Discovery Channel: U-K 324 - Geheimwaffe im Kalten Krieg

Begonnen von Tostan, 15 Februar 2010, 23:07:16

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Tostan

Hallo,

ich habe mir gerade obrige Dokumentation angesehen. Typische Discovery Channel-Qualität.
Also

  • Unpassendes Bildmaterial(US-Marine in der Karibik: im Film ein Flugzeugträger mit Ski-Jump)
  • Dolmetscher-Fehler("Unser Boot hatte die beträchtliche Verdrängung von siebeneinhalb Tonnen" ... nein, das war kein deutscher(Typ XXVII A), sondern ein russischer Hecht(Projekt 671РТМ "Schtschuka"(Victor III)), die haben fast tausend mal so viel :D )
  • Reißerische Beschreibung, der Inhalt enttäuscht

Aber den Vorfall 1983 kannte ich bisher noch nicht (in der Schraube von K 324 verfängt sich das Schleppsonar der USS McCloy, das Boot treibt tagelang manövrierunfähig aufgetaucht in der Karibik).

Wenn man bedenkt, was 1983 alles passiert ist

  • Korean-Airlines-Flugs 007
  • Invasion in Grenada
  • ernster Fehlalarm im sowjetischen Raketen-Frühwarnsystem
  • K 324 Zwischenfall
  • NATO-Manöver "Able Archer 83" mit realistischer Simulation eines bevorstehenden Atomkriegs

... da wundert man sich schon, dass es keinen Atomkrieg gegeben hat. Meiner Meinung nach standen wir damals nur eine Haaresbreite davor.

Was mich bei der Doku wundert, es kamen nur russische Augenzeugen zu  Wort. Ist das in den USA immer noch geheim? Ist da doch was dran an der russischen Aussage in der Doku, dass dieses Sonar ein High-Tech Testgerät war? Oder einfach nur Faulheit des Doku-Teams, die nicht auch noch in den USA recherchieren wollten? Bzw. nur diese Russischen Augenzeugen, damit es reißerischer klingt?

olpe

#1
Hallo Tostan,
ja, diesen Vorfall gab es in der Tat ... mitten in der Hochzeit des Kalten Krieges ...
Der Beitrag ist mir schon vor der ersten Ausstrahlung - vor über einem Jahr - bekannt. Mir erscheint die Aufmachung ebenfalls etwas übertrieben, die russischen TV-Macher neigen eben auch zu gewissen Übertreibungen ... die Kommentare der damals beteiligten Marineoffiziere tun ein Übriges ... die teils 'altpatriotische Grundhaltung' gebiert nicht unbedingt eine seriöse geschichtshistorische Plattform ... Inwieweit die Welt 1983 durch dieses Vorkommnis "... am Rande des Nuklearkrieges ..." stand, mag dahingestellt sein...

In einem anderen Forum hatte ich vor geraumer Zeit einen post hierzu verfaßt. Vielleicht ist er von Interesse. Da es sich bei den geschilderten Ereignissen um einen ernsthaften Zwischenfall gehandelt hat, dessen Tragweite sich zum damaligen Zeitpunkt nicht abschätzen ließ, macht diese Aktion um so erwähnenswerter:

Im Dezember 1983 fuhr das sowjetische atomgetriebene Jagd-U-Boot die K-324 vom Projekt 671RTM SHCHUKA (NATO: SSN der VICTOR-III-Klasse) zur Aufklärung von U.S.-Marineaktivitäten um Grenada vom Atlantik kommend getaucht in die Sargassosee ein. Das U-Boot unter Kapitän 2. Ranges (Fregattenkapitän) Teryochin beobachtete die Flottenaktivitäten. Plötzlich ruckte das Boot, die Propellerwelle und Antriebsturbine saßen fest. Schnell wurde klar, dass sich K-324 mir der Schraube in eine Schleppsonaranlage (der U.S. Fregatte "McCloy") verfangen hatte. Manöver Auf- und Abtauchen halfen nicht, die Schraube blieb fest. Letztlich musste der Kommandant den Auftauchbefehl geben. Manövrierunfähig lag das Atom-U-Boot unweit der amerikanischen Küste. Es tauchten die U.S.-Zerstörer ,,NICHOLSON" und ,,PETERSON" auf und beobachteten das sowjetische Boot. Die Besatzung von K-324 konnte beobachten, dass auf den U.S.-Schiffen Aktivitäten begannen, die darauf hindeuteten, die Schleppantenne nicht an der Schraube eines gegnerischen Atom-U-Bootes zu belassen. Die sowjetische Besatzung musste sogar davon ausgehen, dass das Boot geentert bzw. von Froschmännern unter Wasser inspiziert wird (psychologischer Druck). Ein U-Boot der ,Russen', aufgetaucht, bewegungsunfähig – ein seltenes Spektakel! Die sowjetischen Wachmannschaften auf dem Turm und an Deck waren permanent mit Kalaschnikow-Maschinenpistolen bewaffnet. Versuche, die Schraube frei zu bekommen, schlugen anfangs fehl. Schließlich gelang es doch mit viel Mühen, nach Anweisung aus Moskau ist ein nicht geringer Teil der modernen Sonar-Schleppantenne im Inneren des Bootes verstaut worden. Nach vielen Stunden der Ungewissheit konnte K-324 schließlich nach Kuba (Cienfuegos) mit Hilfe zweier sowjetischer Schiffe geschleppt werden (ein Aufklärungsschiff und ein Bergungsschiff), obwohl die U.S. Navy ein Abschleppen verhindern wollte. Es gab mehrere kritische Situationen in diesen Tagen.
Eine Selbstversenkung oder ein ,zur-Wehr-setzen', um das Boot nicht in Gegnerhand fallen zu lassen, wurde letztlich verhindert.

Siehe auch den Film (in russisch)
http://rutube.ru/tracks/671538.html?v=a131...6d70d86eafb7d68
Dieser Film des russischen Senders RTR (Planeta) wurde übrigens deutsch Teilsynchronisiert und auf Discovery Channel gesendet.


Soweit diese Story. Unten ein Bild der Szene: K-324 und die USS "NICHOLSON". Dazwischen hat sich zur Absicherung das sowjetische Aufklärungsschiff SSV-503 "NACHODKA" geschoben.
Die Dolmetscherin (aus Berlin) ist mir übrigens bekannt, es gab zwischen uns mehrere Gespräche über die marinefachliche Auslegung des Textes. Für die offensichtlichen Schnitzer im Film kann sie aber nichts ...  :-) ... da gibt es noch mehrere ...
Grüsse
OLPE

Tostan

Hallo Olpe, danke für die Bilder und die nähere Erläuterung.

Zitat von: olpe am 16 Februar 2010, 21:24:43
Der Beitrag ist mir schon vor der ersten Ausstrahlung - vor über einem Jahr - bekannt. Mir erscheint die Aufmachung ebenfalls etwas übertrieben, die russischen TV-Macher neigen eben auch zu gewissen Übertreibungen ...

Aha, der Film kommt rein aus Russland, das erklärt die einseitige Recherche. Dachte, der wäre in Kooperation mit einem westlichen Studio entstanden(hätte wohl genauer lesen sollen.) Die massiven Übertreibungen sind eher auf dem reißerischen Hüllentext zu finden. (siehe Kurzbeschreibung bei Amazon).


Zitat von: olpe am 16 Februar 2010, 21:24:43
Inwieweit die Welt 1983 durch dieses Vorkommnis "... am Rande des Nuklearkrieges ..." stand, mag dahingestellt sein...

So steht es auch auf der DVD, aber diese Situation war ja noch halbwegs kontrollierbar. Die Amis haben zwar etwas provoziert, aber nie so weit, dass die Sowjetische Führung da einschreiten müsste. Und das U-Boot selbst hatten sie schon unter Kontrolle. Selbst wenn da jemand die Nerven verloren hätte, wären evtl. abgeschossene Marschflugkörper in der Startphase relativ einfach abzuschießen gewesen. Trotzdem haben die U-Bootfahrer da schon extrem starke Nerven bewiesen.
Aber die Gesamtsituation 1983, diese Reihe aufeinanderfolgender Ereignisse(die im Film zwar erwähnt aber nicht weiter beleuchtet werden), die war doch nahe am Rande des Atomkriegs. Meines Wissens nach wurde es dann aber erst mit Able Archer richtig heikel, als die NATO sehr realitätsnah die Situation kurz vor einem Krieg simulierte. Für die Sowjetunion war es nicht so einfach ersichtlich, dass dies nur ein Manöver war.

Zitat von: olpe am 16 Februar 2010, 21:24:43
Siehe auch den Film (in russisch)
Mist, auch in der russischen Fassung ist das Lied am ende nicht komplett und ohne dazwischengequatsche. :( ...

Urs Heßling

hallo, Olpe

Zitat von: olpe am 16 Februar 2010, 21:24:43
Unten ein Bild der Szene: K-324 und die USS "NICHOLSON". Dazwischen hat sich zur Absicherung das sowjetische Aufklärungsschiff SSV-503 "NACHODKA" geschoben.

guter text  :-) aber:

KORINTHENMODUS EIN

das Bild zeigt die PETERSON (969) und am Bug des Trawlers steht SSV-506  :wink:

KORINTHENMODUS AUS

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

olpe

Zitat von: Urs Hessling am 16 Februar 2010, 23:53:59
das Bild zeigt die PETERSON (969) und am Bug des Trawlers steht SSV-506
Hallo Urs,
thanks for correction: Es ist die USS "PETERSON" [969] und der Aufklärer ,,NAKHODKA" [SSV-506] vom Projekt 861 (NATO: AGI der MOMA-Klasse). Die USS "NICHOLSON" trug die PT-number [982].
Grüsse
OLPE

olpe

Zitat von: Tostan am 16 Februar 2010, 21:58:04
Mist, auch in der russischen Fassung ist das Lied am ende nicht komplett und ohne dazwischengequatsche. :( ...
Hallo Tostan,
ich habe im russischen U-Bootforum angefragt, inwieweit eine mp3-Datei mit dem Lied im net existiert. Mal schauen, was die Kollegen herausbekommen ...
Grüsse
OLPE

Tostan

Danke!

Irgendwie mag ich diese russischen Lieder.... Am besten klingen die natürlich mit Gitarre und Wodka abends am Lagerfeuer irgendwo in der Taiga oder an der Russischen Küste.

Grüße
Tostan

Kaschube_29

Moin Moin,

auch als Nachtrag zum gestrigen Vortragsabend (Forumstreffen am 14.02.2013) in der OHG in Rostock:

Zum Standort des "liegengebliebenen" russischen Atom-Unterseebootes "K-324" (Projekt 671RTM, NATO: "Victor-III"-Klasse) fand ich in der Zeitschrift Marinerundschau Ausgabe 1/1984, Seite 40, die folgende Meldung, die ich hier einmal komplett wiedergebe:

U-Schiffe: Ein sowjetisches U-Boot der "Victor-III"-Klasse ist 470 sm östlich von Charleston, South Carolina, Anfang November 1983 (3. u. 4.11.83) mit Maschinenschaden liegengeblieben. Das manövrierunfähige U-Boot war von einem amerikanischen Aufklärungsflugzeug entdeckt worden. Ein sowjetischer Hochseeschlepper ist dem Boot zur Hilfe gekommen.

Damit wird hier eine genauere Angabe des Standortes gegeben, als in dieser Dokumentation (Standort: "Sargasso-See").


Bis dann,

Kaschube_29

Immer eine Handbreit Wasser unter den Kiel (Bcегда семь футов под кильем)!

olpe


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