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Seeflugstationen Bug und Wiek auf Rügen

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Eddy:
SFS Wiek und Bug auf Rügen (1916-1920)

„Flugzeuge untereinander werden sich keinen Schaden zufügen können, ohne sich selbst zu opfern. Um sich auf weite Entfernungen bekämpfen zu können, fehlt eine geeignete Bekämpfungswaffe. Das Mitführen von Maschinengewehren verspricht deshalb keinen Erfolg, weil es auch dem Begleiter bei der Schnelligkeit der Fortbewegung kaum möglich sein dürfte, das Ziel richtig zu fassen.“
(aus: Olszewski/Helmrich von Elgott – Flugzeuge in Heer und Marine – 1912)

Wie sich doch die Verfasser irrten, der 1. Weltkrieg brachte eine rasante Entwicklung im Luftverkehr.
Der 1. Weltkrieg tobte schon zwei Jahre auf den Schlachtfeldern Europas. Besonders an der Westfront auf dem Gebiet von Frankreich wurden die Kämpfe immer erbarmungsloser. Da Deutschland zu Beginn des Krieges eine nur unausgereifte Luftwaffe hatte und deren Entwicklung auch nicht die erforderliche Aufmerksamkeit geschenkt hatte, wurde das im Verlauf des Krieges anders. Der Ruf nach Luftunterstützung an der Land- und Seefront wurde immer lauter. Aufklärungsergebnisse waren unzureichend und Luftangriffe nur sehr zaghaft. Die deutsche Flugzeugindustrie war gezwungen schnelle Lösungen zu finden. So begann man bereits Anfang des Jahres 1915 mit der beschleunigten Entwicklung von Waffentechnik darunter auch die der Luftwaffe. So wurden die Leistung der Flugzeugmotoren, die Bewaffnung der Flugzeuge und natürlich auch der Ausbildungsstand der Flugzeugführer verbessert. Die Auswirkungen der Luftangriffe auf England waren militärisch gesehen eher bescheiden aber dafür moralisch um so höher. Die Propaganda in Deutschland nutzte die Ergebnisse bis ins kleinste i-Tüpfelchen aus.
1915 wurde vom Befehlshaber der Marine-Luftfahrt-Abteilung in Wilhelmshaven festgestellt, dass der Seefliegerhorst Stralsund strategisch ungünstig lag. Deshalb wurde Wiek / Rügen als neuer Standort ausgewählt. Bereits Anfang 1916 wurde mit dem Bau in Wiek begonnen, parallel dazu wurde auf der Halbinsel Bug ebenfalls eine Seeflugstation errichtet. Zur Unterstützung der Bauarbeiten sollte die Rügensche Kleinbahn eine Strecke von Wiek nach Bug verlegen, was sich aber aus Mangel an Arbeitskräften bis 1918 hinzog. Bis dahin wurden das Baumaterial über das Wasser oder Land transportiert.
Im KTB der Marine-Flugstation Stralsund stehen unter anderem 1915 folgende Einträge:
"26.X.
0830 Start Flugzeug 53 (Flieger Ob.Ltn.z.S. Friedensburg, Beobachter Ltn.z.S. Kaumann) zum Suchen eines geeigneten Flugstützpunktes an der Küste von Rügen.
1043 Landung Flugzeug 53 vor Wiek a.Rügen"
und
"06.XI.
1050 Vorbereitung für die Einrichtung des Stützpunktes Wiek a.Rügen (s. KTB vom 26.X.), der sich bei den außerordentlich ungünstigen geografischen und meteorologischen Verhältnissen Stralsunds als eine Notwendigkeit erweist.“
Alles wurde in einfacher Bauart ausgeführt und sogar Zelte wurden zum Einsatz gebracht.

Am 27. Januar 1917 wurde dann die Seeflugstation Wiek – Bug eröffnet. Dazu fand auf dem Markt von Wiek ein entsprechendes militärisches Zeremoniell statt. Die Öffentlichkeit sollte an den Erfolgen der deutschen „Kriegshelden“ teilhaben.

Die Luftbildaufnahme, am 21. Mai 1918 aus 500 m Höhe gemacht, zeigt die Seeflugstation Wiek mit zwei Anlegern und zwei Ablaufbahnen. Der größte Teil der Technik und der Sicherstellung war auf dem Bug stationiert. In Wiek war die größere Anzahl des Personals untergebracht, es verkehrte täglich mehrmals ein Boot zwischen beiden militärischen Einrichtungen.
In beiden Objekten wurde Personal ausgebildet und zwar im Bombenwerfen, als Bordschütze, als Fotoaufklärer und als Funker (Telegrafie). Für das Bombenwurftraining und den Einsatz der Bordmaschinenwaffen wurde das Seegebiet „Libben“, zwischen Bug und Hiddensee genutzt.

Die forcierte Entwicklung und Ausbildung führte zur Zunahme des Personalbestandes in der Flugstation. So waren von 1917 bis 1918 durchschnittlich etwa 700 bis 800 Personen stationiert. Das hatte natürlich auch positive Auswirkungen auf das Umfeld der Orte Wiek und Dranske. Der Bedarf an Lebensmitteln und Waren des täglichen Gebrauchs stieg und brachte für die Lieferanten gute Umsätze.
Die Seeflugstation auf dem Bug diente in erster Linie der Ausbildung von Flugpersonal aber auch als Ausgangspunkt für Fronteinsätze. Aufklärungsflüge über der Ostsee gehörten zu den Aufgaben der Station. Zwischen Swinemünde und den schwedischen Hoheitsgewässern wurden diese Einsätze geflogen. Zunehmende Beachtung fand dabei die Fährlinie Saßnitz – Trelleborg. Besonders wichtig war die Sicherung der Erztransporte aus Schweden nach Deutschland, da dieser Grundstoff für die Rüstungsindustrie dringend benötigt wurde. Von außerhalb der Ostsee war da nichts mehr möglich, da England Deutschland mit einer Seeblockade belegt hatte. Während dieser Aufgaben verbesserte sich das Zusammenwirken der Flieger mit den Seestreitkräften ständig.

Im letzten Kriegsjahr, 1918, wurden alle einsatzfähigen Flugzeuge vom Bug auf das Flugzeugmutterschiff „ANSWALD“ verlegt. Von Bord dieses Schiffes wurden die letzten Einsätze geflogen.
Als Abschlussbemerkung muss noch gesagt werden, dass ein großer Teil der im Krieg eingesetzten deutschen Flugzeuge nicht durch Feindeinwirkungen verloren ging, sondern durch technische Unzulänglichkeiten und ungünstige Witterungsbedingungen. Das traf auch auf einige Maschinen zu, die auf dem Bug stationiert waren.

Die Novemberrevolution 1918, eingeleitet durch den Kieler Matrosenaufstand, machte auch vor den Seeflugstationen Wiek und Bug nicht halt. Es kam aber hier zu keinen bewaffneten Auseinandersetzungen sondern die Revolution verlief im Sand und die Matrosen- und Soldatenräte wurden aufgelöst, die Anführer verhafte und nach Stralsund verbracht. Zu Verhandlungen kam es nicht, da die Arretierten von Gleichgesinden befreit wurden und verschwanden.
Bei den Verhandlungen der Siegermächte im Januar 1919 in Versaille (Frankreich) wurde beschlossen, dass alle militärischen Einrichtungen auf dem Bug unter der Kontrolle des britischen Flottenkommandos im Jahr 1920 zu demontieren sind. Das erfolgte dann auch unter Nutzung der seit dem 01. November 1918 fertig gestellten Kleinbahnanlage. Einige wenige Häuser, die keine militärische Zweckbestimmung hatten, wurden stehen gelassen.

Die noch verbliebenen Häuser der ehemaligen Seeflugstation Bug und das umliegende Gelände werden ab 1920 für zehn Jahre an den Deutschen Beamten- und Wirtschaftsbund verpachtet. Diese Organisation richtet hier ein Erholungsheim ein. Es entwickelt sich ein reger Erholungsverkehr.
Die Anlagen der Rügenschen Kleinbahn werden bis Dranske zurückgebaut.

Die Baracken des Wieker Stützpunktes kauft die Sozial-Versicherungs-Anstalt des Landes Sachsen und richtet ein Kindererholungsheim ein. 1928/29 werden die Gebäude umgebaut und modernisiert und so stehen sie heute noch als Kureinrichtung. 1940 war kurzzeitig Marine-Infanterie der Wehrmacht stationiert und 1943 bis 1945 diente es noch einmal als Unterkunft bzw. Lazarett. Nach dem Krieg als Waisenheim und ab 1949 als Erholungsheim für Kinder. Heute ist diese Anlage eine Mutter-Kind-Reha-Klinik der AOK Sachsen.

Das Fischerdorf Dranske bestand bis 1935 aus 13 Höfen und einer Gaststätte.

Eddy

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... und noch ein paar Fotos

Eddy:
SFS Wiek auf Rügen

 Die Seeflugstation Wiek wurde nach der Entmilitarisierung und den Kauf durch die Sächsische Landesversicherung fast völlig umgebaut. Von den ehemaligen Gebäuden der SFS dürften sehr wenige im neuen Ensemble stehen. Vergleicht bitte mal die Luftaufnahme von 1918 (im roten Rechteck die SFS) und dann die Aufnahme von 1935.
Heute stehen diese Gebäude fast alle noch in einem sehr guten saniertem Zustand und die Anlage wird als Kurklinik für Mutter und Kind durch die AOK Sachsen betrieben.
Die Fotos zeigen: einmal die SFS 1918, die Anlage des Kinderheimes 1935. Von dieser Heimanlage existieren eine große Zahl verschiedener Aufnahmen, die in den Anfangsjahren (1930er) als Ansichtskarten verschickt wurden.

Eddy:
Nun noch der Rückbau und die Entmilitarisierung auf dem Bug.
Dazu ein "Findling" aus dem Jahr 1916.

Eddy:
Hier noch der Militärpass von Waldemar Henger, der als Pilot auf dem Bug stationiert war. Dazu ein eine Höhenskala für das Leistungsvermögen seiner Maschine.

Als Flugzeuge waren laut bisheriger Auswertung des KTB Teil 1 folgende Typen in Betrieb:
Flugzeug 53, als Hauptakteur und Maschine des Stationsleiters = ALBATROS WDD
Flugzeug 489, auch sehr oft zur Aufklärung unterwegs = BRANDENBURG NW
Flugzeug 495, ebenfalls als Aufklärer unterwegs = FRIEDRICHSHAFEN FF 33E
Leider haben wir von diesen Typen mit den bestimmten Nummern noch keine Fotos recherchiert.

Eddy

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