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Autor Thema: gesunken MFP`s in Adria  (Gelesen 30104 mal)

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Offline TD

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #60 am: 28 September 2012, 18:36:19 »
Danke für die Auskunft.

Man muß fragen um etwas zu wissen in solchen Fällen.

Hast damals auch mit Schwimmweste einen guten Eindruck gemacht !

Gruß

Theo
...ärgere dich nicht über deine Fehler und Schwächen, ohne sie wärst du zwar vollkommen, aber kein Mensch mehr !

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #61 am: 28 September 2012, 20:02:16 »
Hallo Medea!

Sag mal, hättest Du nicht Lust, auch für unser HMA etwas für die Rubrik "Erlebnisberichte" zu schreiben?
 --/>/> http://historisches-marinearchiv.de/sonstiges/sonstiges.php#Erlebnisberichte

Vieles könnte man ja bereits übernehmen und ich bin auch gern dabei behilflich!
Falls dem so ist, kannst DU mich auch gerne per PN kontaktieren.
Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

Forum MarineArchiv / Historisches MarineArchiv

Offline Medea 45

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #62 am: 11 Oktober 2012, 16:23:27 »
Hallo Peter, hier noch einmal das gewünschte Wappen der Hafenschutzflottile Venedig.

Gruss Medea

Offline Medea 45

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #63 am: 11 Oktober 2012, 16:31:46 »
Medea 45 in eigener Sache:

Als ich 1949 einen neuen Lebensabschnitt begann hatte ich Hunger, wenig Geld, keinen Beruf und keinen Abschluss. Die Prioritäten waren also vorgegeben. Dazu kam noch, dass in die sowj. Besatzungszone heimkehrende Kriegsfreiwillige mit 12-Jahresverpflichtung von den neuen politischen Führungskräften, die ja eine neue Gesellschaft aufbauen wollten, schon mal mit Argwohn betrachtet wurden.
Krieg und Gefangenschaft waren also keine Gesprächsthemen, weder in der Familie, noch im Betrieb oder unter Freunden. Abhaken und verdrängen, vergessen ging nicht, waren angesagt.
Etwa 50 Jahre später begann ich auf Drängen meiner Enkel markante Stunden und Tage meines Lebens in kurzen Geschichten festzuhalten Dazu gehören auch die bereits eingestellten Berichte 1944-11-2, 1945-05,1 und 1945-05-2. Nun muss ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass diese Erzählungen niemals für eine Veröffentlichung gedacht waren, da sie ohne jegliche Recherchen verfasst wurden. Die Ereignisse sind so wiedergegeben, wie sie der damals jugendliche „Marinepimpf“ im Gedächtnis abgelegt hatte. In Jahrzehnten kann aus Grün ein Grau werden, auch kann ein dem November 1944 zugeordnetes Erlebnis im Dezember des gleichen  Jahres geschehen sein, aber fiktiv ist nichts!
An einem Abend Anfang Oktober 2o12, so gegen  21,46 Uhr bin ich in mein 87.Lebensjahr eingestiegen. Für mich ein Grund meinen Forumsausstieg altershalber anzukündigen. Vorher sollen aber alle Fragen beantwortet sein, jedenfalls will ich mir Mühe geben.
Da ich erst kurze Zeit im Internet bin, fehlt mir die Perfektion.  Als Student hat mein Helfer nicht immer Zeit für mich. Deshalb ist weiterhin etwas Geduld nötig.



1945-04-1   Partisanen besetzen Venedig

Der Monat April neigte sich dem Ende zu. Auch der Krieg wird nicht mehr lange dauern, das war die Meinung vieler. Zunehmende Kriegsmüdigkeit war nicht mehr zu übersehen.
Hitlers Geburtstag war erstmals ohne viel Rummel vorbei gegangen. Am 20.April 1889 war er in Braunau am Inn als Sohn eines Zollbeamten zur Welt gekommen. Streng genommen war er gar kein Deutscher. Das wurde aber nicht gelehrt, und es störte auch niemand.
Jedenfalls nach dem 20. April 1945 wurde ich als Jüngster an Bord wieder mal einem Spezialkommando zugeteilt. Da hieß es dann immer: „Du hast keine Familie, du kannst das mitmachen.“
Was da mitzumachen war, konnte mir keiner sagen. Auf zwei Flugsicherungsboote verladen, mit Panzerfäusten, Schnellfeuergewehren und Maschinenpistolen ausgerüstet, ging es los. Hier erfuhren wir dann von unserer Aufgabe. Irgendwelche Leute hatten angeblich ermittelt, dass ungeheure Mengen an Handfeuerwaffen nach Venedig geschmuggelt werden, in der Hauptsache über den Damm vom Festland und mit der Bahn. Wir sollten im Handstreich den Bahnhof besetzen, damit die Waffenzufuhr unterbinden.
Die beiden Boote rasten mit uns durch den Canal di Grande, unter der weltbekannten Rialtobrücke durch, bis zum Bahnhof. Dort angelegt sprangen wir von den Booten, um mit der Realisierung unserer Aufgabe zu beginnen. Noch auf dem Bahnhofsvorplatz  trat uns ein Oberstleutnant, angeblich der Stadtkommandant, entgegen und brüllte uns an: „Seid ihr denn verrückt geworden, was wollt ihr denn hier? Ihr macht mir bloß die ganze Stadt verrückt! Haut ab und fahrt zurück!“
Unser Stoßtruppführer war nur Leutnant und hatte zu gehorchen. Wie begossene Pudel zogen wir ab. Das war eine Blamage!
War das wirklich der Stadtkommandant? Vielleicht hatte er heimlich schon längst mit den Partisanen Verbindung aufgenommen? Oder war es ein Partisan in einer deutschen Uniform?
Eine Antwort auf diese Fragen hat es nie gegeben. Im Nachhinein konnten wir über diese Entwicklung nur froh sein. Einen Nahkampf mit den weit überlegenen und aus dem Hinterhalt operierenden  Partisanen hätte unser wild zusammen gewürfeltes Häufchen nicht überstanden, zumal es auch keinerlei Instruktionen  über das weitere Verhalten auf dem überwiegend von Zivillisten frequentierten Bahnhofsgelände gegeben hatte.
Zwei oder drei Tage später war es dann soweit. Der Sturm brach los. Im Morgengrauen brüllte  unser Wachposten von der Pier in alle Decks: „Großalarm, Alarm, Alarm, alle Mann an Deck. Die Pier ist voller Partisanen!“
Was nun unsere ungewaschenen Augen wahrnahmen, war geeignet mittels totaler Schockwirkung eine ebenfalls totale Lähmung auszulösen. Die breite Promenade, an der wir lagen, füllte sich mit Tausenden schwer bewaffneter Zivilisten. Zwei Gruppen konnten wir ausmachen. Die Kommunisten mit roten Fahnen, roten Armbinden oder Abzeichen. Die  Republikaner zeigten die italienischen Farben, aber beide Gruppen in harmonischer Eintracht durcheinander. Erst mussten die Deutschen aus der Stadt vertrieben werden. Das war zunächst ihr gemeinsames Ziel.
Die Dramatik der nun folgenden Stunden lässt sich schlecht in Worte fassen. Das wäre ein Thema für einen professionellen Schriftsteller.
Die Überraschung war perfekt gelungen. Auf deutscher Seite war niemand auf die neue Situation vorbereitet. Die anderen, ebenfalls am Passagierkai liegenden Boote verfügten ausnahmslos über Dieselmotoren. Dadurch konnten sie schneller reagieren. Die Motoren wurden angeworfen, und sofort wurde in die Mitte des Fahrwassers zwischen dem Lido und der kleinen Insel Giorgio gefahren und dort Warteposition bezogen.
Unser Kessel aber war  ohne Dampf. Da musste  erst kräftig geheizt werden, erst dann war dieser betriebsbereit. Auf Stunden waren wir noch manövrierunfähig und wie gelähmt. Wir warfen zwar auch sofort die Leinen los. Das brachte aber nichts, denn Gezeiten sind in Venedig meistens wenig  spürbar. Die sehr träge Strömung  bewegte die Medea nur  Zentimeter für Zentimeter von der Kaimauer weg.
Die inzwischen aus dem Schornstein aufsteigende schwarze Qualmwolke änderte an unserer misslichen Lage auch nichts.
Die Zahl der nur wenige Meter von uns entfernt aufmarschierenden Partisanen wurde inzwischen auf 5000 geschätzt. Einhundert davon hätten genügt, unser Boot zu entern und uns ohne viel Aufhebens ins Wasser zu werfen. An Bord waren ja kaum Handfeuerwaffen, vielleicht zehn Gewehre für die Posten.  Für die Geschütze ergab sich überhaupt kein Schusswinkel, die waren für die Flugzeugabwehr gedacht. Stundenlang absolut wehrlos! Solch ein Zustand zerrte an den Nerven. Aber alle behielten die Nerven, keiner drehte durch.
Doch die Partisanen nahmen von uns überhaupt keine Notiz. Wir waren für sie gar nicht präsent, überhaupt nicht vorhanden. Sie feierten ihren Sieg, führten auch eine Gruppe Schwarzhemden, vermutlich aus den Dienststellen des Arsenals, in die Gefangenschaft ab und demontierten entlang der ganzen Promenade die Beschilderung. Die neue Bezeichnung lautete: „ Riva del Sette (7) Martiri “.
Vor Monaten waren an unserem Liegeplatz sieben Partisanen aus den Südtiroler Bergen erschossen worden, als Vergeltung für einen ebenfalls an gleicher Stelle aus dem Hinterhalt erschossenen deutschen Wachposten eines Torpedobootes.
Genau an diesem Punkt hatten wir vor Tagen festgemacht, Dies war reiner Zufall. Doch schürte diese Tatsache zusätzlich unsere Angst und unsere Befürchtungen vor einer grausamen Vergeltung seitens der Partisanen, der wir hilflos und auch machtlos ausgeliefert gewesen wären.
Aber wie gesagt, nichts dergleichen geschah. Obwohl uns die Strömung mittlerweile etwa zwei bis drei Meter von der Kaimauer abgetrieben hatte und nur noch sportliche Partisanen uns hätten entern können, waren unsere Nerven nach wie vor bis zum Bersten angespannt.
Endlich vernahmen wir dann das erlösende Geräusch unserer Maschine.  Das war eine  schöne Melodie für die Ohren der gesamten Besatzung. Wir nahmen Fahrt auf und konnten uns aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich entfernen, um uns zu den anderen Einheiten zu gesellen. Die Entfernung zu den waffenstarrenden Partisanen betrug nun immerhin 800 bis 1ooo Meter. Wir  hielten uns nun in Deckung in der Nähe unserer Kanonen auf, um keine Provokationen in Szene zu setzen .Nach wie vor fiel von beiden Seiten kein einziger Schuss, auch nicht als Drohgebärde.
Dabei hätte eine in die Luft geschossene MP-Salve zur Eskalation und zu einem unvorstellbaren Blutbad führen können. Die jetzt zwischen Lido, Giorgio und dem Passagierkai versammelten deutschen Boote verfügten über eine enorme Feuerkraft. Sicherlich waren es über 80 Geschütze, zum Teil auf Doppel- und Vierlingslafetten. Aber es fiel nach wie vor an diesem Tage kein einziger Schuss!!
War das ein Wunder, oder gab es geheime Absprachen, von denen wir nichts wussten???
Unser Verband sammelte sich nun vor der Signalstelle, die nicht mehr besetzt war. Die Flottillenleitung auf dem Lido weigerte sich angeblich zuzusteigen und wollte sich den aus ihren Verstecken kommenden Partisanen ergeben.   


Anmerkungen zum Partisanenaufstand in Venedig am 26.April 1945

Was ermöglichte die Besetzung Venedigs durch Partisanen ohne Waffengebrauch und ohne Blutvergießen? Diese Frage beschäftigt mich noch heute.
War es einfach Vernunft auf beiden Seiten? Oder gab es geheime Absprachen zwischen den Kommandeuren der Partisanen und deutschen Kommandostellen?
Solange im Kessel unseres Bootes kein einsatzbereiter Dampf anlag, gab es zwischen den aufmarschierenden Partisanen und uns durchweg nur einen Abstand von 20 oder 30 Metern, aber es gab keinerlei Provokationen, keine Beschimpfungen, nichts! Für diese Kämpfer waren wir einfach nicht vorhanden, sozusagen Luft. Die Nerven konnten da schon blank liegen.
Ein flaues Gefühl in der Magengegend befällt mich heute noch, wenn ich den 26.April 1945 vor meinem geistigen Auge nochmals abrollen lasse. Auch die Nerven der Männer hinter den Kanonen der zwischen Lido und St. Giorgio  versammelten Boote waren ja zum zerreißen gespannt. Eine kleine Provokation, auch ein unbeabsichtigter Zwischenfall, hätte schnell zur Eskalation mit schwer einschätzbaren Folgen führen können. Auf alle Fälle ist festzuhalten, dass die Vernunft auf beiden Seiten die Oberhand  behielt.
Trotzdem bleibt mir die plötzlich vorhandene einvernehmliche Koexistenz zwischen zwei stark bewaffneten feindlichen Gruppierungen, die bisher jede Gelegenheit zur gegenseitigen Liquidierung nutzten, auch heute noch ein Rätsel.   

Gruß Medea 45 


Offline TD

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #64 am: 11 Oktober 2012, 18:30:32 »
Hallo Medea,


recht vielen Dank für diese mir zumindest bisher unbekanten Daten und Angaben !

Ganz besonder aber nachträglich

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag !

Dass ist aber noch kein Grund uns den Rücken zu zeigen !

Lesen kannst  Du sicher immer und wenn es in den Fingern jukt kannst Du sicher auch einmal einen jungen Helfer an demn Ärmel fassen !

Nochmals Dank

Theo
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Offline Ferenc

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #65 am: 11 Oktober 2012, 22:53:33 »
Hallo Medea,

Alles Gute zum Geburtstag.
Bitte weiter in den Erinnerungen kramen und im Forum in die Tasten klopfen. Es gibt keine Altersbegrenzung

Danke für den interessanten Bericht.
Der relativ unblutige Machtwechsel in Oberitalien, dürfte vielleicht damit zusammenhängen, dass der deutsche Oberkommandierende in Italien (General der SS Karl Wolff) vorzeitig kapitulierte (02.05.1945) und in diesem Zusammenhang bei der Besetzung norditalienischer Städte durch Partisanen bereits Weisungen ergingen Kämpfe zu vermeiden (Literatur: Unternehmen "Sunrise" Die geheime Geschichte des Kriegsendes in Italien). Zum Glück ist das Kriegsende in Italien "humaner" gewesen als in Jugoslawien.

Grüße
Ferenc

Offline Medea 45

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #66 am: 01 November 2012, 16:52:51 »
1944-11-1  Bora mit Windstärke 12
Von dem an der dalmatinischen Küste gefährlichen Sturm, der „Bora“ genannt wird, war  immer mal die Rede. Da machten tolle Geschichten die Runde. Vollbeladene LKW der Wehrmacht soll er umgeschmissen haben. Für kleinere Boote gibt es keine Überlebenschance. Nur schnell den nächsten Hafen anlaufen, denn lange  Vorwarnzeichen sind nicht.
Dieser Sturm entsteht, wenn extrem kalte Luft aus dem Norden über die Alpen drückt und auf die relativ warme Mittelmeerluft trifft. Die dadurch entstehenden Fallwinde reißen alles mit. Dauer und Gefahrengebiet sind begrenzt. Besonders stark tritt er in der nördlichen Adria und in der Bucht von Triest auf.
In den frühen Abendstunden des 9. November des Jahres 1944 tuckerten wir an der Spitze eines kleinen Geleitzuges von fünf Einheiten eben in diesem Seegebiet auf Triest zu. Zu unserem Verband gehörten noch drei italienische Kümos mit deutschem Signalpersonal und die „Duca“, ein Boot aus unserer Flottille, aber etwas kleiner.
Kümos (Küstenmotorschiffe) nannten wir kleine Küstenfrachtschiffe, so etwa um 1000 BRT groß. Für den Hochseebetrieb waren sie nicht geeignet.
Die See war spiegelglatt. Kein kleines Wellchen war zu beobachten, was selbst auf der Adria  selten vorkam. Natürlich war auch kein Windchen zu spüren. Die Natur rüstete zum großen Sturm, was ich und auch die Mehrzahl an Bord noch nicht wussten.
Nur der Steuermannsmaat, ein alter Nordseefischer, wurde unruhig. Er schien etwas zu ahnen. Noch nie war er auf dem Signaldeck erschienen. Aber plötzlich stand er neben mir und schaute nach, ob alles richtig verzurrt ist. Bisher hatte er mit mir noch kein Wort gewechselt. Ich hatte immer den Eindruck, dass er so einen „Pimpf“, wie ich in seinen Augen einer war, gar nicht leiden konnte. Reden war aber sowieso nicht seine Art. Heute fing er mit mir ein Gespräch an. Ich sollte auch die „Hundeleine“, die richtige Bezeichnung ist mir entfallen, überprüfen, befahl er. Das war eine Art Sicherheitsgurt, damit man bei hoher See nicht über Bord gespült wurde. Mit diesem Ding hatte ich mich bisher überhaupt noch nicht befasst, weil mich die Angstvorstellung beherrschte, dass ich im Ernstfall nicht schnell genug frei komme. Außerdem hatte man nur eine sehr eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Trotz seines Befehls habe ich die mir unsympathischen Apparate auch an diesem Tage nicht angerührt.
Inzwischen richtete sich im Norden und auch im Osten eine pechschwarze Wand auf, die schnell bedrohliche Formen annahm. Jetzt wurde die Geschwindigkeit erhöht, die aber vom langsamsten Boot vorgegeben war. Der Schornstein der Medea stieß eine riesige Qualmwolke aus, die auf Grund totaler Windstille nicht abzog und sich auch nicht zerteilte und dadurch weithin sichtbar war, trotz anbrechender Nacht.
Unter der immer größer werdenden schwarzen Wand zeichnete sich inzwischen ein schmaler weißer Streifen ab. Die Hektik auf der Brücke unter mir nahm zu. Mich ließ das alles noch kalt, da ich ja keine Ahnung davon hatte, was mir und allen Matrosen des Geleitzuges bevorstand. Den erfahrenen Seeleuten an Bord war das inzwischen sicherlich bewusst geworden und auch, dass alle Bestrebungen den sicheren Hafen vor dem herannahenden Sturm zu erreichen, nicht gelingen konnten.
Nun wurde der weiße Streifen breiter. Im Fernglas war zu erkennen, dass es die vorderen Wellen von mächtigen sich dahinter auftürmenden Wellenbergen waren. Die Szenerie nahm unheimliche und gespenstische Züge an. Zwar war das Heulen und Brausen des herannahenden Orkans schon zu hören, aber wir hatten noch ganz glatte See und vollkommene Windstille. Ich konnte das alles damals überhaupt nicht begreifen. Eigentlich auch heute noch nicht, wenn ich diese Stunden Revue passieren lasse. Diese Abgrenzung ist mir bis zur Stunde noch nicht vollkommen klar geworden. Hier totale Windstille mit glatter See und drei oder vier Seemeilen weiter begann das perfekte Inferno mit drei Meter hohen Sturzwellen. Das Geschrei und Getöse der „Geisterreiter“ verstärkte sich von Sekunde zu Sekunde, Furcht erregend und Unheil verheißend hörte es sich an.
Und dann brach es über uns herein. Die See kräuselte. Der erste Windstoß kam von der Backbordseite und drückte das Boot in bedenkliche Schräglage. Durch die Wucht des Sturmes landete ich zum ersten Mal an der Reling.  Das Kommando auf der Brücke übernahm unser sturmerprobter Nordseefischer. Nach seiner Anweisung durften die Wellen nur von vorn kommen. So musste der Kurs gehalten werden. Alles andere bedeutete sicheren Untergang, da wir auf Grund der starken Bewaffnung und Panzerung sowieso kopflastig waren.
Ich hatte mir schnell noch mein Regenzeug übergezogen, was ich ungern tat, da man geradezu unbeweglich wurde.
Mit dem Sturm setzte gleichzeitig starker Regen ein, der waagerecht ins Gesicht prasselte und schlagartig die Sicht auf null reduzierte. Damit war auch sofort zu den anderen Schiffen, denen wir Geleit geben sollten, die Verbindung unterbrochen. Jeder war auf sich allein gestellt.
Die noch zunehmende Sturmstärke und die sich ständig ändernden Schräglagen der Planken zwangen zum Anklammern an allen Gegenständen, die sich hierfür eigneten. Das Vorschiff musste geräumt werden, da die Wellen eine Höhe von 6 m oder noch gewaltiger erreicht hatten. Dort konnte sich niemand mehr halten.
Dann ergab sich eine ganz gefährliche Situation. Plötzlich tauchte am Heck in nur wenigen Metern Abstand die Duca auf. Kein Boot war in diesem Inferno noch voll manövrierfähig, auch die Medea nicht. Die Duca musste bereits Schaden genommen haben. Mit dem Scheinwerfer versuchte ich eine optische Signalverbindung aufzubauen. Keine Antwort, überhaupt keine Reaktion. Das war auch ein sehr schwieriges Vorhaben. Wir im Wellental, die Duca obenauf zehn Meter schräg über uns. Sekunden später gerade umgekehrt. Gerade noch sausten die beiden Boote im Meterabstand aneinander vorbei. Sekunden später war der Abstand 30 oder 5o Meter. So ging es eine Zeit lang, dann war die Duca nicht mehr zu sehen, im Sturm- und Regendunst verschwunden.
Wenig später, Steuerbord querab ein Scheinwerfersignal. SOS, SOS, SOS , immer nur SOS. Zunächst dachte ich: Dort spinnt einer, da ist einer seekrank. Das dachte ich aber nur Sekunden. Dann war mir klar, dass ein Schiff unseres Geleitzuges Seenot signalisierte. Durch die undurchsichtigen Regenfontänen war nicht zu erkennen, wer der Signalgeber war. Dann nur noch SO und ein  sekundenlanger heller Lichtschein deuteten auf eine Katastrophe hin. Eine Mine oder eine Explosion an Bord? Diese Frage wird ewig unbeantwortet bleiben.
Ich stürzte zum Sprachrohr, um die scheußliche Nachricht der Brücke weitergeben zu können. Und wieder hatte ich den verdammten Kloß im Hals. Wieder brachte ich vor lauter Aufregung keinen Ton heraus. Während dieser Bemühungen tauchte der Bug unseres Bootes tief in ein Wellental, eine gewaltige Sturzwelle schwappte über das Signaldeck, riss mir die Beine weg und schleuderte mich erneut gegen die Reling. Dabei hatte ich das obere Teil des Sprachrohrs so fest umklammert, dass ich dieses samt Mundstück vom Kompass abriss, an dem die gesamte Anlage befestigt war, und noch in der rechten Hand hielt. Das linke Knie hatte ich mir aufgeschlagen und eine Beule am Kopf hatte ich auch. Beides bemerkte ich aber erst am nächsten Morgen im Hafen, denn während unseres Kampfes mit den Wellen gab es für solche schmerzliche Empfindungen überhaupt keine Zeit.
Auf Knien kriechend und auch auf dem Bauch und Hintern rutschend begab ich mich nun ein Stockwerk tiefer auf die Brücke, um die Seenotmeldung der Schiffsführung zu überbringen. Was ich im Ruderhaus sah, jagte mir erneut einen riesigen Schreck ein.  Die vier Mann am Handruder wirbelten gerade toll durcheinander, da das Heck für Augenblicke aus dem Wasser ragte und das Ruderblatt keinen Wasserkontakt hatte, somit wie ein Lämmerschwanz durch die Gegend wackelte. Unsere Ruderanlage war ausgefallen. Die Medea musste mit dem Handruder auf Kurs gehalten werden, was eben nur sehr schwierig zu bewerkstelligen war.
Der Steuermannsmaat brüllte ständig wie ein Stier und war trotzdem  kaum zu verstehen. Das Unwetter war lauter. Er wusste aber nur zu genau, dass wir nur bei strikter Einhaltung des vorgegebenen Kurses überleben konnten. Das Boot durfte nicht von der Seite erwischt werden. Also ständig frontal gegen den Orkan hieß die Parole.
Wenn das Boot mit dem Bug in ein Wellental stürzte und das Vorschiff vollkommen überschwemmt wurde, ragte das Heck mit dem Ruderblatt aus dem Wasser, wie schon  gesagt. In diesen Sekunden spürten die Männer am Handruder keinen Widerstand und flogen regelrecht durcheinander.  Der nächste Augenblick erforderte sehr schnell alle Kraft um Ruder, denn dann war der Bug auf dem „Berg“ und das Ruderblatt hatte Wasserberührung. Diese Sekunden galt es voll zu nutzen, um den vorgegebenen Kurs einigermaßen halten zu können. Stunden ging das so.
Meine Seenotmeldung war ich los geworden. Antwort: „Wir haben mit uns zu tun. Beidrehen ist Selbstmord.“
Hier will ich nicht verhehlen, dass auch mir mit dieser Entscheidung ein Stein vom Herzen gefallen ist. Selbst wenn uns ein Wendemanöver wirklich gelungen wäre, kann niemand sagen, ob wir die Schiffbrüchigen überhaupt gefunden hätten. Jedenfalls wäre dies sehr unwahrscheinlich gewesen. Grausam war nicht nur der Krieg, sondern auch der Kampf mit der entfesselten Natur. Da sind Menschen sehr kleine Winzlinge.
Ich wurde wieder auf das Signaldeck beordert, obwohl ich nicht recht wusste, was ich dort sollte. Die Sicht war weiterhin gleich null. Der Kampf mit der aufgebrachten See dauerte noch Stunden. Mittlerweile hatte ich mir aber im  Umgang mit den hohen Wellen einige Erfahrungen angeeignet und ließ mich nicht mehr so schnell gegen die Reling werfen.
Mitternacht musste schon vorüber gewesen sein, als ich mir einbildete, dass der Sturm nicht mehr so laut brüllte. Die Wellen hatten aber nach wie vor gewaltige Höhen. Immer wieder rollten sie über das Signaldeck, ihre Spitzen klatschten mir auch noch ins Gesicht. Während der ganzen Sturmnacht hatte ich den Eindruck, dass wir gar nicht vorwärts kommen, sondern die Wellen uns rückwärts schieben. Zum Teil ist es auch so gewesen, wie die erste Standortbestimmung nach dem Abflauen des Orkans gezeigt hat.
Die ersten Morgenstunden brachten an den Tag, dass wir alles überstanden hatten, zwar mit Beulen und Platzwunden. Alle Mann waren aber noch an Bord. Der Sturm und auch der Regen waren abgezogen. Es war merklich kühler geworden, aber mit einer ganz klaren Sicht begann der Tag.
Im Morgengrauen legten wir erschöpft im Hafen von Triest an und warteten auf die anderen Schiffe des Geleitzuges. Aber wir warteten vergeblich. Keiner wurde jemals wieder gesehen. Das Meer hat sie alle behalten.
Ich kletterte abgekämpft in meine Hängematte. Die Katholiken aus dem Rheinland besuchten die Morgenmesse der nicht weit vom Hafen gelegenen Kirche, um ihrem Herrn zu danken. 
Mein stiller Dank galt dem Steuermannsmaat aus Norddeutschland, der mich, ich bildete es mir jedenfalls ein,  gar nicht leiden konnte.


Nachwort zu 1944-11-1:

Im Zielhafen legte die Medea am nächsten Morgen als einziges Boot an. Die mit im Geleitzug fahrende Duca (auch 3. Geleitflottille) war im Sturm definitiv verloren gegangen (abgesoffen hieß so was in der damaligen Umgangssprache). Da auch von den im Geleit fahrenden Kümos (Küstenmotorschiffe) keines in Triest ankam sind wir davon ausgegangen, dass sie ebenfalls Opfer dieses Sturmes geworden sind, denn offizielle Angaben gab es nicht.
Heute würde ich diese Aussage unbedingt mit einem Fragezeichen versehen, da ich davon ausgehe, dass es sich bei den Kapitänen dieser italienischen Fahrzeuge um ortskundige und erfahrene Seeleute gehandelt hat, die die heraufziehende Gefahr rechtzeitig erkannt hatten und Schutz im kleinen Hafen Grado oder in der Zufahrt nach Monfalcone  fanden. Aber in meinem aus der damaligen Sicht geschriebenen Erzählung ist so eine Möglichkeit überhaupt nicht aufgenommen, da wir in dieser Richtung auch gar keinen Gedanken verloren haben. Tagelang waren alle an Bord sehr benommen (Schockwirkung). Es wurde kaum gesprochen und von der Sturmnacht überhaupt nicht. Selbst die vermissten Kameraden von der Duca, die wir ja alle kannten, gerieten selten in ein Gespräch.

Offline Ferenc

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #67 am: 06 November 2012, 21:27:25 »
Danke für den Erlebnisbericht. Wirklich sehr interessant.
Ich hatte bei Tauchausfahrten in der Winterzeit auch schon ein paar mal Sturmerlebnisse in der Adria.
Einmal in Albanien und einmal in der Südadria hatten wir während des Sturmes je eine einzelne riesige Welle dabei, bei denen die Inneneinrichtung der Brücke und in der Kombüse etc zu Bruch ging und die Personen herumgeschleudert wurden (Prellungen Hämatome). Beide male waren kurz vor dem kentern. Blickte man auf der einen Seite zum Himmel sah man nur Wasser, blickte man auf der anderen Seite am Rumpf nach unten blickte man in die Luft (blödes Gefühl). Ich bekam das Gefühl, dass es auch in der Adria (entsprechende-relative) Monsterwellen geben kann.
Jedenfalls die geschilderten Erlebnisse kann ich sehr gut nachempfinden.
Interessant wäre aber wirklich das Schicksal der anderen Schiffe.
Die Kümos in der Adria sind schon sehr interessant.
Hast Du noch mehr Erinnerungen?

LG
Ferenc

Online Urs Heßling

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #68 am: 07 November 2012, 07:38:04 »
moin,

ein toller Bericht  top :MG:

„Wir haben mit uns zu tun. Beidrehen ist Selbstmord.“
Hier will ich nicht verhehlen, dass auch mir mit dieser Entscheidung ein Stein vom Herzen gefallen ist. Selbst wenn uns ein Wendemanöver wirklich gelungen wäre, kann niemand sagen, ob wir die Schiffbrüchigen überhaupt gefunden hätten. Jedenfalls wäre dies sehr unwahrscheinlich gewesen. Grausam war nicht nur der Krieg, sondern auch der Kampf mit der entfesselten Natur.

es gibt einen Fall der Rettung Schiffbrüchiger im Orkan (Windstärke 12), an den zu erinnern sich immer wieder lohnt: die Rettung der Überlebenden der US-Zerstörer "Hull" und "Spence" durch die Besatzung des Geleitzerstörers "Tabberer" unter LtCdr H. Plage im Taifun "Cobra" im Dezember 1944.

Gruß, Urs
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Offline kgvm

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #69 am: 07 November 2012, 11:02:07 »
Ob "Duca" wirklich verlorenging?
Es dürfte sich um die 1943 gebaute, 157 BRT große "Duca Gabriele Ferretti" handeln, die zunächst als "IV 56" und dann als "G 320" bei der Kriegsmarine im Einsatz stand.
Nur: nach Gröner wurde sie 1945 zurückgegeben, wurde 1951 in "Angela" umbenannt und 1956 in "Lanterna" und war 1960 noch in Fahrt.
Mag natürlich sein, daß sie in der Bora "nur" strandete und später, also wahrscheinlich nach dem Krieg, gehoben und repariert wurde.

Offline Medea 45

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #70 am: 20 November 2012, 19:38:33 »
Hallo Kgvm

Danke für Hinweis, der mich natürlich sehr neugierig macht. Könntest du mir weitere Einzelheiten mitteilen, da ich keinen Zugang zu Gröner habe?
-   welchen Verwendungszweck fand die Duca nach dem Krieg?
-   Was bedeuten Bezeichnungen IV 56 und G 320?
      (Medea in meiner Erinnerung IV 55 und G 310?)
Unsere/meine Annahme, dass Duca im Sturm verloren gegangen ist gründet sich auf folgende Fakten:
-   Duca ist nicht in Triest angekommen.
-   Duca wurde in den Folgemonaten bis Kriegsende nie mehr gesichtet (weder im Heimathafen, noch in anderen Häfen. Demnach gab es auch keine gemeinsamen Einsätze mehr.
-   Meines Wissens ist auch keiner von den uns bekannten Besatzungsmitgliedern jemals mehr gesehen worden.
Allerdings kann SOS-Geber auch ein anderes Fahrzeug gewesen sein.
Offizielle Angaben = Fehlanzeige!
Meine Aufzeichnungen beruhen nach wie vor auf Erinnerungen aus einem bescheidenen Gesichtsfeld heraus!

Danke im voraus !






Offline kgvm

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #71 am: 20 November 2012, 20:13:31 »
IV = Hafenschutz Italien Venedig
G = Geleitflottille
Zum Einsatz nach dem Krieg kann ich nichts sagen, anzunehmen ist, daß der hölzerne Motorsegler hauptsächlich in den italienischen Gewässern im Einsatz war.
Im Lloyd's Register 1956 findet sich als Eigner der "Angela" Luigi Micucci, Ancona.

Offline renard007

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #72 am: 25 Mai 2021, 21:23:27 »
Wie bekomme ich raus wer auf diesen gesunkenen Schiffen war? Mein Opa war auf einem der Schiffe die 04-1945 gesunken ist.
Info ist vor Triest, aber welches Schiff war das? Wie bekomme ich das heraus?
Er war bei der 10. Landungsflottille, Triest

Online t-geronimo

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #73 am: 25 Mai 2021, 23:25:57 »
Aus der Zeit kurz vor Kriegsende gibt es leider so gut wie keine Akten. Eine Namenszuordnung zu einem bestimmten Fahrzeug ist so gut wie unmöglich. Leider, tut mir leid.
Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
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Forum MarineArchiv / Historisches MarineArchiv

Offline Darius

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Re: gesunken MFP`s in Adria
« Antwort #74 am: 26 Mai 2021, 23:59:07 »
Hast Du, renard007, schon diese Institutionen angefragt?
 --/>/> https://www.forum-marinearchiv.de/smf/index.php/topic,24577.0.html


 :MG:

Darius