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Autor Thema: Ernst Thälmann Werft Brandenburg an der Havel  (Gelesen 479 mal)

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Offline VINI

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Ernst Thälmann Werft Brandenburg an der Havel
« am: 28 September 2018, 16:46:10 »
Schiffsbaukonsrukteur Herbert Bernau, sein Baukastenboot und Tragflächenboot

Moin, moin,

eine reglementierte Wirtschaft, wie es auch die Planwirtschaft in der DDR war, verlangt natürlich auch die Versorgung der Bevölkerung mit Waren und Gütern.
Hierzu wurden den Betrieben und Kombinaten Vorgaben für die Konsumgüterproduktion gegeben.
Die Konsumgüterproduktion umfasst eben die Versorgung der Bevölkerung.
Die Volkswerft „Ernst Thälmann“ Brandenburg hatte die Vorgabe ein Sportboot für die Bürger der DDR zu planen, zu konstruieren und zu produzieren.

Hierfür erhielt die Werft auch ein extra Kontigent an Holz usw.
Herbert Bernau Lehrling in der Werft bekam am Arbeitsplatz Besuch vom Ausbildungsleiter.
Ihm waren die Ausbildungsergebnisse  und das Geschick von dem jungen Herbert gut bekannt.
So klopfte er ihm fast nebensächlich auf die Schulter und sagte: „Du wirst unser neuer Schiffsbaukonstrukteur.
Die Weichen waren gestellt und Herbert Bernau ging diesen Weg.

Ein paar Jahre später riss er (Konstruktion am Zeichenbrett) das fertige Baukastenboot.
Auf besonderen Namen wurde zu der Zeit noch kein Wert gelegt. So blieb es bei dem „Zwecknamen“ Baukastenboot.

Das Boot wurde in Einzelteile, wie Spanten, zugeschnittene Sperrholzplatten für das Deck, die Seitenwände und den Unterboden zugeschnitten. Zulieferer lieferten die Beschläge.
Alles wurde nach Baukastenart produziert und verpackt.
Der Kunde hatte nun eine sehr preiswerte Alternative sich ein Boot zu kaufen. Er konnte sich sein Boot selbst zusammenbauen. Hierzu bestand die Möglichkeit, für die Bauzeit, sich eine Helling von der Werft zu mieten.
Ein Grundanstrich und Unterwasserbronze wurden ebenfalls geliefert. Bootsausrüstung so zum Beispiel eine Abdeckplane usw. konnten extra mitbestellt werden.

Ein Motor gehörte nicht zum Lieferumfang. Das Boot war so konstruiert, das es mit Außenbordmotor oder innenbords mit einem festen Standmotor betrieben werden konnte.
Da es zu der Zeit noch keine Außenborder mit höheren PS Zahlen gab, hat Herbert Bernau dieses Boot etwas „überdimensioniert“. Somit hat der Käufer die Möglichkeit gehabt zwei Außenborder zu nutzen.
Im Bootsbau gibt es auch Orientierungen für Länge und Breite. Es ist ein ausgewogenes Verhältnis von Beiden. Von diesem Verhältnis wich Herbert Bernau bewusst ab.
Ein sehr angenehmer Effekt der höheren Breite war ein etwas unempfindlicherer Rumpf bei Wellengang.

Die moderne Knickspantbauweise hat er ebenfalls verbessert und der Rumpf hat ein besseres Manövrierverhalten bei schnellen Kurvenfahrten.

Das Boot war zu einem Kaufpreis von 2700,00 M (Mark der deutschen Notenbank der DDR)
im Handel erhältlich und wurde über den staatlichen Einzelhandel in den jeweiligen Fachgeschäften für Wassersport angeboten.

Wie ich schon in anderen Beiträgen erwähnt habe, beschäftigte sich der Schiffsbaukonstrukteur Herbert Bernau intensiv mit Tragflügeln für Boote.
Hier baute er auf der Basis eines selbst gerissenen Rumpfes ein Sportboot mit Mahagonibeplankung.
Dieses Versuchsboot nannte er H 4, dieses Boot brachte er zur Serienreife. Herbert Bernau versicherte mir, das das Boot in Gleitfahrt Wellen bis 50 cm „weg steckte“ Auch die offiziell angegebene  Höchstgeschwindigkeit mit einem damals nur 42 PS starken Wartburgmotor von 60 km/h war nicht die Obergrenze. Herbert wie er leibt und lebt immer bescheiden.
70 „Klamotten soll der „Pott“ geschafft haben, erzählte er mir.
Er hat heute noch strahlende Augen die funkeln, wie bei einem siebzehnjährigen, wenn er von den Probe- und Ausfahrten berichtet.
Geschwindigkeit liebt er noch heute. Fährt einen Sportwagen und hat sein Konstruktionsmodell des Sportbootes Plaue mit einem Rasenmähermotor!!! ausgestattet. Ho ho sagte er: Musste mal sehn es fliegt förmlich über das Wasser“.

Dann bekam er damals Besuch. Die Staatsmacht vertreten durch die Stasi klopfte ihm auf die Schulter und sagte: Na Herbert willst du jetzt etwa Fluchtboote in Serie bauen?“
Damit war das Projekt Tragflächenboot für den kleinen Mann Geschichte. Mehr als diesen Satz sagt er auch nicht dazu.
Die DDR Wasserschutzpolizei hatte zu diesem Zeitpunkt kein Boot, was diese Geschwindigkeit hätte erreichen können. Bei dem damaligen modernen Polizeiboot (Sportboot) ZEISIG war nach 45 km/h das Ende der Fahnenstange erreicht und die hier im Forum auch geführten KB 12 und Vorgänger waren nur Verdrängerboote.

Das „Feindboot“ H 4 stand auf dem gemeinsam genutzten Privatgrundstück. Es wurde später auf dem Grundstück kurz und klein gehauen. Über den Grund schweigt er.

Einladungen in den Westen zu Fachtagungen über Tragflächenbauweise e.t.c. hatte er nicht angenommen. Der Druck war zu groß. Heute bedauert er es immer noch, das er sich mit den Kollegen nicht austauschen konnte.

Herbert Bernau hat auch schon einen Riss (Bauplan) vom Baukastenboot mit Tragflächen fertig gehabt. Dies blieb aber über viele Jahre sein Geheimnis. In einem Gespräch nach 2000 verriet er es mir.
Natürlich als Hobbybegeisterter von Sportbooten und Schiffen war ich Feuer und Flamme.
Ein Linienriss von der Seitenansicht und der Draufsicht haben überlebt. Die traurige Nachricht leider kein Spantenriss.

So kam es, das wir (auch hier mal ein herzliches Dankeschön an meine Frau) Herbert Bernau seine Unterlagen die noch vorhanden sind digitalisiert haben. Auch seine Ingenieursarbeit hat meine Frau abgeschrieben. Später zur Thälmann Werft Geschichte mehr.

Nun,
das Baukastenboot mit Tragflügeln ist nie gefahren. Trotzdem ist es interessant zu wissen, wie das Boot fahren würde. Ein RC Modell ist eine gute Alternative.
Ich möchte es bauen.
Die Spanten müssen rekonstruiert werden. Maße von den Linienrissen können übernommen werden. Rundungen im Spantenverlauf des Seitenwandbereiches sind nicht entnehmbar.
Hier müssen Bilder helfen. Und das Wichtigste, ich habe ja noch Herbert.
Die Spanten 0 – 5 sind zur Begutachtung. Ich bin gespannt. Habe ich alles bedacht und in die Zeichnungen mit einfließen lassen? Was sagt der große Meister?
Der Winter kommt immer näher und dies ist eine gute Zeit mal wieder ein Modell zu bauen.
Der Modellmaßstab ist ca. 1 : 5,7. Das Modell wird 750 mm lang und in der Breite 270 mm sein.
Was meine Augen nicht mehr schaffen kein Problem. Es gibt ja die Familie.

Anhang:
Datenblatt Baukastenboot
Bild 01 Herbert Bernau in der Mitte auf dem Eisbrecher Ex ODER gebaut auf der ETW
Bild 02 Herbert Bernau am Steuer
Bild 03 Herbert an „seinem“ Baukastenboot bei der Arbeit
Bild 04 Tragflächenboot H 5 Linienriss
Bild 05 Spant
Bild 06 farbliche Gestaltung des zukünftigen RC Modells: Alubronze, Signalrot, Kupferbronze

LG
VINI


Offline RonnyM

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Re: Ernst Thälmann Werft Brandenburg an der Havel
« Antwort #1 am: 28 September 2018, 17:21:50 »
Moin VINI,

da hat aber Herbert Bernau ein feines Boot konstruiert. top Der Preis von 2.700 Mark war ja ein echtes Schnäppchen.

Als ich im Herbst 1989 mit unseren Jungs der Square Dance Gruppe des Gymnasiums in Pinneberg nach Dresden fuhr und die Fernseher Preise von 4 - und 5000 Mark im Schaufenster sah, war ich erschrocken.

Und ein schmuckes Boot für die Hälfte :? :? :? Das nennt man dann wohl Planwirtschaft. :-D

Grüße Ronny
...keen Tähn im Muul,
over La Paloma fleuten...

Offline VINI

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Re: Ernst Thälmann Werft Brandenburg an der Havel
« Antwort #2 am: 29 September 2018, 13:22:13 »
Moin, moin Ronny,

Zitat
da hat aber Herbert Bernau ein feines Boot konstruiert. top Der Preis von 2.700 Mark war ja ein echtes Schnäppchen.

Jo, das hat sich mein Vater wohl auch gedacht.
Als ich "unterwegs" war, wurde beschlossen ein größeres Boot soll angeschafft werden.
Opa war als Tischlermeister auf der Werft und so haben sie es zusammengebaut.
Im Januar geboren und mit der nächsten Saison mit raus.
Als ich mit 16 aus dem Haus ging wurde es verkauft.
Es ist eine wirklich gute Konstruktion.
Hab einen Kumpel 2009 mal gezeigt, wie ich damals den Binnengüterschiffen auf dem Wasser begegnet bin.
Er hatt ein Oldtimersportboot aus Mahagonie. Er fürchtete um seine Nieten in den Planken.
So unscheinbar das Baukastenboot aussieht, um so mehr konntest du mit ihm "wilde Sau" spielen.

Den Preis würde ich im Verhältnis zur damaligen Zeit zwar als günstig betrachten, aber umsonst wurde dafür kein Ratenkredit
angeboten. Das letzte Modell der Bootswerft VEB Müggelspree das Sportboot CONDOR, ausgestattet mit einem Wartburg Motor, kostete 30.100.00 DDR Mark.

LG
VINI

Offline RonnyM

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Re: Ernst Thälmann Werft Brandenburg an der Havel
« Antwort #3 am: 30 September 2018, 10:08:59 »
...30.100.- Mark - daraus schließe ich, die befanden sich schon im "Wiedervereinigungsmodus" und haben sich dem westlichen Modus schon angepasst... :biggre:

Grüße Ronny
« Letzte Änderung: 30 September 2018, 19:14:48 von RonnyM »
...keen Tähn im Muul,
over La Paloma fleuten...

Offline VINI

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Re: Ernst Thälmann Werft Brandenburg an der Havel
« Antwort #4 am: 01 Oktober 2018, 10:45:16 »
Moin, moin,

die Vorstellung vom "vollen Wiedervereinigungsmodus" sah bei der Yachtwerft Berlin so aus.

LG
VINI