Hypothetische Szenarien > Alternative Szenarien

Die deutschen Flottengesetze – Planungsverlauf bis 1920

(1/7) > >>

Albin:
Hallo Zusammen,

es wird viel über die deutschen Flottenbauprogramme geschrieben, meist über den Zeitraum von 1898 bis 1914. Der weitere Verlauf der Programme war ab 1914 vom Krieg bestimmt und konnte unter diesen Umständen nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Die letzten Planungen an großen Kriegsschiffen vor dem Beginn des Krieges, wurden bei den Linienschiffen 1910/12 (Bayern-Klasse) durchführt und bei den Großen Kreuzern 1913/14 (Mackensen-Klasse).

Nun finde ich es interessant zu Untersuchen, wie sich der weitere Verlauf des Flottenbauprogrammes gestaltet hätte, ohne die negativen Auswirkungen des Krieges auf den Bau von großen Kriegsschiffen.
Um einen Gesamtüberblick zu erhalten, beginne ich mit der Aufstellung ab dem 2. Flottengesetz 1900, beziehe mich dabei aber nur auf Linienschiffe und Große Kreuzer.

Die Planung hierzu sah vor:

Schlachtflotte
34 Linienschiffe
8 Große Kreuzer
Ausland
3 Große Kreuzer
Reserve
4 Linienschiffe
3 Große Kreuzer

Ersatz wurde nach 25 Jahren, gerechnet ab dem Stapellauf, fällig, nach der Novelle von 1908 wurde diese Zeit auf 20 Jahre verkürzt.

Der Bestand 1901 an Linienschiffen sah wir folgte aus:
Anrechnungsnummer an das FG: 1 / Typ - Name / zu ersetzen Jahr nach 2. FG (n. Novelle 1908)

1 / Panzerschiff – Bayern / 1903
2 / Panzerschiff – Sachsen / 1902
3 / Panzerschiff – Württemberg / 1903
4 / Panzerschiff – Baden / 1905
5 / Panzerschiff – Oldenburg / 1909
6 / Linienschiff – Brandenburg / 1916 (1911)
7 / Linienschiff – Kurfürst Friedrich Wilhelm / 1916 (1911)
8 / Linienschiff – Weissenburg / 1916 (1911)
9 / Linienschiff – Wörth / 1917 (1912)
10 / Linienschiff – Kaiser Friedrich III. / 1921 (1916)
11 / Linienschiff – Kaiser Wilhelm II. / 1922 (1917)
12 / Linienschiff – Kaiser Wilhelm der Große / 1924 (1919)
13 / Linienschiff – Kaiser Barbarossa / 1925 (1920)
14 / Linienschiff – Kaiser Karl der Große / 1924 (1919)
15 / Linienschiff – Wittelsbach / 1925 (1920)
16 / Linienschiff – Wettin / 1926 (1921)
17 / Linienschiff – Zähringen / 1926 (1921)
18 / Linienschiff – Mecklenburg / 1926 (1921)
19 / Linienschiff – Schwaben / 1926 (1921)

Große Kreuzer waren bis 1901 der Anrechnungsnummer 12 fertiggestellt bzw. noch im Bau.

Planung für 1901 / Dreiertempo
20 / Linienschiff H – Braunschweig / 1927 (1922)
21 / Linienschiff J – Elsass / 1928 (1923)
Ersatz König Wilhelm / Großer Kreuzer – Friedrich Carl / 1927 (1922)

Planung für 1902 / Dreiertempo
22 / Linienschiff K– Preussen / 1928 (1923)
23 / Linienschiff L – Hessen/ 1928 (1923)
Ersatz Kaiser / Großer Kreuzer – Roon / 1928 (1923)

Planung für 1903 / Dreiertempo
24 / Linienschiff M – Lothringen / 1929 (1924)
25 / Linienschiff N – Deutschland / 1929 (1924)
Ersatz Deutschland / Großer Kreuzer – York / 1929 (1924)

Planung für 1904 / Dreiertempo
26 / Linienschiff O – Pommern / 1930 (1925)
27 / Linienschiff P – Hannover / 1930 (1925)
13 / Großer Kreuzer C – Gneisenau / 1931 (1926)

Planung für 1905 / Dreiertempo
28 / Linienschiff Q – Schleswig Holstein / 1931 (1926)
29 / Linienschiff R – Schlesien / 1931 (1926)
14 / Großer Kreuzer D – Scharnhorst / 1931 (1926)

Zu dem 2. Flottengesetz folgt 1906 die erste Novelle, wobei hier die Zahl der Großen Kreuzer aufgestockt wird. Mit dem 2. FG ist der Bestand von 14 Großen Kreuzern erreicht. Der nächste zu ersetzende Große Kreuzer war die Kaiserin Augusta im Jahr 1917 (1912).
Novelle 1906:

Schlachtflotte
34 Linienschiffe
8 Große Kreuzer
Ausland
8 Große Kreuzer (Novelle 06 plus 5)
Reserve
4 Linienschiffe
4 Große Kreuzer (Novelle 06 plus 1)

Die Novelle 1906 entsteht schon unter dem Eindruck des Dreadnougth-Sprungs bei den Linienschiffen und Großen Kreuzern.

Planung für 1906 / Dreiertempo
Ersatz Bayern / Linienschiff – Nassau / 1933 (1928)(ab Großlinienschiff bez.)
Ersatz Sachsen / Linienschiff – Westfalen / 1933 (1928)
15 / Großer Kreuzer E – Blücher / 1933 (1928)

Planung für 1907 / Dreiertempo
Ersatz Württemberg / Linienschiff – Rheinland / 1933 (1928)
Ersatz Baden / Linienschiff – Posen / 1933 (1928)
16 / Großer Kreuzer F – von derTann / 1934 (1929) (ab Schlachtkreuzer bez.)

Novelle1908 mit Verkürzung der Ersatzfrist von 25 auf 20 Jahre.
Schön ist hier auch zu erkennen, wie die als Küstenpanzerschiffe gebaute Siegfried-Klasse nun als zu ersetzende Linienschiffe instrumentalisiert werden, um in den Aufbau einer Großlinienschiffflotte so schnell wie möglich mit Großbritannien gleich zu ziehen. Nach dem 2. FG wäre nur der Neubau von 4 Linienschiffen möglich, sowie der Ersatz für das Panzerschiff Oldenburg. Doch wird das Geschwader der 8 Küstenpanzerschiffe zu einem vollwertigen Linienschiffgeschwader ausgebaut mit 8 Großlinienschiffen

Planung für 1908 / Vierertempo
Ersatz Siegfried / Linienschiff – Helgoland / 1929
Ersatz Oldenburg / Linienschiff – Ostfriesland / 1929
Ersatz Beowulf / Linienschiff – Thüringen / 1929
17 / Großer Kreuzer G – Moltke / 1930

Planung für 1909 / Vierertempo
Ersatz Frithjof / Linienschiff – Oldenburg / 1930
Ersatz Hildebrant / Linienschiff – Kaiser / 1931
Ersatz Heimdall / Linienschiff – Friedrich der Große / 1931
18 / Großer Kreuzer H – Goeben / 1931

Planung für 1910 / Vierertempo
Ersatz Hagen / Linienschiff – Kaiserin / 1931
Ersatz Aegir / Linienschiff – König Albert / 1932
Ersatz Odin / Linienschiff – Prinzregent Luitpold / 1932
19 / Großer Kreuzer J – Seydlitz / 1932

Planung für 1911 / Vierertempo
30 / Linienschiff S – König / 1933
Ersatz Kurfürst Friedrich Wilhelm / Linienschiff – Grosser Kurfürst / 1933
Ersatz Weissenburg / Linienschiff – Markgraf / 1933
20 / Großer Kreuzer K – Derfflinger / 1933

Im Jahr 1912 werden die Novellen von 1906 und 1908 zu einem neuen Flottengesetz zusammengefasst.

Planung für 1912 / Zweiertempo
Ersatz Brandenburg / Linienschiff – Kronprinz / 1934
Ersatz Kaiserin Augusta/ Großer Kreuzer – Lützow / 1933

Planung für 1913 / Dreiertempo
31 / Linienschiff T – Bayern / 1935
Ersatz Wörth / Linienschiff – Baden / 1935
Ersatz Hertha/ Großer Kreuzer – Hindenburg / 1935

Ab hier werde ich Daten einsetzen, die dem ggf. geplanten Bauvertrag entsprechen.

Planung für 1914 / Zweiertempo
Ersatz Kaiser Friedrich III. / Linienschiff – Sachsen / 1936
Ersatz Victoria Louise/ Großer Kreuzer – Mackensen / 1936

Planung für 1915 / Zweiertempo
Ersatz Kaiser Wilhelm II. / Linienschiff – Württemberg / 1936
Ersatz Freya/ Großer Kreuzer – Prinz Eitel Friedrich / 1936


Diese weiter Darstellung geht auf das Flottengesetz zurück ohne Ausbruch eines Krieges.


Planung für 1916 / Dreiertempo
32 (Neubau) / Linienschiff U – L3? / ...
33 (Neubau) / Linienschiff V– L3? / ...
Ersatz Fürst Bismarck / Großer Kreuzer – Mackensen-Klasse?/ ...


Planung für 1917 / Zweiertempo
34 (Neubau) / Linienschiff W – L3? / ..
Ersatz Hansa / Großer Kreuzer – …/ …


Planung für 1918 / Zweiertempo
Ersatz Kaiser Wilhelm der Große / Linienschiff – L3? / ..
Ersatz Vineta / Großer Kreuzer – …/ …


Planung für 1919 / Zweiertempo
Ersatz Kaiser Karl der Große / Linienschiff – … / ...
Ersatz Prinz Heinrich / Großer Kreuzer – …/ …


Planung für 1920 / Zweiertempo
Ersatz Kaiser Barbarossa / Linienschiff – … / ...
Ersatz Prinz Adelbert / Großer Kreuzer – …/ …


Ob diese Aufstellung so weiter betrachtet werden kann, bezweifle ich allerdings, denn ab 1915/16 entbrennt die große Typenfrage über die weitere Trennung von Linienschiff und Großen Kreuzer oder der Verschmelzung zu einem schnellen Linienschiff.


Kriegsbedingt änderte sich der Ersatz von Verlusten und der Bau von Großen Kreuzer gewann Überhang.
So sollten 1915 weitere Schiffe der Mackensen-Klasse gebaut werden, die als Ersatz Blücher und Ersatz Friedrich Carl geführt werden, sowie eine überarbeitete Version der Mackensen-Klasse, die als Ersatz York-Klasse zusammengefasst wurde, die Ersatz York, Ersatz Gneisenau und Ersatz Scharnhorst. Weiterer Ersatz war nötig z.B. für die Lützow nach 1916.


Viele Studien werden in der Zeit bis 1918 betrieben, bis hin zu gleichwertigen Schlachtkreuzer-Projekten der Engländer, mit ihren „hush-hush Schiffen“ z.B. der Courageous-Klasse.


Was meint ihr dazu....



Quellen:
Deutsche Großkampfschiffe 1915-1918 / Forstmeier
Große Kreuzer der kaiserlichen Marine 1906-1918 / Grießmer
Linienschiffe der kaiserlichen Marine 1906-1918 / Grießmer
Die deutschen Kriegsschiffe 1815-1945 Band 1 / Gröner
Die Linienschiffe der Bayern-Klasse / Koop/Schmolke

bodrog:
Interessantes Thema, aber beziehe mal die Kleinen Kreuzer mit ein - dann wird die Sache erst recht bemerkenswert. Was bei den Flottengesetzten(Novellen auch immer fehlt sind die U-Boote...

Wenn du alle Stichworte subsummierst, wirst du feststellen, das jenseit von Memoiren-Rechtfertigungsliteratur wenig neues existiert und viel widergekäut wird...  :-P In meinen Augen hat die technische Entwicklung seit 1906 dermaßen Fahrt aufgenommen, dass Tirpitzens Gesetzte (der "Äthernat") ob früh oder lang sowieso den Bach runtergegangen wären. Damit wäre auch eine zwingende Neukonzeption (allein schon aufgrund des technischen Fortschritts - und dabei sind strategische wie taktische Fragen garnicht berührt) notwendig gewesen... MfG

Albin:

--- Zitat von: bodrog am 05 Dezember 2015, 15:12:42 ---[...] aber beziehe mal die Kleinen Kreuzer mit ein - dann wird die Sache erst recht bemerkenswert. Was bei den Flottengesetzten(Novellen auch immer fehlt sind die U-Boote...
--- Ende Zitat ---
Die kleinen Kreuzer, dann auch die Torpedoboote, zumindes die Großen als Vorläufer der Zerstörer ... ich denke, dann wirds unübersichtlich. Daher die Beschränkung auf die Dickschiffe.

--- Zitat von: bodrog am 05 Dezember 2015, 15:12:42 ---Wenn du alle Stichworte subsummierst, wirst du feststellen, das jenseit von Memoiren-Rechtfertigungsliteratur wenig neues existiert und viel widergekäut wird...  :-P In meinen Augen hat die technische Entwicklung seit 1906 dermaßen Fahrt aufgenommen, dass Tirpitzens Gesetzte (der "Äthernat") ob früh oder lang sowieso den Bach runtergegangen wären. Damit wäre auch eine zwingende Neukonzeption (allein schon aufgrund des technischen Fortschritts - und dabei sind strategische wie taktische Fragen garnicht berührt) notwendig gewesen... MfG

--- Ende Zitat ---

Okay, die Angabe der Literatur zielt nur auf etwaige Fragen, woher welche Informationen stammen .. aber die technische Entwicklung wurde in den Szenarios der Flottengröße und Typologie schon mit betrachtet. Ich denke, der Bruch mit dem tirpitzschen Gedanken des Flottenaufbaus, war der historischen Entwicklung des Krieges geschuldet und der Erkenntnis, daß die Basis der Dienstschrift IX nicht umsetzbar war, egal wie große die Flotte an Großkampfschiffen/Schlachtschiffen sein wird.

Aber dies soll ja hier erst einmal ausgeblendet behandelt werden.

bodrog:
Das Probelem sehe ich (selbst wenn es nur auf großkampfschiffe bezogen wird) darin, dass Oll Tirpitz krampfhaft am Flottengesetz festgehalten hat (aus seiner Sicht auch völlig rational nachvollziebar), weil ansonsten die Gefahr bestand, das der Reichstag ihm einen dicken Strich ob der Kosten durch die Flottenplanung macht. Allein die Kallamitäten wegen Willys Lieblingsprojekt "Schnelles Linienschiff" (sehr schön bei Grießmer und Forstmeier nachlesbar) spricht doch Bände. Langfristig wäre das Fottengesetzt wahrscheinlich aufgrund der technischen Entwicklung sowieso nicht haltbar gewesen. Und im Gefolge hätte die Finanzierung des ganzen gleich in den Sternen gestanden.

Aber nun ist mal die Realität, das (auch ohne Krieg) Alfred bis 1916 dem RMA vorsteht und dort gemacht wird, was der Staatssekretär befiehlt... Im Umkehrschluß bedeutet dies, du müsstest versuchen Tirpitzens Spagat (und wenn ich Grießmer richtig gelesen habe war das ein arger Eiertanz) irgendwie nach 1920 zu retten...

Albin:

--- Zitat von: bodrog am 05 Dezember 2015, 15:48:54 ---Das Probelem sehe ich (selbst wenn es nur auf großkampfschiffe bezogen wird) darin, dass Oll Tirpitz krampfhaft am Flottengesetz festgehalten hat (aus seiner Sicht auch völlig rational nachvollziebar), weil ansonsten die Gefahr bestand, das der Reichstag ihm einen dicken Strich ob der Kosten durch die Flottenplanung macht. Allein die Kallamitäten wegen Willys Lieblingsprojekt "Schnelles Linienschiff" (sehr schön bei Grießmer und Forstmeier nachlesbar) spricht doch Bände. Langfristig wäre das Fottengesetzt wahrscheinlich aufgrund der technischen Entwicklung sowieso nicht haltbar gewesen. Und im Gefolge hätte die Finanzierung des ganzen gleich in den Sternen gestanden.

Aber nun ist mal die Realität, das (auch ohne Krieg) Alfred bis 1916 dem RMA vorsteht und dort gemacht wird, was der Staatssekretär befiehlt... Im Umkehrschluß bedeutet dies, du müsstest versuchen Tirpitzens Spagat (und wenn ich Grießmer richtig gelesen habe war das ein arger Eiertanz) irgendwie nach 1920 zu retten...

--- Ende Zitat ---

Okay, da gebe ich Dir Recht, die Problematik um das schnelle Linienschiff war so in dem tirpitzschen Gedanken nicht verankert oder wurde von Ihm strickt abgelehnt. Linienschiff und Großer Kreuzer sollten unabhängig von einander bleiben und waren wohl auch so in der Flotten- und Finanzierungsplanung verankert. Das nun mit dem Fisher Projekt des aufgewerteten "schnellen" Linienschiffs oder dem "linienfähigen" Panzerkreuzer ein zweites "finanzielles" Großkampfschiff entstand, muß wohl Tirpitz seinen Bart in die Höhe steigen lassen haben ...

Aber wie auch bei anderen Themen der kontrafaktischen Geschichte, sollte ein gewisser Zeitstrahl der Abweichung des historischen aufgegriffen werden, ohne dabei kontrafaktische Geschichte wieder mit historisch reeller anzureichern, sonst wird es wirklich kompliziert.

Navigation

[0] Themen-Index

[#] Nächste Seite

Zur normalen Ansicht wechseln