Nun, hier gehts nicht ums schönreden, sondern um Fakten. Ich stimme zu, es gibt eine Menge Autoren, die sich jede Mühe machen, die Bf-110 schlecht zu reden, jeden Verlust und jede Beschädigung auf jedwegn Kriegsschauplatz zu dokumentieren, während sie gleichzeitig jeden ihrer Erfolge zielstrebig übergehen. Michael Zille hat das in seinem aktuellen Buch (M. Zille, Bf-110. Die Rehabilitierung eines Flugzeuges, 2009), trotz einiger Ungenauigkeiten- gut demonstriert. Tatsächlich liebte Göring die Bf-110 und ihre Einheiten. In meinen Augen spiegelt sich die Ablehnung vieler Autoren gegen Göring plastisch in ihrer Antipathie gegen die Bf-110 wieder. Mit dem Flugzeug hat das aber nichts zu tun!
Der von dir angesprochene Abwehrkreis ist eigentlich eine Todesfalle. Eine aus dem WK-I stammende reine Defensivtaktik. Damit gewinnt man keine Luftkämpfe, man verliert sie, da die Initiative komplett dem Gegener überlassen wird. Werden die Bf-110 entsprechend ihren Stärken eingesetzt, dann steht es gut mit ihnen.
Zu den einzelnen Kriegsschauplätzen:
Polen:Obwohl sowohl Jäger als auch Zerstörergruppen ihre Probleme mit den wenidigen polnischen Hochdeckern hatten, gingen mehr Einheiten durch Luftabwehr und Unfälle verloren als durch Luftkämpfe. Der Grund liegt in der Zurückhaltung der polnischen Luftwaffe und in der Ausschaltung großer Teile derselben auf den Boden. Die mit Bf-109 ausgerüsteten Gruppen verloren zehn Maschienen in Luftkämpfen, die mit Bf-110 ausgerüsteten Gruppen dagegen nur sieben. Dabei wurden 54 polnische Flugzeuge von Bf-110 und 36 von Bf-109 im Luftkampf bestätigt abgeschossen. Die erfolgreichste Gruppe des Polenfeldzuges war dann ja auch tatsächlich das mit Bf-110 ausgerüstete I/ZG26 mit 17 bestätigten Luftsiegen und nicht die mit Bf-109 ausgerüsteten Jagdgruppen.
Norwegen:Es wird in mehreren historischen Darstellungen von zwei Gruppen Bf-109 und eine Gruppe Bf-110 gesprochen, die am Norwegenfeldzug teilnahmen. Das ist ein Irrtum. Nachweislich war es genau umgekehrt: Zunächst war nur das II/JG77 war mit Bf-109 beteiligt, während I/ZG1 und I/ZG76 mit Bf-110 vertreten waren. I/ZG1 blieb aber auf dänischen Gebiet stationiert undsicherte die Luftkorridore bis Oslo.
In den Luftkämpfen über Oslo Forneby gingen je zwei Bf-110 und zwei Gladiator gegen norwegische Gloster Gladiator verloren. Die Bf-110
landeten auf Forneby und nahmen den Flugplatz in ihre Gewalt. Spätere Luftkämpfe schlossen Skua´s, Blenheims und Hurricane´s ein. Die Existenz der Bf-110 und ihr Profil mit großer Reichweite hatte nicht unerheblich zur Entscheidung der FAA beigetragen, aus Norwegen zurückzuverlegen. Eine nicht unerhebliche Leistung für die nie mehr als 23 Maschienen des I/ZG76. Die Gesamtverluste an Bf-110 der I/ZG1 und I/ZG76 in den zwei Monaten der Operation betrugen 20 Maschienen. Wobei etwa die Hälfte durch Unfälle, Flak und Tiefflugangriffe verlorengingen. Dem standen 62 Luftsiege gegen dänische, norwegische und englische Einheiten entgegen.
Frankreich:Zu den umfänglichen Luftkämpfen der Westfront gibt es unterschiedliche Quellenangaben. Zwischen 250 und 400 französische und etwa 350 englische Jagfflugzeuge gingen verloren, dabei aber nur ein Bruchteil davon in Luftkämpfen. Bislang konnten etwa 90 Luftsiege der Bf-110 frz. Quellen bestätigt werden. Die Bf-110 hatte darüber hinaus in Tiefflugangriffen gegen Flugplätze erheblichen Anteil an der Neutralisierung der anglofranzösischen Luftstreitkräfte am Boden. Dabei standen der Bf-110 moderne Jagdflugzeuge wie die Curtiss Hawk, Bloch-152, die Ms 406, die D-521, Hurricane und Spitfire gegenüber.
Am 17. Mai kam es nahe Albert zu einem Luftkampf zwischen 4./ZG 26 und einer Staffel Curtiss Hawk. Dabei schossen die Bf-110 sieben Hawk ohne eigene Verluste ab. Es kam auch zu Luftkämpfen mit für Bf-110 Einheiten negativem Ergebnis (18. Mai nahe Cambrai, als acht Bf-110 in einem Gefecht mit Hurricane nicht zurückkehren)
Über Dünkirchen kam es zu wiederholten Luftkämpfen zwischen Spitfire und Bf-110. So etwa am 23.05.1940 zwischen II/ZG76, die einen Verband von Ju-88 und Ju-87 begleiteten und Spitfire der No.92 Squadron. Der Staffelführer No.92 Sq. R.J. Bushell schreibt über die Bf-110 (Zitat und Übersetzung Zille):
"
Die deutsche Me-110 ist im Horizontalflug der Spitfire in Geschwindigkeit jedenfalls unterlegen. Sie kurvt aber ausgezeichent und taucht auch bei Angriffen regelmäßig sehr schnell weg. Zumindest im Kurvenflug sind aber unsere Spitfire und Me-110 in jedem Falle gleichwertig."
Wahrscheinlich meint Bushell hierbei den stationären oder geneigten Kurvenflug, da die Bf-110 aufgrund der hohen Cl-Werte und der niedrigen Flächenbelastung tatsächlich sehr gut kurvt. Problematisch ist die Rollträgheit im Einleiten der Kurve und der aufsteigende Kurvenflug, da die Leistungsbelastung schlechter ist.
No.92 Sqdr. erhebt an diesem Tag Ansprüche auf sieben Bf-110 Abschüssen, die sich aber nicht mit den Verlustmeldungen decken. Am 23.05. hatte das ZG76 keine Totalverluste zu beklagen. Drei Bf-110 wurden aber soweit beschädigt, dass sie nach der Landung zur Reperatur abgegeben werden mußten (Flugzeug Bewegungs- und Bestandsmeldungen). Zwei Spitfire wurden abgeschossen, die Piloten gerieten in dt. Kriegsgefangenschaft.
Bushell selbst wurde in einem weiteren Luftkampf am selben Tag über Calais von Bf-110 abgeschossen. No.92 Sq. trafen dabei auf Elemente II/ZG76 und verlor dabei acht Spitfire.
Am 31.05.1940 gelang der 5./ZG26 in einem größeren Luftkampf der Abschuß von fünf Spitfire I, Staffelkapitän Th. Rossiwall erzielte zwei mit englischen Unterlagen korrespondierende Abschüsse. Am 01.Juni 1940 sollen nach englischen Quellen acht Spitfire durch Bf-110 des II/ZG76 in Luftkämpfen abgeschossen worden sein. Wobei es für dieses Datum und dem ZG76 keine korrespondierenden dt. Quellen gibt.
Das I/ZG76 beendete den Frankreichfeldzug mit 103 Abschüssen, darunter 34 Einmot-Jagdflugzeuge. Das V.(Z.)/LGI erreichte 18 Luftsiege gegen Einmot-Jagdflugzeuge.
Insgesamt gingen nach Williamson Murray, Strategies for Defeat 90 zweimot Jäger (ausschließlich Bf-110) im Frankreich Feldzug durch feindliche Handlungen verloren (Luftkampf, Flak und Tiefangriffe auf Feldplätze), durch andere Gründe während Feindoperationen 16 (Kollisionen, Landeunfälle) und 15 weitere durch Unfälle während Überführungen und Training verloren. Insgesamt 120 Maschienen, 50 weitere wurden soweit beschädigt, dass sie zwecks Reperatur abgegeben wurden. Dies ist gemessen an der intensiven Nutzung des Musters eine erstaunlich niedrige Ausfallrate.
Zum Vergleich die Daten für Bf-109:
- durch Feindhandlungen: 169
- durch andere Gründe im Einsatz: 66
- während Überführungen / Training: 15
- Gesamt: 250 Bf-109 (126 wurden zwecks Reperatur abgegeben)
Im gleichen Zeitraum auf allierter Seite:
- 69 Spitfire I gingen einsatzmäßig verloren (über Dünkirchen)
- 386 RAF Hurricane gingen einsatzmäßig verloren
- 508 FAF Einmot Jagflugzeuge gingen einsatzmäßig verloren
Nur die Spitfire hatte eine noch niedrigere Ausfallrate, wobei sie im Vergleich zur Bf-110 nur für einen kurzen Zeitraum über Dünkirchen im Gefecht stand.
Hinsichtlich des Verhältnisses Verluste zu Abschüssen (claimed) war die Bf-110 über Frankreich in Anbetracht der großen Einsatzzahlen das erfolgreichste eingesetzte Jagdflugzeug aller Seiten (möglicherweise nur von der Curtiss Hawk übertroffen, wobei sich deren claims nicht annähernd mit den dt. Verlustmeldungen decken).
Es ist vielleicht bezeichnend, dass Edmond Marin La Meslée (Groupe de Chasse I/5), der erfolgreichste allierte Pilot des Zeitraumes bis juni 1940 die Hawk-75-2 flog zwar Bf-109 aber keine einzige Bf-110 in seinen Abschußlisten führt. Sein erster Luftsieg war über eine Do-17 am 18. Jan. 1940. In den fünf intensivsten Kampftagen im Mai 1940 schoß er neun dt. Flugzeuge ab, bei Ende der Feindseligkeiten war er Guppenkommodore seiner Einheit und mit 15 bestätigten und fünf unbestätigten Abschüssen das erste allierte Triple Ass.
Auch der 10. Mai, der mit 308 Totalverlusten als der verlustreichste Tag des Krieges in die Geschichte eingehen sollte, zeigt trotz intensiven Einsätzen des I/ZG26, I/ZG76 und II/ZG76 nur zwei Bf-110 Verluste während an anderen Typen der Luftwaffe an diesem Tag verlorengingen:
56 He-111; 25 Do-17; 16 Ju-88; 10 Ju-87; 2 Do-215
2 Bf-110; 13 Bf-109
3 Hs-126; 4 He-59; 22 Fi-156
155 Ju-52
In Frankreich konnte sich die Bf-110 trotz einer starken Opposition durchsetzen weil sie überwiegend zur Freien Jagd eingesetzt wurde und entsprechend ihrem taktischen Profil mit Sturz- und Steigtaktiken geflogen wurde.
Quellen:
Major L. F. Ellis, The War in France and Flanders (London: Her Majesty's Stationery Office, 1953) 98, 309, 312, 372-73; Robert Jackson, Air War over France (London: Ian Allen, 1974), 76-78, 136-37; Fridenson and Lecuir, 184-85, 189, 198; Chapman, 160-61, 225, 290; Gunsburg, 111-12, 268; Shirer, 700, 766, 767, 783; General Maurice Gamelin, Servir (Paris: Plon, 1946), vol. 1, 282; William Green, Warplanes of the Second World War, vol. 2, Fighters (Garden City, New York: Doubleday, 1961), 61.
(unfertig)