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Autor Thema: Kieler Bucht , deutlich mehr Munition aus dem WK II nachgewiesen.  (Gelesen 46740 mal)

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Offline bettika61

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Re: Senfgas Flensburger Förde
« Antwort #105 am: 22 August 2018, 20:59:25 »
...unter dem Stichwort "Senfgas in der Flenbsurger Förde" habe ich bereits an anderen Stellen zu diesem Thema berichtet
Stefan Nehring hat das Thema in Waterkant 2012 unter der Überschrift
"Codename »Spaten« – Giftgas in der Flensburger Förde" publiziert. http://www.stefannehring.de/downloads/226_Nehring-2012_Waterkant-1-12_giftgas-flensburg.pdf

Die AG "Munition im Meer" hat das Thema und darauffolgende Untersuchungen in der Fortschreibung 2012 und 2013 aufgenommen http://www.schleswig-holstein.de/UXO/DE/Bericht/Bericht_node.html und damit die Recherchen von Nehring  bestätigt
Zitat
Munitionsbelastung der deutschen Meeresgewässer
– Entwicklungen und Fortschritt – (Jahr 2012)
2.3.3.2 Flensburger Förde
Nach Auswertung neu erschlossener Dokumente und sich daran anschließender Neubewer-tung bereits vorhandener Dokumente ist nunmehr belegt, dass
•   Munition nicht nur am Ausgang des Kleinen Belts, sondern auch schon auf dem Weg von und nach Flensburg versenkt wurde;
•   Senfgas-Munition neben Tabun-Munition Bestandteil der zur Versenkung bestimmten Munition war (Kennzeichnung von Granaten mit einem gelben Ring),
•   Teile der Gasmunition mindestens ab dem Passieren von Glücksburg bereits im Bereich der Flensburger Förde über Bord gegeben wurden;
•   eine versenkte Menge von rund 1.200 Tonnen Kampfstoffmunition auf den ehe-maligen Zufahrtswegen zum Versenkungsgebiet als Größenordnung angenommen werden muss.

Hallo,
bei der Beladung der Schiffe mit Gasmunition waren Offiziersanwärter der Marinekriegsschule Mürwik beteiligt.
Aus dem Crewbuch "Crew 45" (2015) Aufzeichnungen Reinhard Parzyk (MKS Mürwik):
Zitat
Sa. 28.Apr.              Arbeitskommando "Gelbkreuz". Nachts wurden mit Schlups in 4er Paketen Gelbkreuzbomben auf einen kleinen Küstenfrachter verladen. Am Morgen lief ein Schiff mit KZ-lern ein, die in einen Tieffliegerangriff geraten sind. Verwundete lagen an Deck

Bei dem "Küstenfrachter " kommen die "Taurus", "Marie Luise" oder "Karoline" in Frage.
Bei dem "KZ-Schiff" handelt es sich vermutlich um die "Olga Siemers", deren Ankunft in Flensburg ist für den 30.4.1945 bekannt.
Grüße
Beate

„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana

Offline bettika61

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Projekt "North Sea Wrecks"
« Antwort #106 am: 20 Oktober 2018, 15:56:01 »
Hallo,
Im Rahmen des Interreg Projekts "North Sea Wrecks"  unter der Federführung des DSM
https://www.bremerhaven.de/de/verwaltung-politik/bremerhaven-in-der-eu/eu-gefoerderte-projekte/north-sea-wrecks.76419.html
Werden erstmals auch die Folgen der Munitionsversenkungen in der Nordsee untersucht.

Zitat
Erstmals nehmen Wissenschaftler aus acht europäischen Ländern nun auch die Lage in der Nordsee unter die Lupe.

Ziel ist es, die Gefahren zu analysieren und Handlungsempfehlungen zu geben, wie die Leiterin des EU-geförderten Projekts „North Sea Wrecks“, Sunhild Kleingärtner, am Freitag sagte. „Nach dem Zweiten Weltkrieg dachte man, das Meer sei eine Müllkippe. Jetzt holt uns die Vergangenheit ein“, betonte die Direktorin des Deutschen Schifffahrtsmuseums in Bremerhaven.
....
Er wies auch auf eine neue Bedrohung hin: Denn inzwischen rosten die Metallhüllen der versenkten Kriegsmunition durch. Toxische und krebserregende Stoffe wie TNT und seine Abbauprodukte strömen ins Meer. Das belegte der Toxikologe zusammen mit Kollegen in Versuchen mit Miesmuscheln in der Ostsee vor Schleswig-Holstein. –
– Quelle: https://www.shz.de/21386217 ©2018
Förderprogramm: Interreg Nordsee
Laufzeit: 07/2018 - 06/2021
Gesamtvolumen: 4.670.000 €

Offiziell stehen die Kartierung und Bewertung aller vorhandenen Schiffs- und Flugzeugwracks, verlorene Ladung, deponierter chemischer Abfall und Munition im Fokus, die Munition dürfte die Mittelbereitstellung gefördert haben.

« Letzte Änderung: 20 Oktober 2018, 21:03:05 von bettika61 »
Grüße
Beate

„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana

Offline jockel

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Re: Kieler Bucht , deutlich mehr Munition aus dem WK II nachgewiesen.
« Antwort #107 am: 07 Februar 2019, 16:29:51 »
Munition am Grund der Ostsee
Überwachen, bergen oder liegenlassen – Forscher geben Handlungsanleitungen und Entscheidungshilfen


Warnboje zum Sperrgebiet Kolberger Heide mit angrenzendem Stellnetz für die Probenahme von Fischen. Foto: Thomas Lang/Thünen-Institut

Auf dem Grund der Ostsee liegen große Mengen versenkter Munition als Hinterlassenschaft des zweiten Weltkriegs – teilweise nicht weit entfernt von der Küste. Lässt man sie dort liegen und nimmt in Kauf, dass giftige Substanzen langsam austreten, oder birgt man die Munition und riskiert, dass die porösen Metallkörper dabei zerbrechen oder gar explodieren? Vor solchen Fragen stehen Verwaltung und Politik, wenn zum Beispiel ein neuer Windpark gebaut oder ein Seekabel verlegt werden soll. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben hierzu im internationalen Forschungsprojekt DAIMON Entscheidungshilfen entwickelt und jetzt im Thünen-Institut in Bremerhaven vorgestellt.

Die Menge an konventioneller Munition und chemischer Kampfstoffe wird allein in deutschen Gewässern auf 300.000 Tonnen geschätzt. Diese wurden nach dem Krieg entsorgt, ohne sich Gedanken zu machen, welche Konsequenzen dies für die Umwelt hat. Direkt vor den Toren Kiels zum Beispiel befindet sich das Munitionsversenkungsgebiet Kolberger Heide – ein Sperrgebiet, in dem rund 35.000 t Seeminen und Torpedos in maximal zwölf Meter Wassertiefe und in Sichtweite zum Strand liegen. Munition am Meeresgrund entwickelt auch noch Jahrzehnte nach der Versenkung eine gefährliche Wirkung, wie ein internationales Forscherteam jetzt herausfand: Die Ergebnisse des Forschungsprojekts DAIMON (Decision Aid for Marine Munitions) wurden vom 5. bis 7. Februar 2019 auf der gemeinsamen Abschlusskonferenz des Thünen- und des Alfred-Wegner-Instituts in Bremerhaven vorgestellt.

Die Forscherinnen und Forscher haben mit großem Aufwand Proben gewonnen und die Chemikalien analysiert, die aus den Munitionskörpern austreten. Spuren der Munition wurden in Fischen aus Munitions-Versenkungsgebieten nachgewiesen. Das gilt für Abbauprodukte des Sprengstoffs TNT und für Arsen-haltige chemische Kampfstoffe gleichermaßen. Muscheln, die in der Kolberger Heide in kleinen Netzkäfigen dem Einfluss der Munition ausgesetzt waren, reicherten TNT-Abbauprodukte an. Damit ist klar, dass giftige Stoffe aus den Bomben austreten und von den dort lebenden Organismen aufgenommen werden. Darüber hinaus konnten die Forscher feststellen, dass TNT für Muscheln giftig ist und bei Fischen das Erbgut schädigt, was zu Tumoren führen kann. Die empfindliche Plattfischart „Kliesche“ weist im Munitions-Versenkungsgebiet Kolberger Heide tatsächlich mehr Lebertumore auf als anderswo. Ein Zusammenhang zwischen lokaler TNT-Belastung und erhöhter Tumorrate liegt nahe. Die Abbauprodukte von TNT sind ebenfalls erbgutschädigend, so dass die Organismen selbst dann noch der Wirkung der Munition ausgesetzt sind, wenn das schnell abbaubare TNT schon nicht mehr nachweisbar ist.

Die Ergebnisse dieser und anderer Untersuchungen gehen in praktische und direkt anwendbare Empfehlungen für die Umweltüberwachung und für den Umgang mit der Munition ein. Wesentliche Produkte des Projekts DAIMON sind Handlungsanleitungen für die Risikoüberwachung und -bewertung: Eine direkt anwendbare Methodensammlung aus der Umweltüberwachung zur Einschätzung von akuter Gefahr für das Ökosystem durch Munition (DAIMON Toolbox) sowie ein webbasiertes System (Decision Support System), welches etwa Politikern und Behörden bei der Entscheidung helfen wird, ob Munitionsobjekte in der Ostsee z.B. lediglich überwacht oder geborgen werden sollen. Das System wurde während der Konferenz live demonstriert und stand für interessierte Anwender zur Verfügung.

Die Abschlusskonferenz war eine gemeinsame Veranstaltung des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung und des Thünen-Instituts für Fischereiökologie. An der Konferenz nahmen mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Forschung, Verwaltung, Politik und Industrie teil.

Quelle:Gemeinsame Pressemitteilung des Thünen-Instituts und des Alfred-Wegener-Instituts

Gruß
Klaus
« Letzte Änderung: 07 Februar 2019, 16:42:45 von jockel »

Offline bettika61

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Re: Kieler Bucht , deutlich mehr Munition aus dem WK II nachgewiesen.
« Antwort #108 am: 15 Februar 2019, 15:48:35 »
Zitat
Eine direkt anwendbare Methodensammlung aus der Umweltüberwachung zur Einschätzung von akuter Gefahr für das Ökosystem durch Munition (DAIMON Toolbox) sowie ein webbasiertes System (Decision Support System), welches etwa Politikern und Behörden bei der Entscheidung helfen wird, ob Munitionsobjekte in der Ostsee z.B. lediglich überwacht oder geborgen werden sollen. Das System wurde während der Konferenz live demonstriert und stand für interessierte Anwender zur Verfügung.
Hallo,
Die Botschaft scheint bei der Politik angekommen zu sein. Erstmalig wird nicht nur recherchiert und geforscht,
sondern die "Büchse der Pandorra " geöffnet,
 das mögliche Bergen der Munition , die Kosten und ihre Verteilung.
Zitat
Das lange ignorierte Problem will der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Schleswig-Holsteins Ressortchef Hans-Joachim Grote, jetzt offensiv angehen.

Die Beseitigung der Weltkriegsmunition sei eine Aufgabe von nationaler Bedeutung, sagte der CDU-Politiker dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Donnerstag). „Für mich berührt das ganz klar die innere Sicherheit.“ Er wolle den Kampf gegen die Weltkriegsmunition zu einem Thema auf der Innenministerkonferenz Mitte Juni in Kiel machen, kündigte Grote an......

Er strebe an, dass seine Innenministerkollegen aus Bund und Ländern diese gefährliche Erbschaft als gemeinsames Problem anerkennen, sagte Grote. „Das können die Küstenländer nicht alleine stemmen.“ Nach der mittlerweile vorgenommenen Kartierung sei nun ein abgestuftes Konzept zum Umgang mit diesen Hinterlassenschaften nötig. „Was kann und muss in welcher Reihenfolge noch geborgen werden?“

Finanzierung noch ungewiss

Vor allem mit dem Bund werde es natürlich auch um die Finanzierung gehen, sagte Grote. „Das betrifft insbesondere auch den Umgang mit den Kosten für die Bergung von Munition nichtdeutscher Herkunft.“

– Quelle: https://www.shz.de/22633477 ©2019

Grüße
Beate

„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana

Offline bettika61

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Re: Kieler Bucht , deutlich mehr Munition aus dem WK II nachgewiesen.
« Antwort #109 am: 05 März 2019, 18:58:25 »
Hallo,
das mögliche Bergen der Munition war Teil einer Anfrage der FDP im Bundestag
Zitat
Kleine Anfrage zu Umweltauswirkungen versenkter Munition in der Ostsee (13.02.2019): Anfrage - 
https://www.fdpbt.de/fraktion/anfragen
....
9.  Welche  Strategie  verfolgt  die  Bundesregierung  im  Umgang  mit  der  versenkten  Munition,  um  die  Auswirkungen  auf  die  Meeresumwelt  zu  minimieren?
 10.  Plant  die  Bundesregierung,  die  versenkte  Munition  zu  bergen  oder  an  ihrem Standort  zu  belassen  (bitte  mit  Begründung  antworten)?
Die Antwort der Bundesregierung überrascht nicht wirklich
Zitat
Bund sieht keine großflächige Gefährdung

Die Bundesregierung sieht keine großflächige Gefährdung durch Munition in der Ostsee. Sie hält das Problem für lokal begrenzt und plant vorerst keine großangelegte Beseitigung versenkter Weltkriegs-Munition aus der Ostsee. Das geht aus einer Antwort auf eine Anfrage der FDP im Bundestag hervor. Bei Bergungen und Sprengungen vor Ort bestünde auch die Gefahr, dass enthaltene Kampfmittel freigesetzt werden, heißt es.
https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Munition-Grote-will-bergen-Bund-tritt-auf-Bremse,munition374.html

Grüße
Beate

„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana

Offline suhren564

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Re: Kieler Bucht , deutlich mehr Munition aus dem WK II nachgewiesen.
« Antwort #110 am: 05 März 2019, 20:43:16 »
Leider zeigt diese Antwort, dass die verantwortlichen Stellen der Regierung Probleme verharmlosen bzw deren Klärung hinauszögern.
Und was bitte heißt " lokal"?
Chemische Kampfstoffe, die nur örtlich ihr Gift verbreiten?  Im fließenden Gewässer?
« Letzte Änderung: 06 März 2019, 08:56:04 von suhren564 »
Gruß Ulf

Nie darf man so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.... 
Erich Kästner

Offline jockel

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Re: Kieler Bucht , deutlich mehr Munition aus dem WK II nachgewiesen.
« Antwort #111 am: 06 März 2019, 08:40:24 »
Die Antwort der Bundesregierung überrascht nicht wirklich
Zitat
Bund sieht keine großflächige Gefährdung

Das hat Methode, schon ein gewisser Herr Pofalla verstand sich gut darauf Probleme unter den Teppich zu kehren :roll:

Gruß
Klaus

Offline bettika61

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Re: Kieler Bucht , deutlich mehr Munition aus dem WK II nachgewiesen.
« Antwort #112 am: 07 März 2019, 20:34:14 »
Hallo,
Das Thema ist zu komplex für einfache Lösungen und Schlagzeilen.
Die vollständige Antwort
Allein auf der Grundlage von Fischuntersuchungen einer Versenkungsstelle lässt sich pauschal  eine Gefährdung  nicht begründen und die Notwendigkeit von Bergungen ableiten.

Es stehen bisher nicht mal die Schützgüter fest, deren Gefährdung zu bewerten wäre.
Ist es das Wasser, der Boden, Pflanze , Tiere oder der Mensch der geschützt werden soll?
Es existieren bisher wenig bis keine anwendbaren Grenzwerte.
Ich verweise auf das Interview mit Claus Böttcher https://sail24.com/praxis/interview-wie-gefaehrlich-ist-die-munition-in-nord-und-ostsee/ von "Munition im Meer"
Zitat
Eine rechtliche Verpflichtung zur speziellen Untersuchung der Meeresumwelt auf die Freisetzung von Inhaltsstoffen versenkter Munition besteht nicht. Um die Umweltauswirkungen näher zu erforschen, wurde auch auf Initiative Schleswig-Holsteins das durch den Bund finanzierte Forschungsprojekt UDEMM auf dem Weg gebracht. Ziel ist es, eine Überwachung von munitionsbelasteten Meeresgebieten im generellen, aber auch vor und während einer Kampfmittelbeseitigung zu erreichen.

Jedes Untersuchungsergebnis kann dazu beitragen, ein Teil der Gefährdung wissenschaftlich zu untermauern und gleichzeitig den politischen Druck zu erhöhen, sich der Verantwortung für notwendige Massnahmen zu stellen.
Die Massnahme muss nicht zwingend eine Bergung sein, denn die kann bei dem Zustand der Munition gerade die Schadstoffe freisetzen, was man eigentlich verhindern will.
Da soll ROBEMM helfen.

Mal sehn was UDEMM https://udemm.geomar.de/work-program ergibt.

Grüße
Beate

„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana