Boardleben > Fiete´s kleines Lachalbum

Gedenkbretter

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RePe:
Hallo,
nachdem Rolfo einen Thread übers Alter gestartet hat, gehe ich einen Schritt weiter und rede von den "letzten Dingen".
Manche hier kennen sicher den Begriff "a scheene Leich"; benutzt hauptsächlich in Bayern und Österreich. Für die die 's nicht wissen:
Nicht der/die Tote wird schön hergerichtet (das meistens schon auch) und präsentiert (im offenen Sarg), sondern das Begräbnis soll
was hermachen - Messe mit Predigt, Vereinsabordnungen mit Ansprachen, grosser Zug zum Grab, Musik, Leichenschmaus.
Aber nicht jeder konnte sich dies leisten. Bei den armen Leuten früher z.B. im Bayerischen Wald/Böhmerwald gab es kein Geld für
einen Sarg. Man behalf sich wie folgt: Man nahm ein geeignetess grosses Brett, und diese Totenbretter waren genau das was ihr Name
besagt: Bretter, die zur Aufbahrung der Toten im Sterbehaus, zur Überführung zum Friedhof und zur Bestattung verwendet wurden.
Das Brett wurde entsprechend lang abgeschnitten, meist über zwei Stühle gelegt und der in ein Leintuch gehüllte Leichnam darauf
gelegt. Nicht immer wurde dem Toten das Brett auch ins Grab mitgegeben - man liess ihn schief ins Grab gleiten und zog das Brett
wieder hoch. Aus diesen Zeiten stammen in diesen Gegenden noch die Redensarten "aufs Brettl kommen" für sterben und
"vom Brettl rutschen" für begraben werden. Vor allem arme Familien hoben das Brett auf für den nächsten Todesfall.
Warum rede ich hier in "Fietes kleines Lachalbum" von so ernsten Dingen, wo 's hier doch gewöhnlich heiter zugeht? Kommt schon noch!
Als die Leute langsam wohlhabender wurden und alle nun Särge verwendeten, wurden die Totenbretter zwar beibehalten aber nun auch
als Gedenkorte verwendet, mit Ornamenten versehen und häufig auch mit Inschriften zur Charakterisierung des/der Verstorbenen ge-
schmückt:
So z.B. bei einer Bauersfrau, die "über 96 Jahr eine tugendsame Jungfrau war".
Oder bei einem menschenscheuen Einsiedler: "Er war ein armer Scheinergesell/ob er in den Himmel kommt oder in die Höll? Zum Glück
war er ledig/Der Herrgott sei ihm gnädig."
Bei einem Holzfäller: "Der Wald, der war sein Arbeitsfeld/viele Bäume hat er dort gefällt".
Bei einem Schuster: "Sohlen, Kederl, neue Schuh/machte er gut und schnell/Es geb' ihm Gott die ew'ge Ruh/dem braven Schustergesell".
Bei einer etwas korpulenten Dame: "Theres Gschwendtner/sie wog zweieinhalb Zentner/Gott gebe ihr in der Ewigkeit/nach ihrem
Gwicht Glückseligkeit".
Am Wegesrand zum Aufstieg zum Rachel (zweithöchster Berg im Bayerischen Wald): "Wanderer steh und bet für mich/ich glaub, wir 
brauchens, du und ich/Zum Dank dafür tu ich dir kund/Zum Rachel sind's dreiviertel Stund".
So beherrschten also die Gedenkbrettdichter das Kunststück, Trauriges mit Nützlichem - und mitunter Humorvollem - zu verbinden.

     RePe

Quelle: Nürnberger Nachrichten, 28.04.2018

Ulrich Rudofsky:
 top

Ehemaliger Böhmerwäldler

harold:
"Heast, G'schissanah, z' Wean haaßt dees "a Bankl reißen", is oba scho eh dees glaiche."

[übers:] Lausche nun, o Fremdling, zu Wien nennet man dies "von der (Liege-)Bank per Sturz sich verabschieden", es dürfte sich jedoch um ein Synonym handeln. [übers. out]

Guckstu:
http://www.habsburger.net/de/objekte/der-sparsarg-ein-wieder-verwendbarer-holzsarg-anstatt-aufwendiger-und-teurer-sarge

Sehr schön auch in den Volksmund eingegangen durch:

"Heast Du stinkada Huan-Beidl, i panierad' Da aane, doß'D glei am Brettl pick'n bleibst!"

[übers:] Geehrter (olfaktorisch wahrgenommener) Kontrahent, meine zukünftige Absicht, Ihnen per schwerer Körperverletzung näher zu treten, könnte theoretisch für Sie final-letal enden. [übers. out]

Aber auch literarisch g'sichert,  "Leutnant Gustl" von A. Schnitzler:
"... den hau' ich zu Krenfleisch, der soll mir schon aufs Brettl!" (in Vorraussicht auf ein Duell mit Degen)

Gäbat ("es gäbe") noch mehrere schöne Belegstellen.

Grüße aus Wien,
Harold



RonnyM:
...ach Herold, da ist mir das Hochdeutsche doch lieber.... :-D

Grüße Ronny

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