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Autor Thema: Altmark-Zwischenfall  (Gelesen 7717 mal)

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Offline Mark Alt

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Re: Altmark-Zwischenfall
« Antwort #45 am: 14 August 2017, 23:53:35 »
Einsätze der HMS Glasgow

Anfang Februar waren 1940 mehrere britische Einheiten auf der Suche nach der Altmark. Am nördlichsten soll der leichte Kreuzer HMS Glasgow (C21) nach ihr gesucht haben vor Tromsø. Dieser Kreuzer wurde zum Abfangen des Passagierschiffes Bremen früher im Dezember 1939 eingesetzt, auch die City of Flint wollte sie schnappen am 2. November (Haar 219, 509; 339). Am 12. Februar 1940, am selben Tag, als die Altmark südlich Island stand und ihre Fahrt nach Osten fortsetzte, fang sie das deutsche Fischdampfer Herrlichkeit ab.

Ein Vierteljahrhundert früher hatte die Royal Navy eine gleichnamige Einheit: HMS Glasgow (1909), die ebenso ein leichter Kreuzer war. Sie gehörte zum Geschwader Christopher Craddock’s und war das einzige überlebende gepanzerte Schiff der Coronelschlacht (nebst den Hilfskreuzer Otranto). In der Falklandschlacht vernichtete Admiral Sturdee das Geschwader Spee’s – mit der Ausnahme des kleinen Kreuzers Dresden. Die Dresden harrte monatelang in der Südsee aus, sich meist in chilenischen Gewässer versteckend. Britische, australische und japanische Seestreitkräfte waren auf der Suche nach ihr. Bloß mit ihrer Anwesenheit soll sie den Schiffsverkehr der Entente in diesen Gewässern gestört haben, womit sie dem Ansehen der britischen Flotte schadete. In der Admiralität beschwerte man schon kurz nach der Schlacht bei Sturdee, weil er das Geschwader Spee’s nicht vollständig aufreiben konnte.

Die Glasgow war das Flaggschiff des Geschwaders, die nach der Dresden suchte und eröffnete am 14. März als erstes Schiff das Feuer auf die Dresden, während sie in der Cumberland-Bucht (Juan Fernandez-Inseln, Chile) auf ihre Internierung wartete.

Vielleicht schon wieder ein Zufall, aber die gleichnamigen Kreuzer hatten Anfang der Weltkriege die gleiche Aufgaben: entlang der langen Küsten eines neutralen Landes die deutsche Schiffe abzufangen (an den Endpunkten Kap Hoorn und Nordkapp). Diese parallelen könnten darauf hinweisen, dass einige bei der britischen Admiralität noch an Geschehnissen des ersten Krieges erinnerten  - und sich feindliche Gefühle gegenüber Dresden entwickelt haben.

Andreas

Offline Mark Alt

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Re: Altmark-Zwischenfall
« Antwort #46 am: 11 November 2017, 20:15:13 »
Blumensprache im Südatlantik (?)

Im Buch World War II Sea War Vol. I (geschrieben von Donald A. Bertke, Gordon Smith und Don Kindell – teilweise erreichbar bei Googlebooks) gibt es einige (für mich) interessante Passagen zum Einsatz der Graf Spee und Altmark im Südatlantik:

Seite 53
Zitat
24 August 1939 – Battleship NELSON and RODNEY; battle cruisers HOOD and REPULSE; aircraft carrier ARK ROYAL; heavy cruiser CUMBERLAND; with light cruisers BELFAST, EDINGURGH, GLASGOW, SHEFFIELD, and SOUTHAMPTON returned to Scapa Flow from exercises.

Seite 53
Zitat
26 August 1939 – Heavy cruiser CUMBERLAND departed Scapa Flow for Plymouth in preparation for proceeding to the South Atlantic.

Seite 57
Zitat
28 august 1939 – Heavy cruiser CUMBERLAND arrived at Plymouth in preparation for proceeding to the South Atlantic.
30 august 1939 – Heavy cruiser CUMBERLAND departed Plymouth en route to the South America Station.

Seite 76
(Zur Zeit des Ausbruchs des Krieges) –
Zitat
SOUTH AMERICA DIVISION (Under Capt Henry Harwood, Cdre 2/c on heavy cruiser EXETER. South America Division was transferred from the America and West Indies Command, just prior to outbreak of the war, to the South Atlantic Station Command. Main base Port Stanley in the Falklands.
Heavy cruisers CUMBERLAND (Capt W. H. G. Fallowfield) and Exeter (Capt F. S. Bell) en route from Devenport, England, to South America via Freetown, Sierra Leone.

Seite 126
Zitat
11 September 1939 – German pocket battleship ADMIRAL GRAF SPEE and accompanying supply ship ALTMARK (10,857grt) had a near encounter with the heavy cruiser CUMBERLAND, which was sighted by an Arado AR196 seaplane from GRAF SPEE, only thirty miles away on an intercepting course. However, CUMBERLAND was en route from Freetown to Rio de Janeiro, Brazil, and did not even sight the aircraft.
*

Seite 284
Zitat
7 December 1939 – Heavy cruisers EXETER and CUMBERLAND were on patrol in the Falkland Island area. The Admiralty anticipated that the German pocket battleship ADMIRAL GRAF SPEE might attack Port Stanley on the anniversary of the Falkland Island naval battle, in which a British force under VAdm Sir Doveton Sturdee defeated a German force under VAdm Graf Maximilian von Spee on 8 December 1914.

12 December 1939 – Heavy cruiser CUMBERLAND was in the Falklands for boiler cleaning and refitting on short notice.

14 December 1939 22:00 – Heavy cruiser CUMBERLAND (Captain W. H. G. Fallowfield), cut her refit short in the Falkland Islands and joined light cruiser AJAX and New Zealand light cruiser ACHILLES off Montevideo.

Seite 285
Zitat
17 December 1939 – Heavy cruiser CUMBERLAND remained off Montevideo.
(nach der Selbstversenkung der Graf Spee)

Der mehrmals vorkommende Kreuzer gehörte zur Kent-Klasse und wurde nach der Grafschaft Cumberland im Nordwesten Englands benannt. Vielleicht nur ein Zufall, aber die Bucht bei Más a Tierra, wo die SMS Dresden im ersten Weltkrieg auf ihre Internierung wartend beschossen wurde, trug eben den gleichen Namen: Cumberland Bucht. Die Dresden war das letzte Schiff der von Maximilian Graf von Spee kommandierten Einheiten, nachdem sie als einzige die Falklandschlacht überlebte.

Durch diese Übereinstimmung könnte man verschiedene Botschaften indirekt übermitteln. Mit der Verlegung des Kreuzers gerade in diese Region und gerade nur einige Tage nach Kriegsausbruch konnte die Admiralty auf die Beschießung der Dresden (aus englischer Sicht: Battle of Más a Tierra) im vergangenen Kriege hindeuten, was auch als eine verdeckte Bedrohung dienen und so die südamerikanischen Staaten – die gute Beziehungen gegenüber den Achsenmächten pflegten – von der „Zusammenarbeit” mit Deutschland abraten konnte (ferner voraussagen, wie weit Großbritannien das internationale Recht gegebenenfalls respektieren würde…). Chile wurde damals vorgeworfen die Dresden bei ihrem Katz-und-Maus-Spiel unterstützt zu haben. So könnte man diesen Einsatz der Cumberland als eine Art Kanonenboot-Politik betrachten.

Deutscherseits soll die Wahl auf die Graf Spee für diese Aufgabe auch nicht zufällig gefallen sein. Die Graf Spee verließ Wilhelmshaven schon am 21. August, eine Woche früher als die Cumberland Plymouth. Die Briten waren der Propaganda-Möglichkeiten bewusst, und haben sich auch auf einen möglichen Überfall am 24. Jahrestag der Falklandschlacht gegen die Inseln gut vorbereitet. (Was aber nicht geschah.)

Das alles deutet darauf hin, dass man die symbolische Werte verschiedener Einheiten der Marinen bewusst auszunutzen anstrebte. Die Cumberland war auf der Jagd nach der Graf Spee im Westen des Südatlantik, aber musste gerade wegen Reparaturarbeiten auf Falkland verweilen, und so versäumte sie – ähnlich wie später die HMS Aurora – das Abfangen des für sie bestimmten Gegners.

Beim Altmark-Zwischenfall war aber die Auswahl grösser (Cossack, Ivanhoe, Sikh usw.) und letztendlich konnte Konteradmiral Halifax seine Flagge auf die Arethusa hochziehen und andere Leute von Aurora auf die Cossack umsteigen lassen (Entermannschaft), um dann in den Schlagzeilen stehen zu können.

Unter dem Namen der insgesamt 19 britischen schweren Kreuzer habe ich keinen anderen gefunden, die mit so einem symbolischen Wert im Südatlantik verfügt hatte.

* Naval-History.net gibt diese Sichtung umgekehrt wider:
Zitat
(September) 11th:      Passage to Rio de Janeiro – Aircraft sighted German pocket battleship GRAF SPEE and tanker ALTMARK but enemy ships escaped interception.
Die andere Schilderung ist etwas ausführlicher und dort wird das Flugzeug präzise als Ar 196 angegeben. Ist also anzunehmen, das die die richtige ist.


((Noch zu vermerken: Der Vorgänger HMS Cumberland, ein Panzerkreuzer, war am Anfang des ersten Krieges auch im Südatlantik tätig. Sie patrouillirte vor der Küste Kameruns.))

Gruß
Mark Alt

Offline redfort

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Re: Altmark-Zwischenfall
« Antwort #47 am: 11 November 2017, 22:06:18 »
Zitat
* Naval-History.net gibt diese Sichtung umgekehrt wider:
Zitat

    (September) 11th:      Passage to Rio de Janeiro – Aircraft sighted German pocket battleship GRAF SPEE and tanker ALTMARK but enemy ships escaped interception.

Die andere Schilderung ist etwas ausführlicher und dort wird das Flugzeug präzise als Ar 196 angegeben. Ist also anzunehmen, das die die richtige ist.


Wieso anzunehmen  :?
GRAF SPEE hatte kein anderes Bordflugzeug mit !

Offline Mark Alt

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Re: Altmark-Zwischenfall
« Antwort #48 am: 12 November 2017, 08:25:16 »
Hallo Axel,

ich denke auch so, dass diese Ar 196 der Graf Spee gehörte. Daher also die Deutschen sichteten die Briten und nicht umgekehrt, die Briten die Deutschen, wie es bei Naval-History.net steht.

(Laut Axels Tabelle war die Maschine einer der A1-Serie (T3+AH). Der Pilot verstarb beim Seegefecht, die Maschine brannte am Bord aus. Durch Selbstversenkung dann Totalverlust.)

Ergänzung: Es ist nicht ausgeschlossen, das gerade an diesem Tag die Briten auch die beiden deutschen Schiffe sichteten, da aber im "World War II Sea War Vol. I" keine besondere Ereignisse für den 11. September 1939 (sogar gar nichts zwischen den 8. und den 15.) im Südatlantik aufgezeichnet sind, dachte ich es wäre eine Mißinterpretation bei Naval-History.net. Vielleicht beschäftigt sich das Buch nicht mit der Luftaufklärung oder nur begrenzt und deswegen ist es nicht erwähnt worden.

Gruß
« Letzte Änderung: 12 November 2017, 08:43:57 von Mark Alt »

Offline t-geronimo

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Re: Altmark-Zwischenfall
« Antwort #49 am: 12 November 2017, 10:21:07 »
An anderer Stelle schreibt naval-history.net aber:

Zitat
Central Atlantic - German pocket battleship ADMIRAL GRAF SPEE and accompanying supply ship ALTMARK had a near encounter with heavy cruiser CUMBERLAND, which was sighted by GRAF SPEE’s aircraft only 30 miles away on an intercepting course. However, CUMBERLAND was en route from Freetown to Rio de Janiero and did not even sight the aircraft.
--/>/> http://www.naval-history.net/xDKWW2-3909-06SEP01.htm


Ich spekuliere, dass die Cumberland-Meldung eher so gemeint war, dass der britische Kreuzer auf eine angebliche Sichtung der deutschen Schiffe durch ein alliiertes Flugzeug in der Zeit vor dem 11.9. reagiert und dabei nichts gefunden hat.
Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

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Offline Mark Alt

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Re: Altmark-Zwischenfall
« Antwort #50 am: 12 November 2017, 14:22:44 »
Hallo Thorsten,

Angus Konstam widmet in seinem Buch River Plate 1939: The sinking of the Graf Spee fast eine ganze Seite dem Ereignis. Demnach wußte man auf der Cumberland nichts über die Anwesenheit der Deutschen. Sie fuhr einfach nach Rio auf direktem Kurs. Die von mir zitierte Passage muss falsch sein.

Eine Kronologie enthält das Buch auch:

11 September Graf Spee’s floatplane spots Cumberland and Langsdorff avoids her.
(…)
1 October crew of SS Clement reach South America; Admiralty is informed that raider is at large in the South Atlantic.
(…)
9 October Altmark sighted by aircraft from Ark Royal but misidentified.



Nun, die Briten sollen über den Einsatz der Graf Spee nicht gewußt haben, erst am 1. Oktober erfuhren sie von ihr als die Clement erfasst wurde. (Das wußt ich doch...) Bis Ende September mußte die Graf Spee sich verstecken, nur dann erhielt sie den Befehl britische Handelsschiffe anzuhalten.

(Konstam schreibt den Namen des Piloten Bongardts, bei Axel heißt er Uffz. Heinrich Bongartz. Sicherlich die gleiche Person, nur einer der Namen [denke der erste] falsch geschrieben.)

Buch von Konstam (Seite 35):
https://books.google.hu/books?id=oQKGDAAAQBAJ&pg=PT74&lpg=PT74&dq=altmark+delmar&source=bl&ots=aQUwWtlyDd&sig=HmHxUP7_IhO6HrV0bpHlLvGjYz8&hl=hu&sa=X&ved=0ahUKEwi4t9GPnOPUAhVL5xoKHagAAg0Q6AEIMjAC#v=onepage&q=cumberland&f=false


Tabelle von Axel:
http://www.luftwaffe-zur-see.de/Seeluft/Verlustlisten/Jahr1939.htm

Offline Mark Alt

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Re: Altmark-Zwischenfall
« Antwort #51 am: 13 Januar 2018, 20:29:57 »
Tataren zur See und zu Fuß (und zu Ruß)

Über den Zerstörer HMS Tartar (auf deutsche: Tatar) der Tribal-Klasse ist folgendes in der englischen Wikipedia zu lesen:

(...)
Arctic Ocean
Tartar resumed her duties with the Home Fleet in June 1941, when she was attached to a small force whose aim was to capture a German weather ship to obtain an Enigma coding machine and associated documentation. On 26 June she escorted the cruiser Nigeria with Bedouin from Scapa Flow to the waters off Jan Mayen Island. On 28 June the task force spotted the German weather ship Lauenburg and a boarding party from Tartar seized control of the vessel, recovering important documentation. Tartar then sank Lauenburg with gunfire. On 27 July she carried out reconnaissance of Spitsbergen to assess the possibility of using the island as a refuelling base for Russian convoys.

Tartar continued to operate in the Arctic Ocean throughout August. On 2 August she destroyed the weather station at Bear Island and evacuated Russian nationals to Murmansk from the island. Tartar accompanied the destroyer Inglefield while transporting King George VI to Scapa Flow. On 17 August she screened the battleship Prince of Wales that was carrying Winston Churchill back from his Atlantic Charter meeting with President Roosevelt. Shortly thereafter, Prince of Wales overtook an eastbound convoy of 73 ships, turned around and passed through the convoy again so that the Prime Minister and the merchant ships could greet each other. When Prince of Wales arrived on the River Clyde, Tartar embarked the Prime Minister and took him to Greenock for his return to London.
(...)


Sie war ganz intensiv benutzt in diesen 40 Tagen nach dem Beginn des Unternehmens Barbarossa. Erwähnenswert dabei ist, dass die deutschen Truppen schon am Anfang des Feldzuges vor der Krim standen, wo eine große Anzahl von Tataren (Krimtataren) lebten. Die Tataren, wie die andere Minderheiten der Sowjetunion (und des zarischen Reiches davor) hatten keine gute Erfahrungen mit der jeweiligen Regierung gemacht, war es also keine Überraschung, daß sie sich ihrer gegenüber nicht besonders loyal zeigten. (Auch neulich sind die Russen mißtrauisch gegenüber sie, wie man aus Nachrichten von der Krim erfahren kann.) Viele Tataren desertierten aus den Reihen der Armee, viele kämpften sogar gegen die Kommunisten an Seite der Achsenmächte.

So konnte das Auftreten des HMS Tatar von gewissem Propagandawert sein gerade in der kritischen Anfangsphase des Rußlandfeldzugs, und den Tataren zeigen, dass sie bei den Westalliierten auch geschätzt sind. Im nächsten Monat, am 26. September 1941. starteten die deutschen Streitkräfte den Angriff im Südabschnitt um den Krim zu erobern. Vielleicht dachte man ihre Widerstandskraft mit Nachrichten über die Heldentaten der tapfer kämpfenden Tatar stärken zu können: Sie schnappt das deutsche Wetterschiff das im hohen Norden lauert und schiesst sie zu Trümmern, rettet die Kameraden von einer bedrängten Insel und bringt die Leute in die Sicherheit. Sie hatte die Ehre, den britischen König nach Scapa Flow zu begleiten, der Prämierminister und früherer First Lord of the Admiralty betritt sogar ihr Deck um aufs Land gelangen zu können. So ein braver Tatar ist ein gutes Vorbild.  :wink:

Möglicherweise waren die Einsätze der Tartar mit ähnlichen propagandistischen Überlegungen geplant, wie vorher die der Cossack und der Cumberland. Vielleicht wieder nur ein Zufall, aber folgt dem gleichen Muster. Wäre interessant, ob und wie man über diese Ereignisse in der sowjetischen Presse berichtet hat.

Gruß
Mark Alt

Offline Mark Alt

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Re: Altmark-Zwischenfall
« Antwort #52 am: 04 Februar 2018, 17:38:17 »
Arktische Morgenröte

Zwischen den 25. August und den 3. September 1941 fand die britische Operation Gauntlet statt, in deren Rahmen auch die Tartar eingesetzt wurde. Ursprüngliches Ziel des Unternehmens auf russischen Wunsch war die demilitarisierte Spitzbergen mit britischer Hilfe zu sichern und als Stützpunkt auszubauen (Operation Flaxman), dann aber auf britische Forderung eher zu räumen und den Deutschen unbrauchbar zu machen (umbenannt: Operation Gauntlet). Für diese Aufgabe stellte man die 'Force K' in Scapa Flow unter der Führung Philip Vians – am 8. Juli durch ein special order des First Sea Lords, Dudley Pound zum Konteradmiral ernannt – zusammen, wer als Fühlungshalter nach Murmansk geschickt wurde (wer sonst?). Sein Flaggschiff war der brandneue leichte Kreuzer Nigeria. Ein weiterer, etwas älterer Kreuzer des Verbandes war – die Aurora. Zwei Tribal-Klasse Zerstörer waren noch zur 'Force K' zugeordnet: die Punjabi und die Tartar. Noch im Juli wurde Vian nach Spitzbergen geschickt, um die strategische Möglichkeiten der Inselgruppe auszuwerten. (Er hielt die Insel für die Verteidigung nicht tauglich und plädierte für eine Räumung. So wurde aus Operation Flaxman Operation Gauntlet.)

Eine neulich erschienene Studie (Conceiving and Executing Operation Gauntlet: The Canadian-Led Raid on Spitzbergen, 1941 – geschreiben von Ryan Dean und P. Whitney Lackenbauer) beschreibt den Besuch wie folgt:

Zitat
Vian arrived in London on 9 August and immediately reported to the cos [Chiefs of Staff]. His Force “K,” consisting of two cruisers and two destroyers, had visited Spitzbergen on 31 July. HMS Nigeria visited the main Norwegian settlement at Longyearby, where the admiral met the civilian governor of Spitzbergen. Meanwhile, Captain William Agnew in the cruiser Aurora visited the main Soviet settlement of Barentsburg, where he was welcomed by Russian Consul F. I. Wolnuhi.

Die propagandistische Nebenbedeutung des Besuchs ist hier wieder leicht zu erkennen. Zur Zeit des Altmark-Zwischenfalls war (bedauerlicherweise für manchen?) die Aurora selbst nicht einsatzbereit, nur ihre Männer. Jetzt aber konnte sie das durch ihre Namensgebung beschaffene Potential zum Schein bringen. Bei der Ankunft ging die Nigeria zu den Norwegern, und sicherlich hieß es nicht umgekehrt  :-)

Nach Naval-History.net besuchte die Tartar auch die sowjetische Siedlung am nächsten Tag:
Zitat
1941 August 1st   [Tartar] Visited Russian settlement at Barentsburg with HMS PUNJABI.
Und am folgenden Tag wurde die Bärinsel wie schon erwähnt evakuiert:
Zitat
1941 August 2nd   [Tartar] Evacuated Russian nationals and destroyed weather station on Bear Island.

Da Vian festgestellt hat, das die Spitzbergen nicht als Stützpunkt zu benutzen ist, hat man entschieden, die Insel zu evakuieren und die Infrastruktur komplett zu zerstören. Die 'Force K' wurde für die Aufgabe verstärkt, da ein Truppentransporter auch mitfuhr. Die beiden Kreuzer Aurora und Nigeria blieben im Verband, sowie der Zerstörer Tartar. Anstatt Punjabi fuhren aber die Zerstörer Anthony, Antelope, Eclipse, Icarus mit. Je zwei Einheiten der A- und I-Klasse – Tartar vertrat alleine die Tribal-Klasse. (Ein möglicher Grund für ihr Bleiben im vorigen Post vorgeführt.)

Obwohl man bescheid wusste, das es keine Deutsche Soldaten auf Spitzbergen gibt (die Insel galt eigentlich als demilitarisierter Zone), hat man entschieden, mit kanadischen Truppen die Zerstörung vollzuziehen. Diese Entscheidung war merkwürdig, denn die Kanadier konnten nur mit Zustimmung der Regierung in Ottawa außerhalb England eingesetzt werden und es brauchte lange Verhandlungen sie für die Operation freizumachen. Diese Kanadier waren ausgebildet in kalten Gegenden Kampf führen zu können, diese Spezialisierung war aber nicht erforderlich bei diesem Einsatz. Nachdem es klar wurde, dass es überhaupt kein Kampf zu erwarten ist, wurde die Entscheidung getroffen nur eine der ausgewählten zwei Bataillone mitzunehmen. Zur Truppe gehörten auch 25 Norweger und eine britische Pionierkompanie. Die Soldaten wurden mit dem Pazifik-Liner Empress of Canada transportiert (vielleicht um die Moral der Truppe und die des Landes noch weiter zu steigern :?). Sie brachte dann die Russen nach Murmansk und die Norweger und Frei-Franzosen nach Schottland.

Auf dem Rückweg am 7. September attackierten die Nigeria und die Aurora einen deutschen Truppengeleitzug nahe der nordnorwegischen Küste und haben das Artillerieschulschiff Bremse versenkt. Ein guter Tag für die Aurora-Fans.

Das „Unternehmen” selbst verlief ganz komisch, dazu lohnt sich die erwähnte Studie zu lesen (frei zu herunterladen, 37 Seiten). Einige Zeilen zu seiner Beurteilung würde ich daraus zitieren:

Zitat
In summing up the purpose of Operation Flaxman, the British Chiefs of Staff commented “that we were operating a fleet in Far Northern Waters largely for political reasons.”

Zitat
Ultimately, Operation Gauntlet was a “diplomatic raid” motivated by political pressure for early British military action to support their new and hard-pressed Russian allies.

Zitat
Sir Stafford Cripps, the British ambassador in Moscow, reported to the Foreign Office on 9 September 1941:

 The account of the Spitzbergen operation by the B.B.C. today… was disastrous as far as this country is concerned. It was apparently an attempt to make out that this operation was a dangerous and important one… In view of their recent pressure on us to do something big in the West, this will be taken as an elaborate and stupid attempt to magnify a simple and safe operation into something large and important and will either be resented or laughed at.

 :-D

Als Zusammenfassung kann man feststellen, dass wie beim Altmark-Zwischenfall hat man hier auch den Propagandawert verschiedener Schiffsnamen ausgenutzt (oder versuchte man mindestens mit fraglichem Erfolg). Mit dem Einsatz der Aurora hatte man vielleicht noch vor, die kommunistische Regierung zu „stärken”, denn viele Leute (sogar ganze Ethnien, wie zum Beispiel die Tataren) waren mit ihr unzufrieden und beim Anfang der Barbarossa viele den Zusammenbruch der Sowjetunion durch innere Probleme fürchteten.

Der Einsatz der Kanadier, obwohl völlig unnötig, hatte vielfache Bedeutung. Außer selbst ihre eigene Moral zu steigern konnte man der britischen und sowjetischen Bevölkerung zeigen, dass sie nicht alleine im Kampfe stehen, und nebenbei auch den US-Amerikanern etwas Kriegslust zu schaffen. Da sieht man in den Zeitungen, wie der Nachbar kämpft. Und es ist nicht gefährlich, macht eher Spaß.

Nach dieser Aktion wurde dem kanadischen Korpskommandeur erlaubt, seine Truppen bei solchen Aktionen sofort einzusetzen. Nächstes Jahr kam es so zur Operation Jubilee. Da wurde mehr Widerstand gefunden und weniger gejubelt.

Gruß
Mark Alt

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Re: Altmark-Zwischenfall
« Antwort #53 am: 12 Februar 2018, 20:55:36 »
Kosaken am Bosporus
(1615, 1620, 1624, 1939)

Hallo an alle Mitleser,

vor 78 Jahren am diesen Tag erreichte die Altmark auf ihren langen Weg nach Hause die Gewässer südlich von Island. Fünfzig Seemeilen von der Insel entfernt drehte sie nach Osten, Richtung Norwegen. Nun geht es aber heute nicht um die Geschehnisse der kalten arktischen Meere, sondern wird kurz der Schauplatz und Zeitpunkt gewächselt, um einige Stationen in der Vorgeschichte des anderen Akteurs im bevorstehenden Zwischenfall bekannt zu werden.

---
Bei EnWiki gibt es Artikel, die einige aufsehenerregende kriegerische Handlungen im Schwarzem Meer zur Zeit der Türkenkriege beschreiben, nämlich die Überfälle der Kosaken auf Istanbul im 17. Jahrhundert.

Der Artikel, der den ersten Vorfall schildert - Cossack raid on Istanbul (1615) - lautet:

Zitat
In May 1615, Cossacks on eighty small boats (Ukr. Chaykah), each one carrying about 50 men, went on trip to Turkey. By mid-June they managed to cross the Black Sea and land on the coast in the vicinity of Istanbul. After that, the Cossacks captured and set on fire the Istanbul, neighbour of Scutari (now: Üsküdar), followed by the ports of Mizevna and Archiuca. Having sacked the city, the Cossacks went back to Ukraine.

However, Sultan Ahmed I, from the windows of his palace saw smoke from the fires caused by them and sent versus Cossacks with a flotilla of Turkish galleys.

Ottomans caught up with the Cossack seagulls only opposite the mouth of the Danube. Ukrainians fought a hostile squadron, took several galleys and captured the wounded Turkish admiral.

Consequences
In order to punish the Zaporozhians, Turkish sultan sent the Flotilla next year under the command of Admiral Ali-Pasha. Turkish galleys crossed the sea and entered the Dnipro estuary, where they were met by Cossack seagulls headed by Petro Konashevich-Sagaidachny. Zaporozhians defeated the Turkish squadron, seized a dozen galleys and nearly a hundred boats. Commander Ali-Pasha barely managed to escape with his life.

After that, the Cossacks again went to sea, round the Crimea and landed on the shore near the largest Black Sea slavery market - Kafa. Thus, the attack on Istanbul went into collision, went down in history as a battle for Kafa. [:|]

Psychological factor
The raid was a morale boost to the Zaporozhians Cossacks, who were successful where the Holy Roman Empire and the Polish–Lithuanian Commonwealth didn't dare. [:-o] European diplomats brought news of the Cossack raid to the West. French historian Michel Baudier wrote: "le seul nom des Cosaques était l'effroi et la terreur de Constantinople" ("The only mention of the Cossacks brings dread and terror to Constantinople").

Und es gab noch ähnliche Überfälle im Jahre 1620 und 1624 (im diesen Jahr sogar zwei). Bei den letzteren spielten auch die Tataren eine Nebenrolle:

Zitat
In summer of 1624 Turkish admiral Recep Pasha raided Kafa. His purpose was to bring to subdue Tatar vassals. Cossacks decided to use this moment to attack Istanbul.

Nach dem erfolgreichen zweiten Überfall:
Zitat
Cossack prisoners said that they acted as if they were committing these attacks in agreement with the Tatars. This further damaged the relationship between the Ottoman Empire and the Crimean Khanate.

Nach dieser Vorgeschichte mit der Beurteilung des Zeitgenossen Michel Baudier’s (1589–1645) erscheint ein Fall drei Jahrhunderte später ganz interessant, der im Buch Ill-made Alliance: Anglo-Turkish Relations, 1934-1940 (geschrieben von Brock Millman) auf Seite 199 beschrieben wird:

Zitat
(…) London also believed that Britain needed to send a creditable representative to Ankara in order to regain some control over interallied strategy, another considerable alteration of earlier thinking.
 In August, therefore, Cakmak [türkischer Generalstabschef] was visited by an officer of higher status than the hapless Lund. On 2 August Admiral Andrew Cunningham, C in C Med, paid a social call in HMS Warspite, with Zulu, Cossack, Nubian, and Maori accompanying.

Mit der Einschätzung Michel Baudier’s über die psychische Wirkung schon nach dem ersten Kosaken-Überfall auf Istanbul kann man den Eindruck haben, dass es auf eine außergewöhnliche Taktlosigkeit hindeutet, mit einem Kriegsschiff, das den Namen ’Kosake’ trägt ein Besuch nach Istanbul zu machen. War es eine Einschüchterung, wie vielleicht das Verlegen der Cumberland nach Südamerika? Der Titel des Werkes deutet auf eine nicht gerade idyllische Beziehung der beiden Staaten hin.

Nun ist aber der Fall (für mich) eher rätselhaft. Das Buch ist teils frei lesbar bei GoogleBooks. Darin steht aber, dass die Engländer und die Türken eine gute Beziehung zueinander hatten und die beiden in Italien – und in Deutschland – den zukünftigen Gegner sahen. Die Türkei hat sogar England um Hilfe gebeten, militärisch aufrüsten zu können. Die Türken waren sogar bereit, russische Einheiten mit Einverständnis Londons ins Land kommen zu lassen (eher Luftwaffe, Panzereinheiten und schwere Artillerie, als Infanterie-Divisionen), damit sie den Kampf gegen die Achse unterstützen können falls Italien den Krieg erklärt. (Mussolini forderte der Türkei Territorien im Süden Anatoliens ab.) Was den Engländern möglicherweise nicht gefiel, war die angebotene französische Hilfe. Die Briten waren bereit, ganze zwei Batterien Flak als militärische Unterstützung anzubieten, was aber die Franzosen mit einer Unmenge von Kriegsmaterial übertrumpft haben – und was sie innerhalb eines halben Jahres auch zuzuliefern bereit waren.

War diese Aktion doch ein Einschüchterungsversuch? Oder haben die beiden Parteien schon vorher über die an den Besuch teilnehmende Schiffe vereinbart und wurde die Cossack gezielt ausgewählt, um die Russen zu zeigen, dass man sie in der Türkei jetzt gerne sehen würde?

In Alexandria hatten die Briten eine ganze große Auswahl an Zerstörern, die sie zur Begleitung der Warspite hätten mitschicken können. Laut WORLD WAR TWO SEA WAR Vol. I, Seite 49 (Donald A. Bertke, Gordon Smith, Don Kindell) waren zum Ausbruch des Krieges vier Zerstörerflottillen in Alexandria stationiert mit insgesamt 35 Zerstörern. Auch wenn man darauf bestand, vier Einheiten der modernsten Tribal-Klasse auf die Reise mitzuschicken, hätte man aus acht Einheiten wählen können.

Es könnte rein nur eine einmalige taktlose Wahl sein, gäbe es nicht dieser Eintrag (von Dr. Alex Clarke) über HMS Afridi im Portal Global Maritime History hier:

Zitat
(…) she [Afridi] had conducted what was in effect a war patrol, sailed the length and breadth of the Mediterranean, entered the Black Sea, taken part in major fleet exercises,and visited dozens of ports; by any metric, Afridi had accomplished a lot in to a very short amount of time.

Afridi was not alone in doing all this. HMS Cossack, the second of the class, and arguably (due to its war time exploits under Captain Vian) the most famous Tribal class destroyer, was with her. Serving as division leader to Afridi’s flotilla leader, her pre-WWII service, especially the first few months were very similar to her older sister’s. There were also differences; it was Cossack’s division (herself, Maori, Zulu and Nubian), which escorted Admiral Cunningham travelling aboard HMS Warspite when he made a goodwill visit to Istanbul (the second visit to the city for Cossack) in early August 1939. This was a key part of the Tribal utility, their size, their armaments, their sweeping design, all served to make them psychologically impressive; alongside the refitted and updated Warspite, this was a very daunting force – its intention to impress the Turk’s to not mirror the Ottoman Empire should any conflict occur.


Dass die Cossack – wie der Text suggeriert als einzige – bei beiden Besuchen dabei war, deutet entweder auf eine unerhörte, wiederholte Taktlosigkeit hin, oder war es Absicht. Bei manchen Tribals war nicht nur die pure Erscheinung „psychologisch impressiv”.
Ein weiterer merkwürdiger Fall wird noch in diesem Text geschildert, der noch früher geschah:

Zitat
There were though perhaps lighter times, touches of soft power, for example when Cossack acted as an ambulance during August 1938; she had been sent to collect the British consul from Barcelona, but he slipped getting into her whaler, so she had to rush him to hospital in Marseilles, making 30 knots for the majority of the passage. Such halcyon days though wouldn’t last.

Wie es gerade dazu kam, dass die Cossack auch schon bei dieser "diplomatischen Angelegenheit" eingesetzt wurde, habe ich keine Ahnung, aber kann vielleicht (wie bei den späteren Fällen) als ein Zeichen nach Moskau bewertet werden. Die Russen haben ganz viel in den Bürgerkrieg in Spanien reingesteckt, die Westmächte weniger. Man wollte aber keine schlechte Beziehungen zu Moskau.

Erwähnenswert ist noch, dass die Einheiten der Tribal-Klasse nach verschiedener Stämme des Britischen Imperiums benannt wurden. Bei 25 der insgesamt 27 Zerstörer ist es auch so. Es gab zwei Ausnahmen. Mit den beiden wurde eine seltsame Kanonenbootpolitik betrieben.

Gruß
Mark Alt
« Letzte Änderung: 13 Februar 2018, 07:27:14 von Mark Alt »

Offline Mark Alt

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Re: Altmark-Zwischenfall
« Antwort #54 am: 16 Februar 2018, 19:47:01 »
Vorlesung eines Admirals

Auf der Seite des Imperial War Museums gibt es einige Interviews mit britischen Augenzeugen des Altmark-Zwischenfalls. Das eine wurde mit Admiral Hector Charles David Maclean am 21. 05. 1991 aufgezeichnet. Zur Zeit des Zwischenfalls war Maclean Navigationsoffizier auf der Brücke der Cossack, so konnte er die Ereignisse aus nächster Nähe erleben.
(Link: https://www.iwm.org.uk/collections/item/object/80011781)

Das Gespräch wurde in drei Teilen aufgenommen (Kasettenrekorder mit 30 Minuten damals) und ungefähr 25 Minuten betreffen den Zwischenfall (ab 15 Min 40 Sec des ersten Teils).  Sofort am Anfang erwähnt er, dass der Zwischenfall „is very well written by Captain Vian”, und danach greift er mehrmals zum Buch „Action this day” um daraus Passagen vorzulesen. Ein kleiner Fehler ist, wo er als den fünften Zerstörer des Unternehmens die Maori benennt, denn sie war die Nubian. Er erwähnt das Bild erschienen früher in der Illustrated London News (siehe unten), als einzige Bildmaterial über das Versorgungsschiff und die (angebliche) Verlegenheit auf der Brücke, welche der beiden Schiffe die Altmark sein könnte. Demnach soll Vian vorerst geglaubt haben, das Schiff mit vier Masten sei sie. Diese Schilderung ist kaum zu glauben, denn die Dithmarschen-Klasse und ihr Aufgabenbereich war wohl für die Briten bekannt.

Ein interessanter Teil des Gesprächs ist ab 20:55 zu hören, als Maclean die Sichtung der Altmark von der Cossack aus beschreibt:
Zitat
„(…) We spotted a four-masted ship coming down the Leads, said to ourselves: hahaa, the Altmark. It was turned out to be a harmless neutral Swede. Well inside territorial waters. And about the same time a very good lookout in the Arethusa who belonged to the North, spotted a ship coming down behind the Swede in the Leads, which turned out to be the Altmark. So two of the destroyers on the northern bit of the patrol were sent in to intercept this ship – I must keep on saying, all within territorial waters and Norway was neutral, and she refused to stop and they had to give up. By that time she came in sight with us and we followed this movements with great interests, and so the Altmark disappear behind some islands. And than turned around and disappear again up a fjord.”

Wenn von den Zerstörern im Süden her das deutsche Schiff auch vor dem dunklen Hintergrund so klar zu sehen war, dann hat man sicherlich von der Altmark die drei Tribals gesichtet. Interessanterweise erwähnen weder Kapitän Dau, noch Obersignalmeister Hartwin Sachse eine solche Sichtung. Das Auftauchen der weiteren entgegenkommenden britischen Einheiten konnte wohl dazu beigetragen haben, dass die Altmark in den Jøssingfjord hineinfuhr um dort Schutz zu finden. Ob das Teil des britischen Plans war? Hat eigentlich die „Southern Patrol” abgewartet, bis die Altmark hier ankam und erst dann erschien sie. Dann wurde eigentlich die Altmark gezielt in diesen Fjord gedrängt, der letzte Angriff der Intrepid war auch rechtzeitig gestartet. Das kann eine Erklärung dafür sein, warum vor Bergen, wo die Altmark außer der norwegischer Gewässer ca. 200 Km zurücklegen sollte keine britische Patrouillien gab und auch nicht nördlicher erfasst wurde.

Der Jøssingfjord liegt etwa in gleicher Entfernung zu den deutschen und britischen Stützpunkte und man hatte auch bei der britischen Admiralität mit einer deutschen Gegenreaktion (auslaufen größerer Einheiten) gerechnet und die Home Fleet zum Einsatz bereitgestellt. Diese Vorstellung – wenn es tatsächlich so war – war nicht grundlos, denn deutscherseits überlegte sich man die Schlachtschiffe oder die Hipper mit Zerstörerbegleitung zur Hilfe auslaufen zu lassen. (Ob man solche Überlegungen gemacht hätte, wenn der Tanker noch vor Bergen hätte Schutz suchen müssen.)

Zur Bewaffnung des Troßschiffes sagt Maclean:
Zitat
„(…) we were quite wrongly informed, that she was equipped with six-inch guns”

Diese Zeile zeigt, daß sie mehr Informationen über die Altmark erhielten, als Maclean vorher erwähnt hat. Vermeintlich wußte man darüber, dass die anderen Einheiten der Dithmarschen-Klasse über solche Waffen verfügte.

Obwohl Maclean sich zum Inhalt des Buchs von Vian hält, widerspricht er an einem Punkt seinem Vorgesetzten. Er erwähnt das Gerücht, die Deutschen hätten die Sprengladungen zur Selbstversenkung des Schiffes zur Mitternacht eingestellt und darum haben sie die Rettungsoperation beschleunigt. In der grossen Eile haben sie sogar manche wichtige Aufgaben vergessen, wie Signalbücher zu erbeuten oder die Funkgeräte zu zerstören. (Eher haben sie sich um die Kabinen gekümmert.)

Nach seiner Erzählung erhielten sie den Befehl der Admiralität, das Schiff samt ihrem Kapitän zu erbeuten erst nach dem Auslaufen. Da sie aber keine Lust hatten zurückzugehen, sagte Vian, dass man diesen Befehl vergessen sollte. (Zitat: You have to capture the Altmark and the Captain. / Forget that signal.) Eher konnten sie aber das Schiff nicht mehr mitnehmen können, weil Dau sie grunden ließ und Platz für die deutschen Gefangenen hatten sie an Bord nicht mehr. Also ließen sie sie auf dem Hinterschiff aufreihen und die Cossack lief erst kurz vor der erwarteten Detonation um Mitternacht aus.
War da etwas böse gemeint? :|

In seiner Schilderung unterstützt Maclean die Darstellungen des Angriffs mit Entermesser, der vom Strand zurückschießenden Deutschen, des „The Navy’s here!”-Rufs und anderen Legenden.

Eine zynische, grobe Äußerung von ihm ist, was er beim Auslaufen aus dem Fjord gefragt haben soll: „Where is that bloody Norwegian?” (Gemeint wird der Verhandler Leutnant Halvorsen.) Darauf soll sich der Norwege bekniffen zu Wort gemeldet haben und demütigt in sein keleines Boot niedergelassen. Das macht den falschen Eindruck, als ob er die ganze Aktion von der Brücke her miterlebt hätte. Das war aber nicht der Fall, denn er kehrte gleich nach Beginn des Angriffs auf die Kjell zurück und protestierte gegen das Vorgehen heftig. Diese Aussage von Maclean scheint falsch und völlig ungebührlich.

Zwei ziemlich komische Augenblicke sind im Interview zu ertappen ab 26:53 (Teil 1), als der Fragesteller zweimal fragt „Did you see him leap?” (betreffend Bradwell Turners wunderbaren Sprungs) und ab 03:15 (Teil 2), wo die Frage zum Zustand der freigelassenen Gefangenen gestellt wird („What did they look like?”).

Solche Reaktionen sagen mehr als Tausend Worte und können manchen den Tag vergolden  :-D

Diese - ansonsten traurige - Geschichte ereignete sich heute vor 78 Jahren.

Gruß
Mark Alt

((Das Bild über die Altmark und Huntsman erschienen am 3. Februar 1940 in der Illustrated London News.
War Gegenstand im Thema "Das schöne und seltene Foto!" - Antworte 921-927, Seite 62))

« Letzte Änderung: 18 Februar 2018, 10:33:31 von Mark Alt »