collapse

* Benutzer Info

 
 
Willkommen Gast. Bitte einloggen oder registrieren. Haben Sie Ihre Aktivierungs E-Mail übersehen?

* Suchfunktion


* HMA

Autor Thema: Identifizierung eines in der Eckernförder Bucht gestrandeten MARINEFÄHRPRAHMES  (Gelesen 26249 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline bettika61

  • Boardinventar
  • *
  • Beiträge: 4996
Im Urlaub habe ich  in der Regionalschule Gingst den Lehrer getroffen, der mit seinen Schülern in Stutthoff den Weg der Barke Breslau von Lauterbach nach Dänemark recherchiert.
http://www.forum-marinearchiv.de/smf/index.php/topic,13721.msg205518.html#msg205518
Er berichtete, das  die polnische Historikerin Elsbieta Grot vom Museum Stutthof plant, die Arbeiten zum Thema Evakuierungstransporte wieder aufzunehmen.
Hallo,
Dieses Buch ist jetzt erschienen http://stutthof.org/node/814
Der Schwerpunkt beim Thema  "Evakuierungstransporte" über See wurde diesmal
auf den Transport , der auf der Greifswalder Oie strandete, von Rügen mit der "Barke Breslau"  dann auf Moen landete, gelegt. http://www.forum-marinearchiv.de/smf/index.php/topic,13721.msg208489.html#msg208489

übersetzt

leider erscheint das Buch wohl nur auf polnisch
« Letzte Änderung: 15 Juni 2016, 21:42:25 von bettika61 »
Grüße
Beate

„Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana

Online longwood

  • Seekadett
  • *
  • Beiträge: 156
Hallo DG,

vielen Dank für Deinen Tipp (Antwort #44 vom 11. August 2015) - der Artikel aus der shz-Zeitungsgruppe war wir leider nicht bekannt.

Dagegen ist mir ein Beitrag in den "Kieler Nachrichten" vom Januar 2020 bekannt, über den ich  zeitnah in diesem Thread berichten werde.

Gruß - und ein schönes (Rest-) Wochenende

Hans-Hermann H. alias longwood

Online longwood

  • Seekadett
  • *
  • Beiträge: 156
Aus Anlass des alljährlichen Holocaust-Gedenktages erschien am 25. Januar 2020 in der Tageszeitung „Kieler Nachrichten“ ein Beitrag des Redakteurs Christoph Rohde unter der Überschrift

Die Odyssee der Jüdinnen

Kurz vor Kriegsende strandeten knapp 40 Frauen aus dem Konzentrationslager Stutthof vor Bookniseck

Diesen Bericht gebe ich nachstehend wieder – jedoch meinerseits eine Anmerkung vorweg: Bei dem Landungsschiff handelt es sich um den Marinefährprahm F 862 (siehe meine Antwort #15 vom 07. Dezember 2012 dieses Threads).

"Waabs. Noch in den letzten Kriegstagen spielte sich vor 75 Jahren ein Drama in der Eckernförder Bucht ab. Bei Einbruch der Dunkelheit strandete Anfang Mai 1945 ein leckgeschlagenes Landungsboot an der Küste von Bookniseck (Gemeinde Waabs). An Bord etwa 40 ausgezehrte kranke Jüdinnen aus dem KZ Stutthof bei Danzig. Doch ihre Odyssee über die Ostsee sollte noch nicht beendet sein.

Jahrzehnte später steht Albert Leuschner an einem mächtigen Gedenkstein auf dem Eckernförder Friedhof am Mühlenberg. Der 70-jährige Gewerkschafter ist Kenner der NS-Geschichte in der Region. Das Schicksal der gestrandeten Jüdinnen hat auch ihn erschüttert. 22 Namen sind in den Stein gemeißelt. Letzte Opfer eines unseligen Transports, von denen man einige vielleicht hätte noch retten können, wie Leuschner glaubt. Eine Versorgung der Kranken und Verletzten war in Kappeln – kurz vor der Teilkapitulation – abgelehnt worden mit dem Hinweis, nicht zuständig zu sein. So mussten sie auf Trecker-Anhängern weitere qualvolle Stunden bis nach Eckernförde verbringen.

Das Landungsboot, ein etwa 50 m langer  Marinefährprahm, hatte Ende April die Danziger Bucht verlassen. An Bord drängten sich mehr als 500 Häftlinge aus dem von der SS geräumten KZ Stutthof, überwiegend jüdische Frauen und Kinder. Ein Teil war an Thypus erkrankt, an ihnen sollten medizinische Versuche verübt worden sein. Das Landungsboot war für einen längeren Transport so vieler Menschen nicht ausgelegt. Ein ehemaliges Besatzungsmitglied berichtet: „Die Leute waren geschwächt, fieberten. Trinkwasser hatten wir nur für uns und nur eine Toilette“.

Schon kurz nach dem Auslaufen ging bei heftigen Ausweichmanövern vor einem Fliegerangriff eine alte Frau über Bord. Viele weitere Opfer sollten folgen. SS-Männer, die zur Bewachung abgestellt wurden, schossen wahllos dazwischen, wenn sich jemand nicht an die Anordnungen hielt. Das Ziel war zunächst Lübeck. Vor Neustadt lagen größere Schiffe mit KZ-Häftlingen an Bord auf Reede. Teils erkannten sich Familienmitglieder wieder. Doch das Landungsboot setzte seine Fahrt Richtung Dänemark fort. „Lübeck sollte den Engländern übergeben werden, wir hatten Angst, erschossen zu werden“, so der Zeitzeuge der Besatzung.

Laufend starben unter den Bedingungen an Bord Menschen, die der Ostsee übergeben wurden. Dazu kamen Verletzte durch Luftangriffe. Zuletzt wurde das Landungsboot in der Eckernförder Bucht von englischen Jagdfliegern beschossen und bombardiert. Man vermutete deutsche Offiziere, die sich nach Skandinaven absetzen wollten. „Ich war an Deck, als die Bomben fielen“, erinnert sich Hanni Krispin, damals 20 Jahre alt, in einem Interview des ARD-Hörfunks. „Das Boot begann zu brennen. Alle sind auf mich getreten. Ich hatte beschlossen, zu sterben“. Doch Krispin hatte Glück. Sie wurde, wie mehrere andere auch, von einem Feuerschiff übernommen.

Mit noch etwa 40 Jüdinnen an Bord strandete das schwer beschädigte, manöverierunfähige Landungsboot am 4.  Mai 1945 vor Bookniseck. Der örtliche Gutsbesitzer Oskar Graf von Moltke-Kirsten organisierte die Versorgung der Jüdinnen. Nicht alle schafften es. Laut der Publikation „Vergessen und verdrängt“ starben neun von ihnen teils während der Fahrt nach Eckernförde. Weitere 13 der völlig Entkräfteten starben in den nächsten Tagen und Wochen im Krankenhaus.

Auf dem Eckernförder Friedhof erinnert heute ein Gedenkstein an den Todestransport der KZ-Häftlinge und die 22 letzten Opfer. Das Unglücksschiff, in dem noch Tage nach der Strandung Leichen im Wasser getrieben haben sollen, wurde Anfang der 1950er Jahre zum Teil abgewrackt.

Die Reste wurden erst 1989 geborgen. Nur 12 Frauen hatten das Drama überlebt. Sie trafen sich 1946 noch einmal am Strand von Bookniseck mit Graf Moltke-Kirsten, dem sie für Ihre Rettung dankten. Die Erinnerung an das Geschehen in den letzten Kriegstagen hält Albert Leuchner weiterhin wach – auf Stadtführungen und alternativen Kreisrundfahrten“.

Soweit der Bericht...

Dazu noch einige Anmerkungen:

1. - Das genannte Interview des ARD-Hörfunks wurde am 03. Juni 2010 unter dem Titel „Flammeninferno auf der Ostsee – Die späte Befreiung der Jüdinnen von Waabs“ gesendet und hatte eine Länge von knapp 30 Minuten. Eine Mitschrift – 10 Seiten DIN A 4 – liegt mir vor.

2. - In der Antwort #33 vom 30. September 2013 dieses Threads fragt bettika 61 nach dem Feuerschiff, das mehrere KZ-Häftlinge übernommen hatte. Ich treffe demnächst einen Teilnehmer des Interviews (Bürger der Gemeinde Waabs) und werde ihn fragen, was er davon weiß.

3. - Eine neue Chronik der Gemeinde Waabs – an der ich auch mitwirke - ist im Entstehen. In dieser soll auch ein längerer Bericht über diese traurige Angelegenheit aufgenommen werden. Diese wird aber erst in einigen Jahren erscheinen, da die Chronikgruppe nur aus von sog. „Barfußhistorikern“  (= Freizeithistoriker – im Gegensatz zu Berufshistorikern, die berufsmäßig alles schneller machen) erstellt wird.

4. - Die genannte Publikation „Vergessen und verdrängt“ mit dem Untertitel „Arbeiterbewegung und Nationalsozialismus in den Kreisen Rendsburg und Eckernförde – eine andere Heimatgeschichte“ war eine Begleitpublikation (Sammelband) zur gleichnamigen Wanderausstellung und erschien in mehreren Auflagen (1. Auflage von 1984 – 3. Auflage von 1995) ,  die Wanderausstellung und die Herausgabe der Begleitpublikation wurde von der SPD der Kreise Rendsburg und Eckernförde initiiert und finanziell maßgebend unterstützt.           


Viele Grüße aus Kronshagen bei
der Marinestadt Kiel

Hans-Hermann H. alias longwood

PS: Falls ich noch mehr zu dieser Angelegenheit erfahre, werde ich selbstverständlich berichten – ich hoffe jedoch, keinen zu langweilen...   ...denn wenn ich erstmal schreibe, dann schreibe ich auch...

Offline t-geronimo

  • Administrator
  • *
  • Beiträge: 20282
  • Carpe Diem!
Es ist immer gut, wenn solche Themen detailliert aufgearbeitet werden.  :TU:)
Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

Forum MarineArchiv / Historisches MarineArchiv

Offline halina

  • Boardinventar
  • *
  • Beiträge: 4028
Danke longwood für den ausführlichen erschütterten Bericht über die Grausamkeiten der letzten Kriegstage
und den hier aufgezeigten menschlicher Tragödien .

                                                                                                                       Gruss  halina
" Man muss nicht unbedingt das Licht des Anderen ausblasen , um das eigene Licht leuchten
zu lassen"
                      Phil Borman