Flotten der Welt > Die Rote Flotte und die russischen Marinen - Geschichte und Einsätze

Ein Beispiel für eine Recherche ?

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kalli:
Eine weitere E-Mail unseres "korrespondierenden Mitglieds" Micha, das hoffentlich bald ein "ordentliches" wird :O/Y erreichte mich zum Thema Genauigkeiten von Gefechtsberichten. Man könnte auch sagen, ungeprüfte Übernahme dieser in die Geschichtsschreibung.

Aber lest selbst und bildet euch ein eigenes Urteil.

Daß nicht jedes vermeintliche, nach Augenzeugenberichten, Torpedoschnellboot in der Tat  ein solches war, kann durch folgendes Beispiel belegt werden. Ich möchte mich hier auf das Buch von Wolfgang Harnack, „Die deutschen Flottentorpedoboote 1942-1945“ berufen, und konkret auf die Seite 198, wo unter dem 06.05.1945, als die Unternehmung „Hoffnung“ in der Ostsee im vollen Gange war, folgendes zu lesen ist:
 
T 28 und ISAR, dazu Zerstörer FRIEDRICH IHN, werden in der Höhe von Stolp gegen 01.00 Uhr von russischen Schnellbooten attackiert. T 28 hat zuvor die Ziele mit dem FuMO geortet und schießt LG, in deren Licht mehrere Objekte deutlich auszumachen sind. Das Boot eröffnet mit der 10,5-cm-Batterie das Feuer. Die Salven liegen deckend, und es werden mehrere Volltreffer beobachtet. Nachdem bald darauf keine Ziele mehr geortet werden, setzen T 28 und ISAR den Marsch nach Hela fort. ... Dann (nach ein paar Stunden, nach Einschiffung von Soldaten, Verwundeten und Krankenschwestern – Anm. MiJa) läuft T 28 wieder aus. Kurz darauf wird in der mittleren Ostsee das treibende Wrack eines sowjetischen Schnellbootes gesichtet, mit dem T 28 in der vergangenen Nacht das Gefecht hatte. Das Boot stoppt, der Kutter wird mit dem I. W.O. und zehn Mann besetzt und gefiert, und das Wrack wird inspiziert. Etwa sieben russische Seeleute werden gefangengenommen, und nach Mitnahme einiger Ausrüstungsgegenstände, Seekarten und sowjetischer Ehrenzeichen kehrt der Kutter zu T 28 zurück. Das S-Boot wird dann mit zwei Schuß aus dem vierten 10,5-Geschürz versenkt.  

Ich blätterte in meinen Quellen hin und zurück, weil ich wissen wollte, um welches Boot  es sich hat handeln könnte? Das Ergebnis war gleich null. Als ich dann mehrmals den oben zitierten Bericht las, fiel mir auf, daß hier kein Wort darüber erwähnt wurde, daß feindlichen Torpedos ausgewichen wurde. Da kamen die ersten Zweifel auf, ob es wirklich Torpedoschnellboote waren, weil bekanntlich in der Nacht alle Katzen schwarz sind. Der Schneid der sowjetischen Torpedokutterfahrer fand Anerkennung auch bei den Kommandanten deutscher Flottentorpedoboote, die wie z. B. KL Buch (T 30) in offiziellen Berichten zugaben, daß die sowjetischen Torpedokutter in ihren Angriffen den Briten im Kanal ebenbürtig waren. 
 
Vor ein paar Monaten fiel mir in die Hände das russische Buch von E. Ju. Kobtschikow, „Nadwodnyje sily Kriegsmarine w wojne protiw Sowetskowo Sojusa w 1941-1945 godach“, herausgegeben in Sankt Petersburg im  Jahre 2002. Dieser russische Marinehistoriker gibt auf Seite 92 zu, daß in der Nacht vom 5. zum 6. Mai 1945 ein ostwärts gehender, deutscher Geleitzug, der aus Kriegsschiffen bestand, von sechs Wachbooten der D3-Klasse angegriffen wurde. Der Kampf wurde auf einer Entfernung von 10 bis 30 Kabellängen geführt. Die sowjetischen Boote, die vom Gegner als Torpedoschnellboote klassiffiziert worden waren, wurden mit dem FuMO geortet, und im Licht der Scheinwerfer unter Feuer genommen. Manövrierunfähig geschossen wurde dabei das Wachboot
MO-595,
dessen Besatzung in deutsche Gefangenschaft geriet. 
 
Noch ein Wort vielleicht zu dem besagten Wachboot, daß zum Typ eines Wachbootes bzw. eines kleinen U-Jägers gehörte. Amtliche Bezeichnung: Malyj ochotnik tipa D-3 (PP-19-OK). Es waren "Torpedoschnellboote" der D3-Klasse, aber ohne Torpedoabschußvorrichtungen, insgesamt in der BRF 51 Boote.
 
Das Boot MO-595 (Baunummer: 91) wurde in den Jahren 1943-1944 im Betrieb Nr. 5, das dem Ministerium für Innere Angelegenheiten, dem berüchtigten NKWD gehörte, gebaut. In Dienst gestellt am 30.09.1944 und am 28.11.1944 der BRF zugeliefert. Verbleib: Am 06.05.1945 auf dem Weg von Cranz nach Stolpmünde in der Nähe des Leuchtturmes Rixhöft im Kampf versenkt.
 
Diese Angaben nach: A. Schirokorad „Korabli i katera WMF SSSR 1939-1945 gg“, Minsk, 2002, Seite 176.
 

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