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Autor Thema: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren  (Gelesen 3669 mal)

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Offline t-geronimo

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #30 am: 20 März 2017, 18:30:22 »
War nicht tanken in Norwegen wirklich ein Fehler? Ist hier schon mal diskutiert worden an anderer Stelle.
Nachtanken hätte man wegen PG sowieso müssen und jeder Liter weniger bedeutet etwas mehr Geschwindigkeit für BS.
Gruß, Thorsten

"There is every possibility that things are going to change completely."
(Captain Tennant, HMS Repulse, 09.12.1941)

Forum MarineArchiv / Historisches MarineArchiv

Offline mudfladdy

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #31 am: 20 März 2017, 18:53:44 »
War nicht tanken in Norwegen wirklich ein Fehler? Ist hier schon mal diskutiert worden an anderer Stelle.
Nachtanken hätte man wegen PG sowieso müssen und jeder Liter weniger bedeutet etwas mehr Geschwindigkeit für BS.
Ich weiss es nicht.
Aber ich habe inzwischen mehrere Varianten gehört.
a.) vollgetankt hatte B trotz des Treffers längere Zeit höhere Geschwindigkeit laufen können - ergo größere Distanz bis zum Torpedo-Treffer zurücklegen (oder keinen bekommen da das Timing nicht mehr reicht um B zu erreichen (bzw. vorher zu finden))
b.) spielt keine Rolle
c.) Reichweite für beide Schiffe mit max-Geschwindigkeit bis Norwegen reichte nicht mehr
d.) dafür reichte es.

Daher wäre es toll wenn man realistische Infos über den Treibstoffbestand auf B und PE hätte
1.) nach Erstkontakt mit feindlichen Kreuzern  (Vermutung: Reicht locker um nach Hause zu kommen)
2.) nach Versenkung von HMS Hood (Vermutung: Reicht nicht für PE um mit max-Geschwindigkeit zurückzukommen)

Frage: Welchen Unterschied macht es in der Geschwindigkeit, wenn beide Schiffe mit Treibstoff bis zum Limit betankt sind? Ist das viel? PE kann ja theoretisch immer schneller als B, macht das viel aus? 0,5kn, 1kn, 2kn?

Offline ede144

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #32 am: 21 März 2017, 10:17:55 »
Stand nicht ein Tanker im Eismeer?

Online Urs Heßling

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #33 am: 21 März 2017, 10:51:53 »
moin,

Stand nicht ein Tanker im Eismeer?
Weissenburg ex Ovatella (6313 BRT)

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Offline Sarkas

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #34 am: 21 März 2017, 11:55:00 »
Da dieses Thema schon einmal (kontrovers) diskutiert wurde, noch als Hinweis ein Aspekt aus der letzten Diskussion: Bei "Rheinübung" kam es wohl sehr auf den Zeitpunkt an: Noch lange polare Nächte, günstiger Mondstand. Eine wiederholter Durchbruchsversuch hätte unter deutlich ungünstigeren Rahmenbedingungen stattfinden müssen, weshalb Lütjens wohl unbedingt durchbrechen wollte.

Objektiv betrachtet hätte Lütjens wohl in dem Moment, in dem er entdeckt wurde, abbrechen müssen, oder gar nicht. Nach dem Gefecht mit Hood und PoW konnte er davon ausgehen, dass er zumindest bis Frankreich kommen konnte, und eine Umkehr deshalb sinnlos war. Dass er der angeschlagenen PoW nicht nachgesetzt hat, wird allgemein als taktischer Fehler betrachtet, aber das ist wohl tatsächlich dem Umstand geschuldet, dass sich Lütjens an seine Befehle hielt und sich diese taktische Freiheit nicht nehmen wollte, weil sie evtl. bei seinen Vorgesetzten nicht gut angekommen wäre. Insgesamt wirkt Lütjens, bei all seiner operativen Erfahrung, gehemmt auf mich, quasi im "Beamten-Modus", vielleicht weil er die ganze Operation für keine gute Idee hielt.

Offline Steffen

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #35 am: 25 März 2017, 15:25:14 »
Insoweit hat Marschall völlig recht und Lütjens hat es ja bei Berlin auch völlig anders gehandhabt.

Es wäre sicher durchaus interessant mal zu diskutieren welchen Verlauf  Rheinübung genommen hätte wenn Marschall noch Flottenchef gewesen wäre.
Gruß Steffen

Online Urs Heßling

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #36 am: 25 März 2017, 22:17:36 »
moin,

Es wäre sicher durchaus interessant mal zu diskutieren welchen Verlauf  Rheinübung genommen hätte wenn Marschall noch Flottenchef gewesen wäre.
Da könnten alle Teilnehmer nur mit Hypothesen argumentieren. :|

Gruß, Urs
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Offline Götz von Berlichingen

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #37 am: 25 Juli 2017, 19:47:10 »
Gerade durch Zufall auf das Tagebuch des Ständigen Vertreters des Auswärtigen Amtes im FHQu., Walther Hewel, gestoßen:

»4. Mai 1941
    Sonntag
    Führerrede im Reichstag
    Rechenschaftsbericht über Südostkrieg
    8 Uhr Abfahrt Sonderzug nach Gotenhafen.
     
    5. Mai 1941
    Montag
    Schlechtes Wetter.
    Fahrt durch das sehr häßliche Gotenhafen bis zum Hafen. Mit Aviso Hela zum Schlachtschiff „Bismarck". Besichtigung unerhört eindrucksvoll. Kräftezusammenballung höchste techn. Entwicklung.
    Lunch in der Offiziersmesse. Kommandant Lindemann. Flottenchef Adm. Lütjens hält Rede.
    Anschließend Fahrt zur „Tirpitz" am Quai. Kaffee mit Offizieren.

[...]

    24. Mai 1941
    Samstag
    [...]
    „Hood"! versenkt. Kreta geht weiter. Große Zuversicht. Bange Stunden wegen „Bismarck."
     
    25. Mai 1941
    Sonntag
    [...]
    Spannung wegen Heimkehr „Bismarck".

    26. Mai 1941
    Montag
    [...]  Spannung wegen „Bismarck" (weiterer Torpedotreffer). Solange England die Hoffnung haben kann, Revanche zu nehmen, wird es darnach sinnen. Deshalb muß es vernichtet werden, auch wenn der Untergang des Empire sehr bedauerlich ist.
    Fahrt mit Darges von Fuschl zum Mondsee. Dort Abendessen. Spät nach Hause.
    ,,Bismarck" manöverierunfähig geschossen. Deprimierte Stimmung.
     
     27. Mai 1941
    Dienstag
    ,Bismarck" versenkt. Sehr deprimierte Stimmung. Führer unendlich traurig. Maßlose Wut auf Seekriegsleitung:
    1. ) Schiff hätte nicht auf Kaperfahrt gehen sollen;
    2. ) Nach Erledigung der „Hood" hätte es den „Prinz of Wales" erledigen sollen und nicht weglaufen;
    3. ) Es hätte direkt nach Norwegen und nicht in das Maul des Löwen laufen sollen.
    Bürokratie und Vernageltheit bei der Marine. Kein Mann mit eigenem Willen wird geduldet.
    Nachmittags kommt R.A.M. Führer spricht sich herzhaft aus, schimpft laut und ist ruhiger danach. Spaziergang zum Theehaus. F[ührer] wieder frischer. Spricht über neuartige Schiffsmodelle und Lufttorpedowaffe.

[...]

    31. Mai 1941
    Samstag
    [...]
    Göring und F[ührer] sprechen heftig über „Bismarck" und Marine!«


http://www.fpp.co.uk/Hitler/Hewel/Tgb_1941.html
»Jedes Problem durchläuft bis zu seiner Anerkennung drei Stufen: In der ersten wird es lächerlich gemacht, in der zweiten bekämpft, in der dritten gilt es als selbstverständlich.«  Arthur Schopenhauer

Online Urs Heßling

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #38 am: 26 Juli 2017, 11:16:17 »
moin,
guter Fund top :MG:


allerdings ...

26. Mai 1941
    Montag
    [...]  Spannung wegen „Bismarck" (weiterer Torpedotreffer). Solange England die Hoffnung haben kann, Revanche zu nehmen, wird es darnach sinnen. Deshalb muß es vernichtet werden, auch wenn der Untergang des Empire sehr bedauerlich ist.
    Fahrt mit Darges von Fuschl zum Mondsee. Dort Abendessen. Spät nach Hause.
    ,,Bismarck" manöverierunfähig geschossen. Deprimierte Stimmung.


B hatte am 25.5. einen LT-Treffer durch die Swordfish der Victorious bekommen

Der "weitere" (und verhängnisvolle) 2. LT-Treffer durch Flgz. der Ark Royal geschah erst am 26.5. abends ..

Da paßt es nicht - in "stündlicher" Historie - ganz zusammen ... oder ?


Gruß, Urs
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Offline Tostan

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #39 am: 26 Juli 2017, 11:29:48 »
Also für mich liest es sich so, als ob die Nachricht erst nach der Heimkehr kam, und "Spät nach Hause" sollte nach 21:30 sein ... das passt doch?


Online Urs Heßling

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #40 am: 26 Juli 2017, 13:04:01 »
moin,

Ich bezog mich auf das davor Stehende

Spannung wegen „Bismarck" (weiterer Torpedotreffer).

Der "weitere" Treffer kann ja nur der 2. sein.

Aber vielleicht denke ich da zu " logisch" ?  :|

Gruß, Urs
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Offline Tostan

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #41 am: 27 Juli 2017, 09:38:19 »
Hm, das deute ich eher als Spannung ob die Flugzeuge die Bismarck noch mal finden und angreifen würden(Spannung wird es einen weiteren Treffer geben)... Denn so viel ich weiss, meldete die Bismarck ja in einem Spruch(21:30) Torpedotreffer und manövrierunfähig gleichzeitig. Nach dem zweiten Treffer konnte es also keine "Spannung" mehr geben, da war das Schicksal der B so gut wie besiegelt.

Offline Mark Alt

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #42 am: 29 Juli 2017, 08:15:12 »
Im Buch Lagervorträge des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine vor Hitler 1939-1945, (hrsgb. von Gerhard Wagner, J. F. Lehmanns Verlag, München 1972) steht ab der Seite 241 folgendes:

Zitat
Seekriegsleitung B. Nr. 1. Skl. (I b) 885/41 op Chefs.
Vortrag Ob. d. M. beim Führer am 6. 6. 1941 auf dem Berghof

(…)

1.   Verlauf der Bismarckoperation
Führer fragt: Warum Flottenchef nicht nach dem Gefecht mit Hood den Rückmarsch angetreten habe.

Ob. d. M.: Durchbruch durch nördliche Engen sei mit viel größeren Gefahren verbunden als Absetzen in die Weite des Atlantik, das der Flottenchef – auch bei Endziel St. Nazaire – bei Abschütteln der Fühlunghalter zweifellos erstrebte, solange sein Brennstoffvorrat es zuließ. Tanker standen dort zur Verfügung. Rückdurchbruch nach Norden war mit großer Gefahr des Angriffs zahlreicher leichter Streitkräfte und Luftstreitkräfte verbunden. Daß Flottenchef ursprünglich keineswegs auf direktem Wege nach St. Nazaire marschieren wollte, geht aus seiner Absicht hervor, den Gegner über die von Gruppe West und B. d. U. aufgestellte U-Bootslinie am 25. 5. zu ziehen. Diese Absicht mußte aufgegeben werden, als sich herausstellte, daß der Ölverlust zu groß war, um ein solches Ausholen zu gestatten. Auch der Anregung der Gruppe West (F. T. 1842 vom 24. V.), nach Abschütteln des Gegners im abgelegenen Seeraum längere Zeit zu warten, konnte nicht Folge gegeben werden. (S. 14/16)

Führer fragt ferner: Warum hat Bismarck nicht nach Versenkung der Hood im Vertrauen auf seine Gefechtsstärke den Prince of Wales erneut angegriffen, um ihn – auch unter vollem Einsatz – niederzukämpfen. Selbst bei Verlust des Bismarck nach solchem Kampf wäre das Endergebnis dann 2 engl. Verluste gegen einen deutschen gewesen.

Ob. d. M.: Bismarck hat den Prince of Wales am 24. V. 1944 Uhr erneut angegriffen, um das Absetzen des Prinz Eugen zu ermöglichen. Prince of Wales entzog sich aber nach dem Untergang der Hood sorgfältig weiterer wirksamer Beschießung (Bismarck nur 28 sm), wie offenbar auch später die anderen schweren Schiffe des Gegners. Abgesehen davon aber hatte Flottenchef sein Hauptziel "Schädigung des feindl. Handels" im Auge zu behalten, solange Bismarck und Prinz Eugen dazu noch in der Lage waren. Hätte er ein Gefecht gegen Prince of Wales durchgeschlagen, so hätte er selbst bei günstigem Erfolg mit schweren Beschädigungen rechnen müssen, die ihm die Weiterführung des Handelskriegs unmöglich machten. Zu kämpfen hatte er nur, soweit der Gegner ihm die Aufnahme des Handelskrieges verwehrte. Ohne den verhängnisvollen Rudertreffer hätter er aller Wahrscheinlichkeit nach den Bereich wirksamer Unterstützung durch deutsche Luftstreitkräfte erreicht und seine Reparaturen in St. Nazaire ausführen können.

Nachträglich gesehen war natürlich ein Niederkämpfen der Prince of Wales ein größerer Erfolg als der heldenmütige Untergang ohne Versenkung eines zweiten Gegners.
(…)

Was danach geschrieben ist (Beilage zu diesem Vortrag am 6. 6. 1941) kann auch interessant sein:

Zitat
Anl. 1
Geheime Kommandosache!
Unternehmung der der Kampfgruppe Bismarck zum Handelskrieg im Atlantik

1.   Planung
Die erste Unternehmung der Schlachtschiffe Gneisenau und Scharnhorst im Atlantik Januar/März 1941 und die Unternehmung des Kreuzer Hipper hatten neben den erheblichen taktischen Erfolgen die großen strategischen Auswirkungen eines derartigen Einsatzes der Überwasserstreitkräfte bestätigt. Dabei hatte sich die große strategische Wirkung nicht nur auf den zum Operationsgebiet gewählten Seeraum erstreckt, sondern stark divergierend auch auf andere Kriegsschauplätze (Mittelmeer – Südatlantik) übergegriffen.
Es mußte daher das Bestreben der Seekriegsführung sein, unter Ausnutzung der gwonnenen Erfahrungen durch möglichst häufige Wiederholung der Wirkung der ersten Operationen zu erhalten und zu verstärken.

Entsprechend der kriegsentscheidenden Bedeutung der britischen Zufuhr im Nordatlantik läßt sich das Ziel der deutschen Seekriegführung am wirkungsvollsten auch nur hier im Nordatlantik erkämpfen. Die bei der ersten Schlachtschiffoperation im Atlantik angetroffene starke Sicherung der gegnerischen Geleitzüge durch ein Schlachtschiff erlaubte es den schwächer armierten deutschen Schlachtschiffen vom Typ Gneisenau nicht, derart gesicherte Geleitzüge anzupacken. Es erschien jedoch möglich, im Rahmen einer Operation mit dem besonders kampfkräftigen Schlachtschiff Bismarck, auch Schlachtschiff-gesicherte Geleitzüge anzunehmen, die feindliche Sicherung durch Artillerieeinsatz von Bismarck zu binden, und gleichzeitig mit der zweiten Kampfeinheit die Handelsschiffe des Geleitzuges selbst vernichtend anzugreifen. Dabei konnte es jedoch nicht die Aufgabe des Schlachtschiffes Bismarck sein, unter starkem eigenem Einsatz gleich starke Gegner niederzukämpfen, sondern es war zu versuchen, sie in einem hinhaltenden Gefecht unter möglichste Schonung der eigenen Kampfkraft wirksam zu binden.

In der operativen Weisung der Seekriegsleitung wurde daher auch als Hauptaufgabe dieser Operationen die Vernichtung feindlichen Handelsschiffsraumes besonders herausgestellt, während die Bekämpfung feindlicher Kriegsschiffe nur insoweit als Nebenaufgabe hinzutrat, wie es die Hauptaufgabe erforderlich machte, und wie es ohne allzugroßes Risiko geschehen konnte.

Die Erfahrungen der ersten Schlachtschiffunternehmung wurden bei Planung und Anlage der Operation weitgehendst berücksichtigt. Die Frage, ob es in der gegenwärtigen Lage zweckmäßig sei, mit dem Ansatz des Schlachtschiffes Bismarck im Atlantik zu warten, bis auch das zweite 35 000 t-Schlachtschiff Tirpitz einsatzbereit wäre, wurde vor der Operation eingehend geprüft. In Übereinstimmung mit der Auffassung des Flottenchefs wurde die Möglichkeit zu einem weiteren Aufschieben der Schlachtschiffoperation verworfen, da der Zeitpunkt der Herstellung der Gefechtsbereitschaft von Tirpitz oder Scharnhorst noch nicht zu übersehen und ein längerer Verzicht auf den Einsatz der Überwasserstreitkräfte in der Schlacht im Atlantik militärisch durchaus unerwünscht war. Außerdem stand durch das Auftreten der Kampfgruppe im Atlantik eine erhebliche Diversionswirkung und damit Entlastung im Mittelmeerraum zu erwarten. – In der am 26. 4. bei der Seekriegsleitung erfolgten Besprechung unterstreicht der Flottenchef die Wichtigkeit der Aufklärung der Dänemarkstraße für das gelingen des Durchbruchs zur Erkundung der Eisverhältnisse und der feindlichen Überwachung. Er bittet um den Einsatz verstärkter Mittel (Flugzeuge, Fischdampfer, U-Boot) zu diesem Zweck. Über das operative verhalten der Kampfgruppe während der Operation bestand mit dem Flottenchef volle Übereinstimmung.

2.   Aufgabe
Die von Gruppenkommando West in der operativen Weisung für die Unternehmung Rheinübung festgesetzte Aufgabe lautete: Angriff auf die feindliche Zufuhr im Atlantik nördlich des Äquators. Zeitliche Ausdehnung der Operation, so lange, wie nach Lage möglich. Der Ausmarsch in den Atlantik war durch Großen Belt-Skagerrak und Nordmeer durchzuführen. Der unbemerkte Durchbruch war anzustreben. Wurde der Durchbruch in den Atlantik bemerkt, so blieb die Aufgabe nach der operativen Weisung bestehen. Ein Abkürzen der Operation oder Abbruch der Unternehmung je nach Entwicklung der Lage war dem Flottenchef anheimgestellt. – Bei der Durchführung der Aufgabe stand nach der Weisung der Gruppe die Vernichtung feindlichen Schiffsraumes im Vordergrund. Die Einsatzbereitschaft der Schiffe sollte möglichst erhalten bleiben. Kampf mit gleichwertigem Gegner war deshalb zu vermeiden. War ein Kampf unvermeidbar, so war er unter vollem Einsatz durchzuführen. Für die Rückkehr in den Hafen enthielt der Befehl die Weisung, daß ein Einlaufen nach der französischen Westküste bei normalem Operationsverlauf nur in Frage käme, wenn keine wesentlichen Reparaturen erforderlich waren, oder wenn Zustand des Schiffes bzw. Feindlage eine andere Möglichkeit ausschlossen. Zu längeren Überholungen oder Reparaturen sollten die Schiffe in die Heimat zurückkehren oder als Ausweiche Drontheim anlaufen.

Der ertse Abschnitt der Unternehmung, - der möglichst unbemerkte Durchbruch in den Atlantik – wurde auch diesmal wieder, wie bei allen bisherigen Unternehmungen, als der schwierigste Teil der Gesamtoperation angesehen. Mit dem Auftreten von Feindstreitkräften sowohl in der Dänemarkstraße als auch in der Islandpassage war nach den bisherigen Erfahrungen zu rechnen. Eine feindliche Luftaufklärung in der Dänemarkstraße bei entsprechender Wetterlage wurde als sicher angenommen. Die Helligkeit der Nächte erschwerte den unbemerkten Durchbruch. Auf der anderen Seite konnte erwartet werden, daß die Luftaufklärung über der nördlichen Nordsee einen ausreichenden Überblick über die Feindlage ermöglichte, und daß in der Dänemarkstraße an der Eisgrenze eine unsichtige Wetterlage den Durchbruch begünstigte. Da bisher das Vorhandensein von Dete-Ortungsgeräten auf britischen Schiffen noch nicht beobachtet, ja sogar auf Grund verschiedener Beobachtungen verneint werden konnte, war die Möglichkeit eines unbemerkten Durchbruchs zweifellos gegeben.

Ein bestimmtes Maß an Risiko ist bei jedem Durchbruch in den Atlantik als unvermeidbar vorhanden. Es muß getragen werden, wenn die deutsche Seekriegsführung nicht überhaupt auf einen erfolgreichen Einsatz von Überw.-seestreitkräften gegen die britische Zufuhr Verzicht leisten will.

Lütjens hatte also den Befehl erhalten, die Operation auch dann weiterzuführen, wenn seine Schiffe aufgeklärt wären. Man rechnete mit den RADAR-Geräten nicht, schloß ihr Einsatz sogar völlig aus. Ein Befehl für den Sonderfall, es stünden doch solche Geräte dem Feind zur Verfügung, gab es nicht.
 
Im Text wird das Mittelmeerraum zweimal erwähnt in dem Zusammenhang, daß die Rheinübung feindliche Kräfte beschäftigen wird und so sie nicht im Mediterraneum zur Verfügung stehen werden. Konkret wird es hier nicht erwähnt, aber zu diesem Zeitpunkt tobten die Kämpfe auf der Insel Kreta (20. Mai bis 1. Juni) und die britische Flotte sorgte für große Verluste. Die Briten fangen erst am 28. Mai an die Insel zu räumen, also war der Kampf am 23-24. Mai hier noch nicht entschieden. Hätte die Bismarck nach dem Gefecht in der Dänemarkstraße eine Kehrtwende zurück nach Norwegen oder Deutschland gemacht (für wochenlange Reparaturen), hätten vielleicht die Briten größere Verbände in den östlichen Mittelmeer verlegen können.

Ob das irgendeine Rolle bei der Entscheidung Admiral Lütjens’, nicht umzukehren spielte? Die Fragen des Führers deuten nicht darauf hin, aber wäre schon vorstellbar. Die Operation musste so lange wie möglich dauern.

(Fettgedruckt wie im Originaltext. Unterstriche von mir.)

Offline Götz von Berlichingen

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Re: Lütjens und die Entscheidung, nicht umzukehren
« Antwort #43 am: 29 Juli 2017, 23:44:38 »
Als kleine Ergänzung (und als Nachweis, daß die von Botschafter Hewel unter dem 27.05.1941 unter Ziff. 1) (»Schiff hätte nicht auf Kaperfahrt gehen sollen«) festgehaltene Meinung Hitlers keine nachträgliche Besserwisserei war, sondern, daß dieser diese Ansicht gegenüber Raeder tatsächlich rechtzeitig genug für einen Rückruf geäußert hatte, aus dem Buch von Jochen Brennecke Schlachtschiff Bismarck (Koehler, Hamburg 1997, ISBN 3-7822-0368-2, S. 195 f.) folgende Passage:

»Am gleichen Tage, am 22. Mai 1941 [der dt. Verband war am Vorabend gegen 19:30 Uhr wieder aus Bergen ausgelaufen, Anm. GvB], kommt es im Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden zu einer Begegnung zwischen Raeder und Hitler. Der Großadmiral hält in Gegenwart des Chefs OKW (WFSt) General Jodl, des Außenministers von Ribbentrop und des Kapitäns zur See von Puttkamer Lagevortrag über Fragen des U-Boot-Krieges und der Überwasserkriegführung. [Brennecke zählt die Heimkehr von HSK Thor, den Verlust von HSK Pinguin, des Einlaufens der Prise Speybank (des am 03.03.1943 unter hohen Personalverlusten vom eigenen U 43 versenkten Blockadebrechers Doggerbank) in Bordeaux und das des Versorgungsschiffes Dresden mit u.a. amerikanischen Überlebenden des von HSK Atlantis versenkten ägyptischen Dampfers Zam Zam  auf]

Erst nach diesen Darlegungen, und das ist auffallend, meldet der Großadmiral Hitler, quasi als Fußnote, das Auslaufen der Kampfgruppe Bismarck.
Hitler, der vorher mehrfach seine Bedenken gegen einen weiteren Einsatz von Großkampfschiffen im Handelskrieg ausgesprochen hatte, zeigt sich unangenehm überrascht. Er wiederholt die schon früher postulierten Überlegungen und Einschränkungen und führt jetzt zusätzlich aus, daß er von der neuen Unternehmung Verwicklungen mit den USA befürchte, zumal die Amerikaner kurz zuvor ihre Interessensphäre bis fast zu den Azoren ausgedehnt haben. Solche Komplikationen seien ihm am Vorabend des schon beschlossenen Rußlandfeldzuges unerwünscht. Ferner weist er erneut auf die Bedrohung durch feindliche Flugzeugträger hin. Am Schlusse seiner Ausführungen fragt er Raeder, ob es nicht möglich sei, das Unternehmen abzustoppen. Der Großadmiral verneint diese Frage nicht direkt.
Raeder versucht, Hitlers Befürchtungen zu entkräften und weist dagegen eingehend auf die bisher erzielten Erfolge und auf die Hoffnungen hin, die er und die Seekriegsleitung an die zukünftigen Operationen der Großkampfschiffe knüpfen. Er erläutert, welche umfangreichen Vorbereitungen durch Voraussendung von Tankern und Troßschiffen bereits getroffen worden seien, und bittet schließlich, daß das Unternehmen planmäßig fortgesetzt werden dürfe. Hitler gibt nach. Die Ereignisse nehmen ihren Verlauf.«


Diese Besprechung am 22.05.1941 erwähnt auch Hewel in seinem Tagebuch:

»22. Mai 1941
    Donnerstag
    Morgens nach Fuschl. Pressesachen mit Chef besprochen.
    Alfieri mit fünf Begleitern zum Mittagessen. Fahrt zum Berg.
    Besprechung Chef, Raeder, Keitel über Seekriegsführung, Konvois und Raeder-Interview1, Dakar, Kanarische Inseln, Azoren! Sehr interessant. Führer schwankt noch in Haltung zu Amerika, da „man nicht in die Seele Roosevelts sehen könne". Will er Krieg, so findet er jedes Mittel, auch wenn juristisch wir im Recht. Japan ausschlaggebend. Wenn selbst noch schwankend ist es besser U.S.A. aus Krieg zu halten als vielleicht einige 100 000 t mehr zu versenken. Ohne U.S.A. Krieg dieses Jahr zu Ende. Mit U.S.A. noch lange Jahre. Man einigt sich auf Warnung". Negative Äußerungen über ital[ienische] Seekriegsführung.«


[1] = Siehe dazu Anhang 2 bei Brennecke (1997) S. 493 ff.: Anlage 1 zur Führerkonferenz vom 22. Mai 1941- Das gegenwärtige Problem der Seekriegsführung im Atlantik im Hinblick auf die Haltung der USA , sowie
      Entwurf einer Unterredung mit Großadmiral Raeder (vom Auswärtigen Amt gebilligte Fassung), ebenda S. 499 f.
»Jedes Problem durchläuft bis zu seiner Anerkennung drei Stufen: In der ersten wird es lächerlich gemacht, in der zweiten bekämpft, in der dritten gilt es als selbstverständlich.«  Arthur Schopenhauer