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Autor Thema: Ein ungewöhnliches Modell  (Gelesen 321 mal)

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Offline olpe

  • Kapitän zur See
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  • Beiträge: 2223
Ein ungewöhnliches Modell
« am: 06 März 2020, 07:15:09 »
Hallo,
im Marinemuseum der 1. Flottille in Peenemünde steht seit einigen Monaten ein außergewöhnliches Schiffsmodell. Dieses Modell wurde von einem Trödelwarenhändler in Strausberg in Brandenburg erworben, der Vorbesitzer ist leider verstorben. Am Modell befindet sich ein Schild mit der Aufschrift:

Studie 1966
Projekt: VM-mittelschwerer Zerstörer (Fregatte)
Anforderungen: Universelle Einsatzmöglichkeiten für Ausrüstung und Einsatzgebiet
Bei Vorstellung der Studie 1968/69 verworfen, zum Vorteil der KONI-Klasse

Einige Gedanken zum Schiffsmodell:
Bei der Betrachtung des Schiffsrumpfes ist eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Projekt “FALKE” auffällig. Beide sind als recht elegante Glattdecker mit leichtem Straak ausgeführt. Es existierten ja mehrere “FALKEN”-Varianten: die Projekte 10, 13, 26 und 29, daneben noch ein Zerstörerentwurf, vermutlich Projekt 20. Es ist natürlich schwer zu rekurrieren, welchen Rumpf der Modellbauer bei der Umsetzung seines Vorhabens wählte.

Die Bewaffnung und das Oberdecksequipment des Modells sind durchaus überraschend. Neben den beiden Zwillingstürmen, die dem sowjetischen 130mm-Nachkriegsmodell B-2PM nicht unähnlich sehen, fallen die zwei Schiff-Luft-Raketenstarter OSA-M vor dem Brückenaufbau und achtern sowie die Container für Schiff-Schiff-Raketen an Stb.- und Bb.-Seite auf. Direkt hinter dem achteren OSA-M-Starter sind zwei RBU-6000 U-Jagd-Raketenwerfer eingerüstet, danach folgt der hintere Geschützturm. Diese Anordnung lässt bedingt durch die notwendige Größe der Barbetten sowie der Munitionskammern nur wenig Raum für die Maschinen- und Wellenanlage. In der Praxis wäre eine derartige Anordnung nur schwerlich umsetzbar, die Achterlastigkeit durch das Gewicht der Bewaffnung/Munition ist hierbei noch gar nicht berücksichtigt. Die Platzierung der RBU-6000 direkt auf dem Oberdeck ist m.E. bau-technisch kaum möglich, da zwischen der Munitionslast und dem Werfer systembedingt noch ein Aufzug von ca. 2,5m Länge vorhanden ist. Eine höhere Platzierung auf einem Decksaufbau ist daher notwendig.

Die elektronische Sensorik in Form der Antennen deutet auf eher ältere Modelle hin (Radaranlage „FUT-N“ NATO: SLIM NET), wobei die Antenne und der Mast recht überdimensioniert wirken. Die Rundkuppel des Radoms achtern – augenscheinlich die Leitanlage für die bereits genannten Luftabwehrraketen OSA-M - erschließt sich mir kaum, da eine derartige Konstruktion in den WP-Marinen eher unüblich war. Die niedrige Anordnung ist funkmesstechnisch nicht sehr glücklich gewählt und für den Starter vor der Brücke dysfunktional. Der Feuerleitstand für die Hauptartillerie SWP-42-50 vor dem Mast ist bei älteren Marineschiffen sowjetischer Bauart üblich und war weit verbreitet.

Es sieht so aus, als ob es sich bei dem Modell um eine phantasiereiche Adaption des “FALKEN”-Rumpfes in Anlehnung an die Zerstörer Typ 30 (SKORYY-Klasse) der Seekriegsflotte der UdSSR handeln könnte. Auch der Hinweis auf dem Schildchen auf die sowjetische KONI-Klasse (Projekt 1159) greift m.E. zu kurz, da die Projektierung der KONI’s erst Ende der 60er Jahre in Zelenodol’sk an der Wolga begann und man von diesem Schiffstyp wegen der bekannten Geheimhaltungsgründe noch gar nichts wissen konnte …

Es ist auffallend, dass der Modellbauer wohl über profunde Kenntnisse der damals vorhanden und auch künftigen Bewaffnungsvarianten besaß - sowohl bezogen auf die Effektoren (Waffen) als auch auf die Sensorik (Radaranlagen).

Die Frage ist: wer kann über das Modell und dessen Idee, Herkunft und/oder Bau Auskunft geben? Jeder Tipp ist willkommen (der Trödelwarenhändler weiß es nicht und eine Nachfrage bei der Marine-Offizier-Messe Strausberg ergab noch kein Resultat, leider sind in den vergangenen Jahren auch einige ältere Mitglieder in den letzten Hafen eingelaufen …
Soweit für den Moment.
Grüsse
OLPE

PS: die Zustimmung des Museums für die Recherche im Internet und Bildveröffentlichung liegt mir vor

Offline Urs Heßling

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Re: Ein ungewöhnliches Modell
« Antwort #1 am: 06 März 2020, 09:52:46 »
moin,

Es ist auffallend, dass der Modellbauer wohl über profunde Kenntnisse der damals vorhanden und auch künftigen Bewaffnungsvarianten besaß
Wir hatten das Modell ja schon in Rostock mit kleinem Bild besprochen.

Bei jetzt möglichem genaueren Hinsehen fällt mir auf, dass weder die OSA-M- noch die RBU-6000-Starter einen "Abbrandschutz" (vor dem nach hinten gehenden Feuerstrahl) haben.
Mit den "profunden Kenntnissen" kann es dann doch nicht so weit her sein ...

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"