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Die Deutsche Handelsflotte 1939 - 1945

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ufo:
Nicht ganz Konsalik

Ja – manchmal ist so ein schönes geschichtliches Werk ja doch schwere Kost. Ich gestehe ja dass ich so jemanden wie den Salewski ganz gern lese und das auch unterhaltsam finde aber man kann streiten darüber.
Ein Konsalik geht da viel leichter runter. Da gibt es die Guten und die Bösen, alles fein abgesteckt, alles ganz vorhersagbar. Leichte Kost!

Zwei, die das Kabinettstückchen geschafft haben ein geschichtliches Fachbuch mit dem Unterhaltungswert eines Seeromanes zu schreiben, sind Ludwig Dinklage und Hans Jürgen Witthöft.

Die Deutsche Handelsflotte 1939 - 1945: Handelsschiffe, Blockadebrecher, Hilfskriegsschiffe, Die Schicksale aller Seeschiffe über 100 BRT. Hamburg Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG 2001

Das gute Stück besteht original aus zwei Bänden, die es jetzt aber oft recht preiswert (< 1o.oo Euro) als Doppelband zu haben gibt. Da hat man dann fast 1ooo Seiten Lesestoff.
 
Zu Beginn des 2. Weltkrieges verfügte die deutsche Handelsflotte über 2416 Schiffe mit 4,4 Mio BRT. Bei Kriegsende war sie mehr oder minder zerfleddert. Nur noch 420 Schiffe mit rund 1 Mio BRT lagen in Häfen zerstreut, viele davon schwer beschädigt.
Die Autoren haben liebevoll die Geschichten aller Handelsschiffe zusammengetragen, die irgendwo vom Ausbruch des Krieges überrascht worden sind. Und überrascht wurden da wohl viele. Die Vorbereitungen der Deutschen Marine scheinen nicht nur bei den Streitkräften schlecht gewesen zu sein!  

Aus dem Inhalt:
Bd. I.
1. Handelsschiffahrt und Kriegsmarine.
2. Maßnahmen zur Rückführung der Handelsflotte im Kriegsfall.
3. Die bei Ausbruch des Krieges seitens der Kriegsmarine und des Reichsverkehrsministeriums getroffenen Maßnahmen.
4. Kriegsbeginn in der Ostsee.
5. Kriegsbeginn in der Nordsee.
6. Die deutschen Schiffe in der Kanada- und Neufundlandfahrt.
7. Die deutschen Schiffe in der Nordamerika-Fahrt.
8. Die deutschen Schiffe im Golf von Mexiko.
9. Die deutschen Schiffe im Karibischen Meer.
10. Die deutschen Schiffe an der Ostküste von Südamerika.
Bd. II.
1. In australischen Gewässern.
3. In Niederländisch Indien.
4. In Ostasien-Blockadebrecher-Aktion.
5. In Indien.
6. Persischer Golf.
7. Rotes Meer.
8. Ostafrika und Südafrika.
9. Westafrika.
10. Kanarische Inseln, Azoren und Island.
11. Mittelmeer und Schwarzes Meer.
12. Spanische Atlantikhäfen.
13. Über Murmansk ("Lippe").
14. Kurz vor Toresschluss die Heimat erreicht.
15. Hochseefischerei.
16. Das Hansa-Bauprogramm.
17. Handelsschiffahrt in heimischen Gewässern.
18. Rettungsaktion über die Ostsee 1944/45.

Verzeichnis der deutschen Reedereien und Schiffseigener mit Schiffen über 100 BRT.
Verzeichnis der seegehenden deutschen und unter deutscher Flagge im Handelsverkehr gefahrenen Schiffe über 100 BRT vom 1.9.1939 bis 8.5.1945.


Ja – das lässt erstmal wenig zu wünschen übrig. Nun – doch – gewünscht hätte ich mir mehr en detail eine Darstellung des Deutschen Seetransportes 1939 – 1945. Wie war das organisiert? Was war zentralisiert und dem Kriege untergeordnet und was wurde friedensmässig abgewickelt?
Die Autoren haben da wirklich mehr einen Seeroman in Tausend Teilstücken abgeliefert. Spannend! Ohne Zweifel! Da sind Dampfer mit ihren Möbeln nach Hause gefahren, mit ihrer Zuckerladung, ihren Jutesäcken in den Kesseln oder gar unter Segeln.
Liebevoll und im Detail beschreiben die Autoren jeden Durchbruchsversuch und wieso er scheiterte oder glückte. Häufig scheint Improvisation Erfolg gehabt zu haben wo Fehlplanung seitens der Reederei oder der Kriegsmarine wenig Hoffnung liess.

Nachdem ein Dampfer es dann aber 194o oder auch erst 1942 nach Hause geschafft hat, bleibt er in diesem Buch unsichtbar. Hinten im Register finded man dann nochmal eine Kurznotiz: 1945 versenkt. Was aber das Schiff dazwischen getreiben hat, bleibt im Dunkeln. Es handelt sich also eher um eine Aufstellund Deutscher Blokadebrecher mit anhängendem Index aller Deutschen Handelsschiffe.  

Wiewohl das Buch in dieser Form von 2oo1 datiert, merkt man, dass die beiden Bände ursprünglich schon 1971 in der Reihe “Studien und Dokumente zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges” erschienen sind. Der Text liesst sich vielfach wie von 1957. Da wird durchaus noch herausgestrichen welcher Dampfer und welcher Kapitän seiner Reederei Ehre eingebracht habe und welcher eben nicht. Da wird kein Zweifel daran gelassen, dass ein Durchbruchsversuch oder wenigstens eine Selbstversenkung einer Übergabe vorzuziehen ist (Woran man wie ich finde von der zugegeben moralisch fragwürdigen Warthe der Nachgeborenen seine Zweifel haben kann.).

Spannend natürlich auch einfach mal die ewigen Nebenrollen vorne auf der Bühne zu haben: Gonzenheim, Lech, Babitonga, Kota Pinang und viele andere, die in Berichten über Panzerschiffe und Kreuzer immer mal irgendwo als ein Name am Rande auftauchen.

Leider fehlen auch die Fahrten unter der Reichsdienstflagge – die Schiffe also, die sich die Kriegsmarine unter den Nagel gerissen hat. Da müssen spannende Hussarenstücke bei gewesen sein … und sinnlos weggeschmissene Schiffe. Die aber fehlen. Die Autoren beschränken sich darauf die Schiffe unter ziviler Flagge zu behandeln. Nun – auch schon dick genug so das Buch.


Tja – ganz sicher kein Muss! Aber eine preiswerte und spannende Sammlung von Kurzgeschichten, die hinterher noch als Nachschlagewerk über alle Deutschen Handelsschiffe über 1oo BRT, 1939 – 1945 herhält.  


Ufo

Scheer:
Dieses Buch hat hier im Board sogar schon mal zur Klärung einer langen Suche beitragen können.
Ich kann es auch nur empfehlen !

Wilfried:
Moin Ufo,

danke für die Beschreibung dieses "Wälzers"; ich konnte ihn auch vor ein paar Wochen für 'nen Zehner abgreifen. War noch original eingeschweißt  - und ich freute mich, etwas über die Handelsmarine während des 2. WK zu erfahren. Sozusagen als Ergänzung zu den Büchlein über Sperrbrecher, Blockadebrechern, Hilfskreuzern, und, und, und.
Und mein Eindruck ist ähnlich Deinem; da fängt eine Geschichte gut erzählt an und dann - ist das Schifflein irgendwie in den Weiten verschwunden. Welche Schiffe haben Erz aus Schweden geholt? Welche Einheiten führten die Versorgung der in Norwegen stationierten Truppenteile durch? Wer schipperte mit Fracht durch die Ostsee? Oder nach der französischen Kanalküste?
Es bleiben sicher noch Hunderte offener Fragen, die aber, so denke ich, in einem einzigen Band nicht geklärt und erklärt werden können.
Alles in allem für den Preis kein Fehlkauf. Leider kein Gesamtwerk zur Thematik aber ein Mosaiksteinchen ...

meint , mit einem lieben Gruß
der Willfried

Peter K.:
Guten Abend, zusammen!

@ ufo
Vielen Dank für die schöne Zusammenfassung von Dinklage/Witthöft!
Ich selbst nehme diese Bände - sowohl die älteren von 1971, als auch die unveränderten neuen - gerne zur Hand!

@ all
Als Ergänzung zur deutschen Handelsschiffahrt sind weiters zu empfehlen:

Boie/Öesterle
Die deutschen Handelsschiffahrt bei Kriegsausbruch 1939
ISBN 3-931129-22-5

Schmelzkopf
Die deutsch Handelsschiffahrt 1919-1939
I: Chronik und Wertung der Ereignisse in Schiffahrt und Schiffbau
II: Liste sämtlicher über 500 BRT großen Schiffe mit allen technischen und historischen Daten
ISBN 3-7979-1859-3

Gröner
Die Handelsflotten der Welt 1942/44

Handbuch für die deutsche Handelsmarine
diverse Jahrgänge

Grüße aus Österreich

Peter K.

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