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Autor Thema: Wie Europa in den Krieg wandelte  (Gelesen 25740 mal)

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Offline Matrose71

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Wie Europa in den Krieg wandelte
« am: 27 Oktober 2013, 06:03:45 »
Ausgehend von den einheimischen Fischer Thesen,

wie steht ihr zu:

The Guns of August von Barbara Tuchman
July 1914 von Sean McMeekin
The Sleepwalkers: How Europe Went to War in 1914 von Christopher Clark

The Guns of August ist der Klassiker, zwar in die Jahre gekommen, aber meiner Meinung nach, immer noch ein Standardwerk, wenn man bedenkt welche Quellen sie zur Verfügung hatte.

Ausgehend von Barbara Tuchman, beschreiten sowohl Sean McMeekin als auch Christopher Clark, einen sehr differenzierten  und sehr ausgiebig recherchierten Ansatz über die Kriegsschuld am WWI und alle drei, sind sich sehr einig, dass das deutrsche Kaiserreich keine Alleinschuld oder Hauptschuld trägt.
Dazu steht im Gegensatz, Sir Max Hastings neues Buch: 1914: Europe’s Tragedy due for release before Christmas, welcher die alleinige Kriegsschuld Deutschland und Östereich-Ungarn anlastet und eine Vernichtung beider Länder für gegeben hält.

Wie ist eure Meinung zum Stand, hat das Kaiserreich die alleinige Kriegsschuld?
Sind Fischers Thesen richtig?
Oder eröffnen neben Barbara Tuchmans Publikation, sowohl Christopher Clark als auch  Sean McMeekin neue Einsichten und Erkenntnisse?

Bis jetzt habe ich The Guns of August und The Sleepwalkers von Christopher Clark gelesen und war mit Fischers Thesen vertraut. Die Rezessionen über July 1914 von Sean McMeekin sind mir bekannt und ich habe das Buch neben Sir Max Hastings neuem Buch, beide bestellt.

Allerdings war ich noch nie ein Fan von der alleinigen Kriegschuld Deutschlands am WWI.

Eure Meinungen..........
Viele Grüße

Carsten

Offline kalli

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Offline Karsten

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Re: Wie Europa in den Krieg wandelte
« Antwort #2 am: 27 Oktober 2013, 12:38:35 »
Ganz grob: Keiner war "schuld". Aber alle haben - mehr oder weniger mit gleicher Beteiligung - eifrig mitgemacht und keiner hatte was gegen ein "bisschen Krieg". Keiner konnte sich halt vorstellen, was kommen würde.
Viele Grüße,

Karsten

AK Krieg zur See 1914-1918: www.seekrieg14-18.de

Offline Urs Heßling

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Re: Wie Europa in den Krieg wandelte
« Antwort #3 am: 27 Oktober 2013, 12:49:05 »
moin,

The Guns of August von Barbara Tuchman
...
The Sleepwalkers: How Europe Went to War in 1914 von Christopher Clark
top top
Da wir FMA sind: Ich füge Massie, Dreadnought (Die Schalen des Zorns), noch hinzu.

.. hat das Kaiserreich die alleinige Kriegsschuld , Sind Fischers Thesen richtig?
Ich denke, daß sich die Erkenntnis eines Nein inzwischen international durchgesetzt hat

eröffnen neben Barbara Tuchmans Publikation, sowohl Christopher Clark .. neue Einsichten und Erkenntnisse?
Clark:
- Die aktive und dabei stets undurchsichtige Rolle der serbischen Staatsführung
- Der Einfluß der französischen anti-deutschen Quay d'Orsay-Bürokraten, während die Außenminister in schneller Folge wechselten,
- die anti-deutsche Außenpolitik Sir Edward Greys, die unter Mißachtung (Nicht-information) von Parlament, eigener Partei und Kabinett betrieben wurde,

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Offline Spee

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Re: Wie Europa in den Krieg wandelte
« Antwort #4 am: 27 Oktober 2013, 13:17:21 »
@Urs,

die undurchsichtigen Spiele des K.u.K. Außenministers Berchtold.
Man beachte, dass Deutschland am 1.8. Russland den Krieg erklärt hat, während sich die K.u.K. Monarchie damit bis zum 6.8. Zeit lies. Das ergab die eigenartige Situation, dass sich Österreich-Ungarn bis zum 5.8. nur mit Serbien im Kriegszustand befand, während Deutschland Kriegszustand mit Grossbritannien, Frankreich, Russland, Luxemburg und Belgien hatte. Hätte die K.u.K. den Kriegszustand gegen Serbien bis zum 5.8. offiziell zurück gezogen (reine Hypothese, aber spannend), hätte Wien einen riesigen Krieg entfacht und nicht teilgenommen.
Servus

Thomas

“It’s too bad that stupidity isn’t painful.”

Anton Szandor LaVey

Langensiepen

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Re: Wie Europa in den Krieg wandelte
« Antwort #5 am: 27 Oktober 2013, 16:19:53 »
Wie ist eure Meinung zum Stand, hat das Kaiserreich die alleinige Kriegsschuld?
Sind Fischers Thesen richtig?
Oder eröffnen neben Barbara Tuchmans Publikation, sowohl Christopher Clark als auch  Sean McMeekin neue Einsichten und Erkenntnisse?


Fischer hat sich ja wohl erledigt.
Wie kann den das Buch ( August 1914 ) neues erbringen ? Es ist vor ca. 50 - 60 Jahren erarbeitet worden. Die gute Barbara hat nur Sekundärquellen benutzt. Was soll es uns also heute sagen? Gleiches gilt für ihre Arbeit über das Zimmermann Telegramm. Aber schreiben konnte sie ja. "Der ferne Spiegel " zähle ich zu den besten historischen Romanen.
Clark habe ich noch nicht gelesen, Urs dafür schon in Teilen.
Schalen des Zorns " na ja, viel wurde durch weglassen "very british"

Sir Max Hastings . Kenne ich als Autor nicht, war auf Wiki (!!!!!) angewiesen. Schein ein Vielschreiber der "nebenbei" noch voll durch andere Tätigkeiten ausfüllt zu sein scheint. Viel Nazikram, viel rule Britannia, also nicht so meine Sache. Schätze mal, das er weder der deutschen Sprache mächtig ist, noch Quellenstudium betrieben hat. Was führt er den als Quellen auf?

Thomas: Die Rolle des Hauses Habsburg während der "Großdeutschen Frage" Mitte des 19.JH. bis hin zum "Separatfriedens" 1918  oder Frankreichs drang nach Osten warten auch noch einer "neueren Betrachtung" . Na ja, es tut sich 

Offline Urs Heßling

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Re: Wie Europa in den Krieg wandelte
« Antwort #6 am: 22 November 2013, 19:52:33 »
moin,

die undurchsichtigen Spiele des K.u.K. Außenministers Berchtold.
Tja, gemäß Clark würde Grey hier eindeutig den 1. Preis bekommen.

Ganz grob: Keiner war "schuld". Aber alle haben - mehr oder weniger mit gleicher Beteiligung - eifrig mitgemacht und keiner hatte was gegen ein "bisschen Krieg".
Tja, auch das liest sich bei Clark ein wenig anders und deutlicher.
Ihm zufolge haben waren sich die französische und russische Führung bereits am Tag des österreichischen Ultimatums (23.7., während Wilhelm II. noch an Bord der "Hohenzollern" auf "Nordlandreise" war) schon mehr oder weniger einig, aus dem serbisch-österreichischen Konflikt einen europäischen Krieg entstehen zu lassen.
Die französischen und russischen Generalstäbe begrüßten einen aus einem Balkankonflikt entstehenden Krieg gegen das Deutsche Reich als "strategisch ideal", da österreich-ungarische Truppen im Süden gebunden gewesen wären, das die galizische Front Österreichs gegen Rußland geschwächt hätte, daher das Deutsche Reich mehr Truppen hätte gegen Rußland aufbieten müssen und damit seine Westfront (gegen Frankreich) geschwächt hätte. Soweit gingen die gemeinsamen Planungen.
Die deutsche Entscheidung für den "Blankoscheck" bewertet Clark als strategischen Fehler
- aufgrund der Fehleinschätzung, Rußland sei noch nicht kriegsbereit, und
- aufgrund der (grundsätzlich richtigen) Bewertung, daß sich die strategische Lage immer weiter verschlechtere und daß, wenn es sowieso zum Krieg komme, sie jetzt günstiger sei als in späteren Jahren.
Der französische Präsident Poincaré habe bei einem Treffen in St. Petersburg 20.-23.7.1914 die russische Führung bestärkt, konsequent zu Serbien zu stehen.
Gemäß Clark waren die Russen fest entschlossen, zu Serbien zu stehen
- aus dem Gedanken des Panslawismus heraus (eignete sich für Presse und Propaganda)
- mindestens ebenso, wenn nicht mehr aus dem steten Bemühen um Einfluß- bis Besitznahme der Türkischen Meerengen.
Rußland begann daher bereits am 24.7. mit den definierten "Vorbereitenden Maßnahmen für eine Mobilmachung", die schon wesentliche Teile einer Mobilmachung enthielt.
Die wesentliche Sorge der russischen und französischen Führung sei es gewesen, mit der Eröffnung der Feindseligkeiten abwarten zu müssen, damit das Deutsche Reich als Agressor erschien und für Großbritannien der Bündnisfall gegeben war.
Letztlich hätte das Deutsche Reich ihnen dann "den Gefallen getan" und mit dem Angriff auf Belgien das Nachgeben einer durchaus gegen den Krieg votierenden Fraktion des britischen Kabinetts mitbewirkt.

Das war eine eigene Kurzform auf knappstem Raum, ich kann das Buch nur empfehlen !

Mein ganz eigener Eindruck ist, daß, wenn Clark recht hat, der Titel nicht ganz richtig ist, weil die russische und besonders die französische Staatsführung nicht in den Krieg hinein "schlafwandelte", sondern sehr bewußt auf ihn zusteuerte.

Die Rezension des Buches in der ZEIT
http://www.zeit.de/2013/38/sachbuch-christopher-clark-die-schlafwandler-europa-erster-weltkrieg/seite-2
schließt mit deutlicher Kritik Clarks und einer "Bestätigung" der "deutschen Kriegsschuld", weil das Deutsche Reich die einzige Macht gewesen sei, die den Krieg hätte vermeiden können.
Mit dieser "logischen Wende" bin ich nicht einverstanden.
Die Tatsache, daß Rußland schon vor Ablauf des österreichischen Ultimatums mit einer teilweisen Mobilmachung begann, unterstützt aus meiner Sicht Clarks Darstellung.

Gruß, Urs

P.S. So, und aus dem Clark-Text ergibt sich noch eine Marine-Detailfrage:
Am 27. Juli sollen die französischen Schlachtschiffe "France" (mit dem von St. Petersburg zurückkehrenden Poincaré an Bord) und "Jean Bart" in der Mecklenburger Bucht einem deutschen Schlachtkreuzer (!) begegnet sein. Als die "France" am gegenseitigen Salut nicht teilnahm (gemäß Clarks Erklärung, weil der Staatschef an Bord war) habe das deutsche Schiff in Erkenntnis dieser Tatsache einen verschlüsselten Funkspruch abgesetzt.
Frage: Läßt sich herausfinden, welches Schiff das war ?


« Letzte Änderung: 22 November 2013, 20:11:18 von Urs Heßling »
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Offline suhren564

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Re: Wie Europa in den Krieg wandelte
« Antwort #7 am: 22 November 2013, 21:06:58 »
Jetzt fehlt hier auf einmal ne Antwort !!!!
Ist dies im Forum so üblich?  :?
Gruß Ulf

Nie darf man so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.... 
Erich Kästner

Offline Karsten

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Re: Wie Europa in den Krieg wandelte
« Antwort #8 am: 22 November 2013, 21:38:42 »
@ Urs: Ich meine, dass die Schlachtkreuzer alle in Norwegen zum Manöver waren ...
Viele Grüße,

Karsten

AK Krieg zur See 1914-1918: www.seekrieg14-18.de

Offline bodrog

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Re: Wie Europa in den Krieg wandelte
« Antwort #9 am: 22 November 2013, 21:57:18 »
Sollte Derfflinger nicht gerade in der Kieler Bucht nach der Endausrüstung Probefahrten machen :?

Offline Götz von Berlichingen

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Re: Wie Europa in den Krieg wandelte
« Antwort #10 am: 22 November 2013, 22:10:47 »
P.S. So, und aus dem Clark-Text ergibt sich noch eine Marine-Detailfrage:
Am 27. Juli sollen die französischen Schlachtschiffe "France" (mit dem von St. Petersburg zurückkehrenden Poincaré an Bord) und "Jean Bart" in der Mecklenburger Bucht einem deutschen Schlachtkreuzer (!) begegnet sein. Als die "France" am gegenseitigen Salut nicht teilnahm (gemäß Clarks Erklärung, weil der Staatschef an Bord war) habe das deutsche Schiff in Erkenntnis dieser Tatsache einen verschlüsselten Funkspruch abgesetzt.
Frage: Läßt sich herausfinden, welches Schiff das war ?

Das war die Magdeburg:

»Am 27. vormittags befindet sie sich auf Vorposten östlich von Fehmarnbelt-Feuerschiff, als rechts im Osten dicke Rauchwolken in Sicht kommen. Die Russen? Nein, sondern zwei der neuesten französischen Großkampfschiffe FRANCE und JEAN BART mit dem Präsidenten Poincaré und dem Außenminister Viviani an Bord auf dem abgekürzten Heimweg von St. Petersburg und Stockholm. Die Schiffe passieren ganz nahe. Salut wird geschossen, wie es einem Staatsoberhaupt zusteht.«

[Quelle: Matti E. Mäkelä, »Das Geheimnis der Magdeburg«, Bernard & Graefe, Koblenz 1984, S. 21, sowie Hildebrandt/Röhr/Steinmetz, »Die deutschen Kriegsschiffe«]
»Jedes Problem durchläuft bis zu seiner Anerkennung drei Stufen: In der ersten wird es lächerlich gemacht, in der zweiten bekämpft, in der dritten gilt es als selbstverständlich.«  Arthur Schopenhauer

Offline bodrog

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Re: Wie Europa in den Krieg wandelte
« Antwort #11 am: 22 November 2013, 22:22:34 »
das ist gelebte Ironie: ausgerechnet Magdeburg setzt verschlüsselte Funksprüche ab...  8-)

Offline Urs Heßling

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Re: Wie Europa in den Krieg wandelte
« Antwort #12 am: 22 November 2013, 22:41:52 »
moin,

Das war die Magdeburg:
Danke  top :MG:

das ist gelebte Ironie: ausgerechnet Magdeburg setzt verschlüsselte Funksprüche ab...  8-)
Da hatten sie ihr Signalbuch ja noch an Bord  :MZ:

Gruß, Urs
"History will tell lies, Sir, as usual" - General "Gentleman Johnny" Burgoyne zu seiner Niederlage bei Saratoga 1777 im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg - nicht in Wirklichkeit, aber in George Bernard Shaw`s Bühnenstück "The Devil`s Disciple"

Offline Götz von Berlichingen

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Re: Wie Europa in den Krieg wandelte
« Antwort #13 am: 23 November 2013, 01:29:26 »
Ganz grob: Keiner war "schuld". Aber alle haben - mehr oder weniger mit gleicher Beteiligung - eifrig mitgemacht und keiner hatte was gegen ein "bisschen Krieg".
Tja, auch das liest sich bei Clark ein wenig anders und deutlicher.
Ihm zufolge haben waren sich die französische und russische Führung bereits am Tag des österreichischen Ultimatums (23.7., während Wilhelm II. noch an Bord der "Hohenzollern" auf "Nordlandreise" war) schon mehr oder weniger einig, aus dem serbisch-österreichischen Konflikt einen europäischen Krieg entstehen zu lassen.
Die französischen und russischen Generalstäbe begrüßten einen aus einem Balkankonflikt entstehenden Krieg gegen das Deutsche Reich als "strategisch ideal", da österreich-ungarische Truppen im Süden gebunden gewesen wären, das die galizische Front Österreichs gegen Rußland geschwächt hätte, daher das Deutsche Reich mehr Truppen hätte gegen Rußland aufbieten müssen und damit seine Westfront (gegen Frankreich) geschwächt hätte. Soweit gingen die gemeinsamen Planungen.
Die deutsche Entscheidung für den "Blankoscheck" bewertet Clark als strategischen Fehler
- aufgrund der Fehleinschätzung, Rußland sei noch nicht kriegsbereit, und
- aufgrund der (grundsätzlich richtigen) Bewertung, daß sich die strategische Lage immer weiter verschlechtere und daß, wenn es sowieso zum Krieg komme, sie jetzt günstiger sei als in späteren Jahren.
Der französische Präsident Poincaré habe bei einem Treffen in St. Petersburg 20.-23.7.1914 die russische Führung bestärkt, konsequent zu Serbien zu stehen.
Gemäß Clark waren die Russen fest entschlossen, zu Serbien zu stehen
- aus dem Gedanken des Panslawismus heraus (eignete sich für Presse und Propaganda)
- mindestens ebenso, wenn nicht mehr aus dem steten Bemühen um Einfluß- bis Besitznahme der Türkischen Meerengen.
Rußland begann daher bereits am 24.7. mit den definierten "Vorbereitenden Maßnahmen für eine Mobilmachung", die schon wesentliche Teile einer Mobilmachung enthielt.
Die wesentliche Sorge der russischen und französischen Führung sei es gewesen, mit der Eröffnung der Feindseligkeiten abwarten zu müssen, damit das Deutsche Reich als Agressor erschien und für Großbritannien der Bündnisfall gegeben war.

Meine Meinung:

Frankreich wollte seit Jahrzehnten den Revachekrieg (und rüstete dafür sowie suchte ein Bündnissystem dafür zu errichten, um Deutschland in die Zange zu nehmen - Festlandsdegen Rußland), Rußland wollte (vielleicht unverständlicherweise) ebenso den Krieg (und ließ sich dafür von Frankreich einspannen), obwohl man mit Preußen/Deutschland eigentlich keine Streitigkeiten hatte, jedoch hatte der im Zerfall befindliche "Staatskadaver" Österreich-Ungarn (wenngleich er dann immerhin noch einen vierjährigen Weltkrieg ausgehalten hat, ehe er auseinanderfiel) mit seinem zusammengeraubten und -geheirateten Vielvölkersammelsurium offenbar immer noch nicht genug Multikulti im Land und annektierte 1908 auch noch Bosnien-Herzegowina und provozierte dadurch die Serben und deren Schutzmacht Rußland. Serbien plante durch seinen Geheimdienst (Oberst Dragutin Dimitrijević alias "Apis") mit Wissen des russischen Miltitärattachés in Belgrad, Oberst Artamanow (der seinerseits wiederum nicht ohne Wissen seiner Vorgesetzten in St. Petersburg handeln konnte), das Attentat von Sarajewo, das die Rolle der Lunte am Pulverfaß spielen sollte.
Und England wollte auch den Krieg, um das zwar friedlich, aber wirtschaftlich kraftstrotzende Deutsche Reich, das im Begriff stand, England den Rang abzulaufen, zu zerschlagen.

Das Deutsche Reich war, wie Bismarck immer wieder erklärt hatte, "saturiert", d.h., es hatte keine territorialen Forderungen an andere, sah sich aber durch das Bündnis F - RUS - GB zu Recht eingekreist und durch die Rüstungen der gegnerischen Koalition (beispielsweise alleine in maritimer Hinsicht: engl.-russ. Marinekonvention 1914, Churchills → gewaltiges Aufrüstungsprogramm, russ. Flottenrüstung in der Ostsee (4 x Gangut-Kl. Kiellegg. 1909, in Dienst 1914; 4 x Borodino-Kl. Kiellegg. Dez. 1913, gepl. Indienststellg. 1916/17; lt. Flottengesetz von 1911 in der Ostsee bis 1930 geplant: 24 Schlachtschiffe und 12 Schlachtkreuzer! Damit (zusammen mit Churchills Super-Dreadnought-Bauorgie & engl.-russ. Marinekonvention) vollkommene Entwertung der dt. "Risikoflotte") in eine immer gefährlichere und militärisch ausweglosere Lage gedrängt.

Deshalb sah man im Generalstab, nachdem Versuche, die gegnerische Allianz zu spalten (Björkö 1905, Verhandlungen mit England 1912) gescheitert waren, wie es u.a. → hier m.E. zu Recht heißt, das Attentat als »goldene Gelegenheit«, den gordischen Knoten der Einkreisung mit dem Schwert zu durchschlagen, an, zumal der Krieg ein österreichisch-ungarischer sein würde, d.h. die Bündnistreue dieses Staates dadurch außer Zweifel stand (im Gegensatz zur italienischen).

»Seit der Gründung der Triple Entente im Jahr 1907 fühlte sich Deutschland von seinen Gegnern zunehmend "eingekreist". Vor allem der Generalstab sah eine existentielle, militärische Bedrohung und ging fest davon aus, dass die Aufrüstung von Russland und Frankreich dazu dienen sollte, ungefähr 1916 einen Krieg vom Zaun zu brechen. Zu diesem Zeitpunkt glaubte Generalstabschef Moltke aber, einen Krieg nicht mehr gewinnen zu können.«
http://de.wikipedia.org/wiki/Julikrise#Pr.C3.A4ventivkriegspl.C3.A4ne_oder_Lokalisierungsglauben.3F

Bethmann-Hollweg hat gegen Ende des Krieges erklärt, »in gewissem Sinne war es ein Präventivkrieg«. Und das ist m.E. alles, was man Deutschland an "Kriegsschuld" vorwerfen kann: Daß es von der gegnerischen Allianz und deren Rüstungen (die selbstverständlich offensiv waren) in die Enge getrieben, die Flucht nach vorn angetreten hat und in einem Verzweiflungsschritt trotz zahlenmäßiger drastischer Unterlegenheit versucht hat, den Stier bei den Hörnern zu packen, solange noch eine gewisse Aussicht auf Erfolg bestand, und einen Befreiungsschlag zu führen.

So ist auch die Scharfmacherei von Moltke in seinem → Telegramm an Conrad von Hötzendorf vom 30. Juli 1914 zu erklären, ebenso wie der → Kriegsrat vom 8. Dezember 1912, den man als Entschluß zum "Praevenire" auslegen kann (Tirpitz drängte auf Verschiebung des Kriegsbeginns bis mindestens 1914 wg. Eröffnung KW-Kanal und Flottenbau (Zulauf der König-Klasse, anschließender Abfall der Neubauten auf das 2er Tempo).

Da der Anlaß zum Krieg zweifelsfrei von Serbien (mit Duldung/Mitwisserschaft zumindest Rußlands, inwieweit England unterrichtet war, ist unklar (brit. Zeitung John Bull brachte m.W. Ende Juli 1914 einige Veröffentlichungen, die darauf hinweisen, daß auch der brit. Geheimdienst zumindest von dem Mordanschlag "nicht überrascht wurde", um es sehr vorsichtig auszudrücken) ausging und nicht von Deutschland, kann von einer "Entfesselung" des Weltkrieges durch Dtld. zum Zwecke der Erringung der "Weltherrschaft", wie es uns vorgeworfen wurde, in keiner Hinsicht die Rede sein.

Von einer Nutzung einer vermeintlich "günstigen Gelegenheit" zum Ausbruch aus der Einkreisung womöglich schon...

Den wirklichen Vorwurf, den man der dt. politischen und militärischen Führung machen muß, ist dagegen der, daß sie sich für einen solchen Kampf auf Leben und Tod in keiner Weise hinreichend vorbereitet und gerüstet hat (im Gegensatz zu den Feindmächten, die jahre- und jahrzehntelang (Frankreich) darauf zielstrebig hingearbeitet hatten):

Der Kriegsminister, General von Einem, hatte 1906 sogar eine vom Reichskanzler Bülow angeregte Vermehrung des Heeres abgelehnt!! [Theobald von Schäfer, »War Deutschland 1914 gerüstet, ein "unterjochtes Europa zu beherrschen?"«, Berliner Monatshefte Febr. 1931, S. 105]

Frankreich, mit 30 Mio. Einwohner weniger als das Reich (36,6 Mio. gegen 67,3 Mio. 1914), hatte 82 % seiner Wehrpflichtigen einberufen und militärisch ausgebildet, Deutschland nur 52%! 1913 stellte man endlich zwei zusätzliche Armeekorps (drei hatte der Generalstab gefordert, zwei waren bewilligt worden, aber 1914 noch nicht vollständig vorhanden) auf, was die dt. Quote auf etwa 72 % angehoben hatte. Frankreich reagierte mit Wiedereinführung der dreijährigen Dienstpflicht 1913, die 1905 auf zwei Jahre reduziert worden war und behielt die Rekruten somit um die Hälfte länger in den Kasernen (ebenda).

Somit konnte alleine das 30 Mio. Einwohner weniger zählende Frankreich 1914 mehr Soldaten ins Feld stellen als das Deutsche Reich: 2,15 Mio. (F) gegenüber 2,147 Mio (D) (Ost- und Westfront zusammen!). [GenLt. a.D. Dr. Franz Uhle-Wettler, »Höhe- und Wendepunkte deutscher Militärgeschichte«, Graz 2006, S. 173]
1870 war das Verhältnis 332 Bataillone (F) gegen 474 Bataillone (D) (Schäfer, a.a.O., S. 104) gewesen!

Die Zahlen des deutschen Generalstabs über die erwarteten Kräfteverhältnisse waren 1914:

Frankreich2.150.000Deutschland2.147.000Rußland2.712.000
England132.000Österreich-Ungarn1.400.000Serbien285.000
Belgien100.000
Westgegner2.382.000Mittelmächte3.547.000Ostgegner2.997.000

Also 3,547 Mio. (Mittelmächte) gegen 5,379 Mio. (Entente).
Das tatsächliche Kräfteverhältnis war sogar noch ungünstiger: 3,485 Mio. (Mittelmächte) gegen 5,726 Mio. (Entente), also 61 : 100 [GenLt. a.D. Dr. Franz Uhle-Wettler, »Erich Ludendorff in seiner Zeit«, , VGB, Berg ²1996, S. 65], d.h. die Mittelmächte hatten gerade mal 3/5 der Truppenstärke der Feindmächte.

Letztlich hätte das Deutsche Reich ihnen dann "den Gefallen getan" und mit dem Angriff auf Belgien das Nachgeben einer durchaus gegen den Krieg votierenden Fraktion des britischen Kabinetts mitbewirkt.


Damit bin ich nicht einverstanden. Churchill hatte schon am 27. Juli die Demobilmachung der britischen Flotte verhindert und am 2. August (also vor der dt. Kriegserklärung an Frankreich am 3. August und vor dem Einmarsch in Belgien am 4. August hatte der brit. Außenminister Edward Grey die frz. Regierung amtlich unterrichtet, »England werde der französischen Schiffahrt nicht nur im Kanal, sondern sogar in der Nordsee "all the protection in its power" geben«. [Uhle-Wettler, »Ludendorff«, S. 88 f.]
Schon 1912 hatten die Briten den Franzosen die Zusicherung gegeben, im Kriegsfall mit Deutschland die französische Kanalküste mit der Royal Navy gegen Deutschland zu schützen und die Franzosen hatten daraufhin ihre Flotte ins Mittelmeer verlegt [ebenda, S. 87].

Von der Möglichkeit einer britischen Neutralität konnte somit keine Rede sein.

Da aufgrund der deutschen krassen Kräfteunterlegenheit Deutschland die einzige Chance blieb, vor dem vollendeten Aufmarsch der Russen an der Ostgrenze die Franzosen schlagen zu müssen (geschätzte Dauer der russischen Mobilmachung bis zum Abschluß des russischen Aufmarsches: 10 Wochen;
abzüglich Dauer der dt. Mobilmachung und Aufmarsches: 2 Wochen;
abzüglich Dauer der Verlegung des Gros der dt. Truppen von dem Westen nach dem Osten nach einem Sieg über Frankreich: 2 Wochen
d.h. es blieben Deutschland gerade mal sechs Wochen, um das (überlegene, dazu noch das brit. Expeditionskorps!) Frankreich zu schlagen), brannte den Deutschen spätestens vom Zeitpunkt der russischen Mobilmachung am 30. Juli die Zeit auf den Nägeln. Und das wußte man selbstverständlich sowohl in St. Petersburg, in London und in Paris.

Außerdem hatten die Russen (mit französischen Anleihen!) die Aufmarscheisenbahnlinien an die deutsche Grenze in den vergangenen Jahren so ausgebaut, vermehrt und verbessert, so daß die Russen viel schneller und »gefährlich früh« [ebenda, S. 82] aufmarschiert waren - und die dt. Grenze überschritten.

Die Rezension des Buches in der ZEIT
http://www.zeit.de/2013/38/sachbuch-christopher-clark-die-schlafwandler-europa-erster-weltkrieg/seite-2
schließt mit deutlicher Kritik Clarks und einer "Bestätigung" der "deutschen Kriegsschuld", weil das Deutsche Reich die einzige Macht gewesen sei, die den Krieg hätte vermeiden können.
Mit dieser "logischen Wende" bin ich nicht einverstanden.

Es war also nicht Deutschland, das - entgegen der wenig überraschenden Behauptung des Zentralorgans der bundesdeutschen Vergangenheitsbewältiger, der »Zeit« - »als einzige Macht den Krieg hätte vermeiden können«, sondern sowohl England (Erklärung der Neutralität - dann hätte Frankreich zurückgezogen), Rußland (mäßigende Einwirkung auf Serbien, Unterlassung der Generalmobilmachung am 30.07., wenn nicht der Teilmobilmachung gegen Österreich-Ungarn am 25./26. Juli) oder auch Frankreich, wenn es gewollt hätte (Erklärung der Neutralität auf die deutsche Anfrage, anstelle des kryptischen »man werde tun, was seine Interessen ihm geböten«). Aber dafür waren Poincaré und Viviani ja nicht nach St. Petersburg gereist...
« Letzte Änderung: 23 November 2013, 02:04:08 von Götz von Berlichingen »
»Jedes Problem durchläuft bis zu seiner Anerkennung drei Stufen: In der ersten wird es lächerlich gemacht, in der zweiten bekämpft, in der dritten gilt es als selbstverständlich.«  Arthur Schopenhauer

Offline Urs Heßling

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Re: Wie Europa in den Krieg wandelte
« Antwort #14 am: 23 November 2013, 23:42:13 »
moin,

ich stimme mit Dir weitgehend überein.

Zu
Letztlich hätte das Deutsche Reich ihnen dann "den Gefallen getan" und mit dem Angriff auf Belgien das Nachgeben einer durchaus gegen den Krieg votierenden Fraktion des britischen Kabinetts mitbewirkt.

Damit bin ich nicht einverstanden. Churchill hatte schon am 27. Juli die Demobilmachung der britischen Flotte verhindert und am 2. August (also vor der dt. Kriegserklärung an Frankreich am 3. August und vor dem Einmarsch in Belgien am 4. August hatte der brit. Außenminister Edward Grey die frz. Regierung amtlich unterrichtet, »England werde der französischen Schiffahrt nicht nur im Kanal, sondern sogar in der Nordsee "all the protection in its power" geben«. [Uhle-Wettler, »Ludendorff«, S. 88 f.]
Von der Möglichkeit einer britischen Neutralität konnte somit keine Rede sein.
folgende Erläuterung:
Was Du schriebst, ist korrekt. Aber: Vor dem 2. August, insbesondere am 31.7. und 1.8., gab es gemäß Clark eine klare Mehrheit im Kabinett (!) zugunsten einer Nichtbeteiligung.
Erst unter dem Druck des Parlaments, einer Pressekampagne, der ersten Nachrichten der Verletzung der belgischen Neutralität und einem Appell Greys, es bestünde eine "moralische Verpflichtung" zum Eingreifen, gaben die "Anti-Interventionalisten" am Morgen des 2.8. nach.
Clark betont aber auch, daß GB sich ingesamt längst auf eine Haltung gegen Deutschland festgelegt hatte, unter anderem deswegen, weil man sich eine anti-russische Haltung wegen der verletzlichen Position in Zentralasien nicht leisten zu können glaubte.

Gruß, Urs
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