierten
Rohrleitungssysteme und Manifolds. (Be-Entladeanschlüsse).

http://en.wikipedia.org/wiki/Chemical_tanker



http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Piping_system_on_a_chemical_tanker.jpg




Kurzgeschichte des Chemie Tanker Designs:

Der erste Chemikalientanker war wohl der Tanker „Faraday“, der die ersten harmlosen
Chemikalien in Fässern transportierte. Bis 1960 wurden Chemikalien nur in Fässern transportiert.

Ein gezielter Chemiekalientanker Design fand erst ab 1965 statt, Da der Chemiekalienhandel ein enormes Wachstum erfuhr.

http://ntl.bts.gov/lib/6000/6200/6298/design.html

Heute werden Chemikalientanker fast komplett aus „Stainless Steel“ bis su einer Größe von 40 000 dtw gebaut.

http://www.outokumpu.com/pages/Page____41274.aspx


In der Geschichte der Chemikalientanker gab es jedoch ein Ausnahmeschiff:

Die „Alchemist“ das Monster

Die Alchemist war eine Erfindung von C.P. Steuber Inc, New York. Es war der erste Chemie Tanker mit separaten Pumpen und Rohrleitungsystemen pro Tank und der große Mengen von Chemikalien in Tanks transportieren konnte


Auszug aus dem Nachruf von C.P. Steuber
quote
In 1951 Charles P. Steuber (Chuck) founded a company that became a pioneering merchant firm in the transportation, storage and distribution of petrochemicals. At that time, all chemicals were transported around the world in 55 gallon drums. In the 1950s a few companies experimented with modifying existing plain steel petroleum tankers to transport some chemicals in bulk.
Then, in 1961, Chuck built the world's first tanker with individual pumps and lines to an array of specialized tanks designed to maintain the high quality specifications of most products in the petrochemical industry. The ship was christened the S/S Alchemist and was the progenitor of all the ships that service the global industry of today. Chuck was also a pioneer in the bulk storage of petrochemicals. He built several facilities around the world, the largest of which was Eurotank in Antwerp, Belgium and became the largest such facility in Continental Europe.

The "Pinnacles" ('TES' indicated 'Turbo-Electric Ship') was converted into a
chemical tanker in 1961. A new fore-body and 'midship section was fitted by
Rheinstal Nordseewerke at Emden and the ship renamed "Alchemist".quote

Da das Geld knapp war ließ man sich etwas einmaliges einfallen.
Man nahm also einen eingemotteten T2 Tanker (Die „Pinnacles“) schnitt die Mittschiffsbrücke ab und schweißte sie auf das Achterschiff.
Das Vorschiff wurde bei Rheinstahl Nordseewerke, Emden, gebaut.
Das ganze schweißte man zusammen. Man hatte nun ein Schiff mit 2 Baujahren, nämlich 1943 das Achterschiff und 1961 das Vorschiff.

Es entstand der größte Chemikalientanker der Welt mit insgesamt 36 Tanks und separaten Pumpen und Rohrleitungssystemen pro Tank.
18 Tanks wurden mit einer „Stainless Steel“ Beschichtung versehen, 12 Tanks waren beheizbar und 6 Tanks haten verschiedene andere Beschichtungen.
An Deck standen 36 Turbinen-Well Pumpen. Jeder Tank wurde von Kofferdämmen umgeben. Alle Tanks waren von Kofferdämmen umgeben.
Es gab riesige Gasflaschen Batterien für Nitrogen (Stickstoff)
Es gab eine gewaltige Schaumlöschanlage sowie Hochdruck - Wasserduschen (gegen Verätzungen bei Rohrbrüchen)

Der Antrieb bestand aus einer Genral Electric Turbo-Elektro Anlage d.h. zwei Hochdruckturbinen trieben vier Generatoren an, die wiederum an einen Gleichstrommotor mit 7000 PS gekoppelt waren.
Das Schiff fuhr unter Liberia Flagge mit Heimathafen Monrovia und hatte eine 53 köpfige rein deutsche Besatzung. Die Klasse erfolgte durch die deutsche SeeBG.
Tragfähigkeit 19700 dtw, Geschwindigkeit ca 14 – 15 kn, Tiefgang knapp 10 m.

Die konstanten Reiserouten lagen zwischen New York, Texas City (größte Raffinerie Anlagen der Welt) sowie EUROTANK Antwerpen und EUROTANK Rotterdam.

Dieses zusammengeschusterte Schiff wurde nun dazu benutzt zum ersten Mal große Mengen von höchst gefährlichen Ladungen nach Übersee in beide Richtungen zu transportieren. Es wurde ein sehr gefährliches Versuchsschiff.
Bei Einlaufen auf der Schelde oder Mass musste sämtlicher Schiffsverkehr stoppen
bis die „Alchemist“ an der Pier lag.
Von 1967 bis Mitte 1968 fuhr ich auf diesem Monster als 2. Offizier. Nach Absolvierung meines Kapitäns Patent fuhr ich als I.O. und vertretungsweise als Kapitän auf diesem Schiff.
Von 1961 bis zu seiner Abwrackung 1973 gab es an Bord 4 große Explosionen und 2 riesige Feuer, sowie Verätzungen und Vergiftungen. Insgesamt starben 52 Seeleute auf diesem Schiff.
Ich hatte viel Glück, immer wenn was großes passierte, war ich gerade in Urlaub, an Land oder in der Schule.
Ihr könnt mich natürlich fragen warum ich auf so einem gefährlichen Schiff gefahren bin.
Die Antwort ist einfach: Es gab doppeltes Gehalt, Gefahren- und Flaggenzulage
Ich verdiente das 4fache wie bei der Hamburg Süd.

Anschließend ein Bild des Monsters.




Nach 1965 wurden neue Regeln weltweit zum Bau von Chemietankern eingeführt, die es unmöglich machten, daß so ein Monster nochmals entstehen konnte.
Heutige moderne Chemietanker fahren höchstens 6 verschiedene Ladungen und werden fast nur aus „Stainless Steel“ gebaut.

Die norwegische Reederei Stolt Nielsen ist einer der größten Betreiber von Chemie Tankern.

Hoffe, dass es ein wenig interessant für euch war.


Beste Grüße

Hans

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