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Die sowjetische Seekriegsflotte 1939 bis 1945 und ihre Rolle

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kalli:
Die sowjetische Seekriegsflotte 1939 bis 1945 und ihre Rolle im Seekrieg 1941 bis 1945
( Thesen )

Die sowjetische Seekriegsflotte ging aus einem Teil der zaristischen Flotte hervor. Eine große Anzahl von Überwassereinheiten mit der überwiegenden Anzahl der hohen Seeoffiziere setzte sich nach dem Ende des Bürgerkrieges, den dieser Teil der Flotte auf der Seite der Antibolschewiken geführt hatte, ab.
Aus dem verbliebenen Rest der Schiffe, Mannschaften und sich loyal erklärten Offizieren wurde die Sowjetflotte gegründet. Marineschulen nahmen ihren Ausbildungsbetrieb auf, Mannschaften wurden rekrutiert und ausgebildet. Ein Flottenbauprogramm wurde verabschiedet und entsprechend der geografischen Verhältnisse Flotten- und Flottillenkommandos gebildet.
Zu Beginn des Krieges mit Deutschland gab es folgende Flotten :
Nordmeerflotte
Ostseeflotte
Schwarzmeerflotte
Pazifikflotte
Hinzu kamen eine ganze Reihe von Flottillen, die im Verlaufe des Krieges eine wichtige Rolle einnehmen sollten.
So zum Beispiel
Ladogaseeflotte (finnische Front)
Asowseeflotte (Krim- und Kaukasusfront)
Flussflottillen auf Wolga, Dnepr, Donau u.a.
Insgesamt gab es von diesen Flottillen eine ganze Reihe, die je nach Kriegsverlauf umstrukturiert wurden.
An allen Marinekriegsschauplätzen waren natürlich unterschiedliche Gefechtsaufgaben zu erfüllen. Kein Gefecht, keine Schlacht gleicht sich, die Aufgaben sind äußerst unterschiedlich.
So verlangen Landungsoperationen andere Entschlüsse als Geleitschutzaufgaben. Es sind das Zusammenwirken mit anderen Verbänden zu planen, die meteorologischen und geografischen Bedingungen zu beachten und nicht zuletzt die gegnerischen Kräfte zu kalkulieren.
Trotzdem kann man für alle drei Kriegsschauplätze, zwar mit unterschiedlicher Wichtung, einige allgemeine Aussagen treffen.
Sie betreffen sowohl die militärische Führung als auch die zur Verfügung stehenden materiellen Ressourcen.
Wie in allen Gliederungen der sowjetischen Armee war auch die Flotte von den durch Stalin befohlenen Säuberungen betroffen. Um es schlicht zu sagen, 1938 standen nur noch wenige der altgedienten und erfahrenen hohen Marineoffiziere zur Verfügung, weil eine große Anzahl erschossen worden war. Die genaue Anzahl ist mir nicht bekannt, jedoch tauchen in einigen Veröffentlichungen in bestimmten Zusammenhängen Namen von Offizieren auf, deren Schicksaal sich in den Lagern oder Hinrichtungsstätten vollendet haben dürfte.
Zum zweiten waren bis zum Kriegsausbruch nur geringe Teile des ehrgeizigen Marinebauprogramms fertiggestellt worden. Neu in Dienst gestellte große Einheiten konnte man an einer Hand abzählen, viele Schiffe waren angefangen, halbfertig und im Ausland bestellte Einheiten machten auch so ihre Probleme ( siehe Kreuzer Lützow aus Deutschland) .
Mit Beginn des Krieges wurde der Weiterbau der großen Überwassereinheiten gestoppt und auch nicht wieder aufgenommen.
Welche strategischen Entscheidungen der Sowjetführung kann man aus der Sicht der Sowjetunion heute positiv beurteilen ?
1.Der frühzeitige Ausbau der Befestigungsanlagen im Osten (Wladiwostok ), der die Pazifikküste vor einem möglichen Angriff Japans wirksam schützte und gleichsam die Bindung eigener maritimer Kräfte in diesem Territorium verringerte.
2. Dass das U- Boot- Bauprogramm nicht gestoppt wurde und U- Boote aller Klassen vermehrt gebaut und ausgeliefert wurde.
3. Kleine Einheiten wie Schnellboote, Torpedoboote, gepanzerte Boote mit unterschiedlichster Bewaffnung zur Verfügung gestellt werden konnten.
4. Dass von Anfang an klar war, dass Bestandteil der Marine auch die Einheiten der Küstenverteidigung mit ihren weittragenden Batterien, die Marineflieger mit starken Einheiten und großer Stückzahl sowie die Marineinfanterieeinheiten waren.

Vor welchen Problemen stand die Sowjetflotte hauptsächlich ?

Im Grunde waren es die gleichen Probleme, vor denen die anderen Streitkräfte auch standen.
Vom schnellen Vormarsch der Wehrmacht in Richtung Osten waren natürlich auch die Flotten von Murmansk bis Sewastopol betroffen.
Die Nordflotte hatte es dabei noch am besten, da die Deutschen Murmansk nicht einnehmen konnten und dort zum Stillstand kamen.
In der Ostsee sah das schon schwieriger aus. Die deutsche Wehrmacht rückte rasch nach Osten und stand in kurzer Zeit vor Leningrad. Nach erbitterten Kämpfen musste ein baltischer Hafen nach dem anderen aufgegeben werden- ebenso die wichtigen Stützpunkte auf den Ostseeinseln und im finnischen Meerbusen. Die baltische Flotte war gezwungen, nach Kronstadt ins „Exil“ zu gehen. Wie wichtig diese umfangreichen Evakuierungen aber waren, werden wir im weiteren Verlauf noch sehen.
Im Schwarzen Meer entbrannte der Kampf um die Krim mit dem Flottenhauptstützpunkt Sewastopol, nachdem Odessa gefallen war. Diese Kämpfe zogen sich lange hin und banden riesige deutsche Kräfte. Unter anderem die 11. Armee Mansteins, die dann so nicht in Stalingrad und anderen Plätzen einsetzbar war. Zeitverluste traten dadurch auch hinsichtlich der Besetzung des Kaukasus ein. Die sowjetische Schwarzmeerflotte zog sich in kleine Häfen im Osten des Schwarzen Meeres zurück, behielt aber immer die Initiative in diesem Raum.
Am Pazifik war es weiterhin ruhig.

Welche Kampfhandlungen bestimmten den Verlauf der Jahre 1942 bis 1943 ?

Nordmeer: Geleitschutzaufgaben für die Versorgung der sowjetischen Armee, Störung der  Versorgung der deutschen Armee und Marine in Norwegen und im Nordmeer hauptsächlich durch Marineflieger und U- Boote
Ostsee: Einsatz der Feuermittel der großen Einheiten zur Verteidigung Leningrads, maritime Sicherung der Versorgung der Stadt über den Ladogasee, Eingliederung eines großen Teils des Marinepersonals in die kämpfenden Truppen
Schwarzes Meer: Zusammenwirken mit den Landstreitkräften bei Evakuierungen, Landungen, Bildung von Brückenköpfen, Störung der Versorgungslinien durch Fliegerkräfte, U- Boote und andere Einheiten.

Die großen Überwassereinheiten kamen an allen Schauplätzen außer beim Artillerieeinsatz ( dort aber sehr wirkungsvoll ) kaum zum tragen. Die Marine hatte es an allen diesen Abschnitten nicht leicht. Ihre Kräfte wurden oftmals den Kommandierenden der Fronten übertragen, sie musste Fliegerkräfte abgeben und aus dem Personalbestand Matrosen, Unteroffiziere und Offiziere in die Infanterieregimenter geben. An den Landfronten kämpften hundert tausende Marineangehörige.

Ab Ende 1943 / Anfang 1944 änderte sich die Situation

Mit dem Einsatz frischer Kräfte aus dem Osten und den zugenommenen Materiallieferungen ( Flugzeuge, U- Boote ) konnte die Marine wieder selbständiger handeln.
Eine äußerst wichtige Kraft wurde die Marineluftwaffe. Aufgrund des Frontverlaufs brauchten die Marineflieger keine Träger sondern konnten von front- und wassernahen Flugplätzen ihre Einsätze fliegen.
Nach den Schlachten von Stalingrad und Kursk und im Zusammenhang mit der sowjetischen Gegenoffensive begann auch die Flotte wieder operativer zu handeln.
Am erfolgreichsten erscheint mir hier die Schwarzmeerflotte. Sie leistete einen großen Beitrag bei der Rückeroberung der Krim, der Besetzung Rumäniens und Bulgariens.
Die Nordmeerflotte operierte erst nach dem finnisch- sowjetischen Waffenstillstand etwas offensiver- hauptsächlich mit ihren Fliegerkräften. Die Anwesenheit der Tirpitz und der Scheer band viele Kräfte, die für eine erfolgreiche Bekämpfung aber zu schwach waren.
In der Ostsee begann man nach dem Waffenstillstand mit Finnland mit der Räumung der Minen- und U- Bootsperren. Wirkungsvolle U- Booteinsätze kamen aber erst 1945 zum tragen. Diese konnten aber die durch die deutsche Marine durchgeführten Evakuierungen nur gering stören. Dabei kam es allerdings auch zu den fürchterlichen Versenkungen der Gustloff, der Goya und anderer Transporter.

Welche Probleme behinderten die Marine im Kriegsverlauf am meisten ?

Außer den schon an anderer Stelle angesprochenen sind dies :

Aufgrund der erzwungenen zurückgezogenen Stellungen der Marine machten ihr vor allem Minen, Minensperren, U- Bootsperren ( Finnischer Meerbusen ) zu schaffen. Es fehlten geeignete Räumboote und Erfahrungen über die von den Deutschen eingesetzten Minen. Für die umfangreichen Landungsaufgaben fehlte es an geeignetem Material. Der Torpedoeinsatz war häufig uneffektiv, da technische Mängel auftraten.
So positiv die Erkenntnis auch war, Fliegerkräfte in die Marine zu integrieren und auch in hoher Stückzahl bereitzustellen, so muss doch festgestellt werden, dass diese Flugzeugtypen den Anforderungen des Seekrieges nicht ausreichend genügten.
Der Einsatz der Schlachtschiffe und Kreuzer unterlag höchster Befehlsautorität.

Mario:
Was geschah eigentlich mit den Großkampfschiffen der zaristischen Flotte, die gegen die SU gekämpft hatten ??? Gingen die ins Ausland, oder wurden sie von der Sowjetführung übernommen ???
Wieso wurde die Fernostflotte nicht ins Nordmeer verlegt, oder der US-Navy angegliedert ???
Etwas änliches geschah ja mit der HMS Resolution, die an die Nordmeerflotte übergeben wurde.

kalli:
@Mario
Deine beiden Fragen sind auf die kürze nur schwer zu beantworten. Ich werde auf jeden Fall zu einem späteren Zeitpunkt, wie auch zu anderen Fragen ausführlicher schreiben.
Erst einmal zur Pazifkflotte :
Die Pazifikflotte ist die jüngste. M.E. wurde sie erst Mitte der 30 er Jahre ernsthaft aufgebaut mit der Übernahme des Kommandos durch Kusnezow. Sie bestand bis 1945 aus internationaler Sicht aus schwachen Verbänden. Admiral Kusnezow, Chef der Pazifikflotte, später Volkskommissar der Marine ( Minister ) kümmerte sich als erstes um den Aufbau der Küstenverteidigung mittels starker Batterien und vorgezogenen schwimmenden Einheiten zur Beobachtung. Aus politischer Sicht war es der Sowjetunion wichtig, die Neutralität zu Japan zu gewährleisten und mit China ein Vertragswerk abzuschließen, damit die Gefahr aus dem fernen Osten minimiert werden konnte. Der Abzug der Pazifikflotte zum Nordmeer hätte keinen wesentlichen Sinn gemacht.
1.Für die Überführung zum Nordmeer stand aus wetterbedingten Gründen nur ein kurzes Zeitfenster zur Verfügung und hätte einen starken Eisbrechereinsatz für eine vergleichsweise geringe Kampfkrafterhöhung erfordert.
2.Die relativ schwache Pazifikverteidigung zur See wäre noch mehr geschwächt worden.
3.Eine Angliederung an die US Navy hätte nur Sinn, wenn die Sowjetunion Japan den Krieg erklärt hätte und die Flotte auch zu Angriffsaufgaben getaugt hätte.

Insgesamt sprichst Du aber ein großes Dilemma an, mit dem die russische Marine seit ihrem Bestehen zu Peters ( dem Großen ) Zeiten zu kämpfen hat. Russland verfügt über die längste Küstenlinie aller Länder der Welt. Aus geografischer Lage Russlands kann die Marine aber nicht als eine Flotte operieren, weil die Zugänge zum offenen Meer alle durch Meerengen führen ( Ausnahme Pazifik ). ( Das änderte sich erst im Atom U- Boot- Zeitalter ).
Es mussten also relativ unabhängig voneinander operierende Flotten aufgebaut werden, die sich kaum ergänzen konnten ( außer im Personalbereich ).

Zum zweiten :
Was ist mit den Großkampfschiffen der zaristischen Flotte passiert ?
Die russische Marine verfügte zu Beginn und auch noch zum Ende des I. WK über eine sehr passable Flotte- allerdings mit dem oben geschilderten Handicap.
Zar Nikolaus war ähnlich wie Kaiser Wilhelm in Großkampfschiffe verliebt und schenkte der Flotte große Aufmerksamkeit. Taktisch- technisch und strategisch haben zu dieser Zeit wohl alle Großmächte ihre Fehler gemacht. Negativ für die russische Flotte war auch, dass Russland 1914 noch inmitten der Seerüstung war, um die Totalverluste aus dem russisch- japanischen Krieg von 1906 zu ersetzen. Positiv daran war, dass die fertigen Schiffe allerdings zu den modernsten gehörten.
Fakt ist jedenfalls, dass 1918 die verbliebenen Einheiten die unterschiedlichsten Schicksale „erleiden“ mussten. Im Frieden von Brest- Litowsk sicherten sich die Deutschen weitreichende Rechte an den Kampfschiffen- bezüglich Verwendungszweck, Einsatz und Übernahme. Nach der Niederlage Deutschlands und mit der russischen Revolution wurden die Schiffe de facto herrenlos. Ein geringer Teil schlug sich auf die Seite der Revolutionäre. Der größte Teil ging aber in die Internierung nach Frankreich. ( Schwarzmeerlotte ). Ich glaube auch nach Schweden ( Baltische Flotte ).
Zur Zeit der Intervention durch hauptsächlich Frankreich ,England und die USA kämpften einige der ehemals zaristischen Einheiten auf deren Seite unter weißgardistischer Führung gegen die neue bolschewistische Macht.
Nach Beendigung des Interventions- und Bürgerkrieges begann dann der eigentliche Neuaufbau einer sowjetischen Flotte. Dabei bildeten die wenigen auf bolschewistischer Seite verbliebenen Einheiten den Grundstock. Sie wurden in Flottenprogramme integriert und wo lohnenswert, aufwendig modernisiert.
Aber wie gesagt Mario- zwei eigentlich kurze Fragen aber enorme historische Hintergründe.
Da habe ich noch viel zu tun. Einen Literaturhinweis dazu hätte ich noch :
Harald Fock : vom Zarenadler zum Roten Stern
Da gibt es natürlich noch mehr. Das werde ich dann auch mal später empfehlen.

kalli:

--- Zitat ---Wie in allen Gliederungen der sowjetischen Armee war auch die Flotte von den durch Stalin befohlenen Säuberungen betroffen.
--- Ende Zitat ---

hier eine Übersicht :
Am 11.06.1937 wurden Marschall Tuchatschewski und 7 der Mitangeklagten Militärs im Hof der Lubljanka erschossen. Aber auch die Richter des Prozesses überlebten dieses Ereignis nicht lange. Bis auf zwei, Marschall Budjonny und Marschall Schaposchnikow, fielen auch sie Stalinschen Säuberungen in der Roten Armee zum Opfer.
Die Bilanz des Todes :
3 von 5 Marschällen
62 von 85 Korps- Kommandeuren
110 von 195 Divisions- Kommandeuren
220 von 406 Brigade- Kommandeuren
Verhaftet wurden 6000 Offiziere vom Oberst aufwärts, davon 1500 hingerichtet
Die Gesamtzahl der bei dieser Kampagne ermordeten Offiziere soll über 30.000 betragen haben
Auch die Flotte leistete einen riesigen Blutzoll
Flagschiffkommandeur der Flotte 1. Ranges : 2
Flagschiffkommandeur 1. Ranges : 5
Flagschiffkommandeur 2. Ranges : 6
Flagschiffingenieur 2. Ranges : 3
Flagschiffingenieur 3. Ranges : 5
Kapitän 1. Ranges : 15
Kapitän 2. Ranges : 9
Kapitän 3. Ranges : 4
So enthauptete Stalin die Rote Armee.

Scheer:
@Kalli

ich möchte noch mal auf Marios Idee einer Verlegung der Pazifikflotte ins Nordmeer aufgreifen.

Da zu zuerst einmal eine Frage:
In welchem Maße und in welcher Stärke hatte die Nordmeerflotte einen Einfluß auf die Sicherung der Geleite von und nach den russischen Häfen (Murmansk, Archangelsk)? Hast du Informationen darüber?
Und:
Waren in der Pazifikflotte Einheiten vorhanden die Geleitschutzaufgaben übernehmen konnten?

Wenn ein Engagement Russlands bei der Sicherung der Nordmeer Geleite vorhanden war und wenn bei der Pazifikflotte noch geeignete Schiffe vorhanden waren, so wäre es doch eine geeignete Maßnahme gewesen diese ins Nordmeer zu verlegen. Diese Einheiten wären dann an einem der wichtigsten russischen Seekriegsschauplätze effektiv einsetzbar gewesen.
Eine Verlegung hätte unter guten Voraussetzungen bezüglich der Witterung und unter logistischer Hilfe der Amerikaner (Versorgung) durch den Panamakanal erfolgen können.
Denkbar wären auch Einsätze zur Geleitsicherung im Atlantik gewesen, da damit indirekt die Aufgabe zur Sicherung des russischen Nachschubs erfüllt worden wäre.
Auf jeden Fall wäre ein entlastendes Moment für die Westallierten vorhanden gewesen und die Schiffe der Pazifikflotte hätten einen aktiven Beitrag im Kampf Russlands gegen Deutschland erbracht.

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