Teil 2: Private Geschichten „Zum erstenmal auf großer Fahrt“Da viele von euch eine Fortsetzung meiner privaten Geschichten gewünscht haben, will ich hier nun eine Fortsetzung schreiben und ich hoffe sie gefällt euch.
Ich war inzwischen Jungmann geworden und fühlte mich als gestandener Seemann.
Am 19. Februar 1962 genau 2 Tage nach der katastrophalen Sturmflut liefen wir in Hamburg ein.
Wir kamen von Irland, hatten immer schönes ruhiges Wetter und liefen immer hinter dem gewaltigen
Sturmtief her.
Schon im englischen Kanal hörten wir über Norddeich Radio die katastrophalen Meldungen.
Als wir in die Elbe einliefen, trauten wir unseren Augen nicht. Das Wasser war schon gewaltig abgelaufen.
Aber wir sahen die Verwüstungen an Land, südlich der Oste lag ein ganzer Frachter hoch und trocken auf einer Wiese - er hatte beiden Ankerketten draußen aber keine Anker mehr. Außerdem hatte er sogar 2 rote
Petroleumlampen (manövrierunfähig) gesetzt.
Weiter oben auf der Elbe sahen wir auch die gebrochenen Deiche und die unbeschreiblichen Verwüstungen an beiden Ufern.
Wir hatten Staubkohle für „Kohlen Müller“ am Fischmarkt geladen und als wir dort anlegten und die Schäden sahen, bekamen wir erst richtig eine Vorstellung von der Gewalt der Sturmflut.
Zerstörte Möbel und Unmengen von allem möglichen Gerät standen auf der Straße und es stank erbärmlich.
Um noch mal an diese gewaltige Katastrophe zu erinnen möchte ich noch die folgenden links einstellen.
Sie kostete 375 Menschen das Leben und machte 75000 Menschen obdachlos.
Helmut Schmidt, damals Innenminister von Hamburg wurde fast zum Helden, weil er ohne Genehmigung
und gegen die Verfassung die Bundeswehr zur Rettung der Menschen eingesetzt hatte.
Er forderte sogar militärische Hilfe von der Nato an – und alle halfen, ohne auf ihre Gesetze und Vorschriften zu achten .
Ohne sie hätte es viel mehr Tote gegeben.
Es zeigt auch, daß man manchmal Zivilcourage haben muß und sich über Gesetze hinwegsetzen muß. http://www.rp-online.de/p...dseekueste_bid_19626.htmlhttp://www.youtube.com/watch?v=5OV6kzMaT-ENun zurück zu meiner kleinen Geschichte.
Ich wollte endlich auf große Fahrt, denn mit den Kümos hatten wir zwar die ganze Nord- und Ostsse abgeklappert aber ich wollte endlich in die weite Welt.
Also musterte ich ab, ging zu Heuerstall und bekam einen Frachter mit dem sinnigen Namen „Jan ten Doornkaat“ der Reederei Bernhard Schulte vermittelt.
Das Schiff wurde in Emden gebaut. (Ein Bild hab ich leider nicht mehr und hab auch keins im Internet gefunden)
Es gab aber ein Problem, denn das Schiff war nocht nicht fertig und ich konnte erst drei Wochen später anmustern.
Auf meinen beiden ersten Schiffen hatte ich (inklusive Urlaubsgeld) 1500 DM gespart. Der Lohn als Decksjunge war damals 50 DM /Monat und als Jungmann 75 DM plus Überstunden für 75 Pfennig bzw 1,10 DM/Stunde.
Pro Monat machte ich durchschnittlich 150 Überstunden, um etwas mehr Geld zu verdienen.
Da ich 3 Wochen Zeit hatte, beschloß ich, für eine Woche zu meiner Mutter nach Dortmund zu fahren.
Ich wollte aber auch, daß sie stolz auf mich war. Also beschloß ich, mir meinen ersten schicken Anzug,
ein weißes Hemd, eine Schlips, einen weißen Trenchcoat und ein paar neue Schuhe bei Hertie zu kaufen.
Mit dem Eisenbahnticket war ich nun schon fast 500 DM los. Ich eröffnete auch mein erstes Konto bei der Sparkasse und deponierte 500 DM , denn ich mußte für mein späteres Studium sparen.
Mama war überglücklich über ihren schicken Sohn und kochte alle meine Lieblingsgerichte aus meiner Kindheit. Ich erzählte ihr von meinem neuen Schiff und der Reederei und den zukünftigen Reisen, die ich machen werde. Beim Namen des Schiffes zuckte sie aber jedesmal zusammen, denn Doornkaat war ihr nur als Schnaps bekannt.
Nach einer Woche hielt ich es aber nicht mehr aus und fuhr zurück nach Hamburg. Ich mietete ein Hinterzimmer der Kneipe Fick (nicht lachen , die hieß wirklich so) für 15 DM mit Frühstück am Fischmarkt in St. Pauli. Es war so billig weil es überall ,noch von der Flutkatastrophe, fürchterlich stank.
Der Modergeruch war überall und sehr penetrant.
In meiner Naivität wußte ich natürlich nicht, daß dies Stundenzimmer für die Hafennutten war. So hatte ich manche Nacht eine sehr
eigenartige Geräuschkulisse aus den Nachbarzimmern.
Anfang jeder Woche ging ich zur Reederei (Vorsetzen 54) und erkundigte mich, wann es denn nun los ginge. Aber die Fertigstellung des Schiffes verzögerte sich immer mehr. So langsam ging mir dann natürlich das Geld aus und mein Sparkonto wollte ich auf keinen Fall angreifen.
Als es dann endlich so weit war, hatte ich noch 7 DM in der Tasche und das Eisenbahnticket von der Reederei. Ich schleppte meine beiden Koffer zu Fuß bis zum Altona Bahnhof, und das ist mit 2 Koffern, vom Fischmarkt sehr weit. Wie ich in Emden vom Bahnhof zum Schiff kommen sollte, war mir natürlich ein Rätsel, aber irgendwie würde ich es schon schaffen.
Mein Zug ging vom Gleis 6 (werde ich nie vergessen) und ratet mal wer da stand.
Natürlich meine Mama!!!!
Aber wie konnte das sein, ich hatte ihr absichtlich nichts von meinem Anmusterungstermin gesagt, damit ich nicht schon wieder mit ihr anmustern mußte.
Auf der andern Seite war ich natürlich sehr erleichtert, denn nun wußte ich, das ich erst einmal was zu essen bekam und ich wußte auch wer das Taxi in Emden bezahlen würde.
Was war geschehen und wie konnte sie in Dortmund sogar wissen mit welchem Zug ich fahren würde.

?
Der Name „Jan ten Doornkaat“ war ihr nicht geheuer – so konnte doch kein Schiff heißen.
Also rief sie nach meheren Durchstellungen die Hafenpolizei in Hamburg an, die diesen Schiffsnamen noch nie gehört hatten und der auch nirgenwo verzeichnet war. Sie vermittelten meine Mutter an die Schiffsmeldestation und die hatten auch noch nie von einem Schiff mit solch einem Namen gehört.
Nun läuteten alle Alarmglocken bei meiner Mutter. Das Totenschiff, Seelenverkäufer und alle bösen Geschichten, die sie in Büchern gelesen hatte schossen ihr durch den Kopf.
Sie ließ nicht locker und die Hafenpolizei fand schließlich heraus, daß das Schiff noch nicht einmal die Jungfernfahrt hinter sich hatte und natürlich noch nirgenwo registriert war.
Sie fanden für sie die Reederei Adresse heraus, die sie natürlich sofort anrief. Sie beschimpfte die Leute der Reederei, wie man denn einem Schiff einen derart blöden Namen geben könne. Sie gab sich erst zufrieden,als man ihr erklärte, wo der Name herstammte und was eine Korrespondenz Reederei ist.
Kurzum, meine Mama hatte schon den zukünftigen Kapitän angerufen und ihn verwarnt auf mich aufzupassen und beim Heuerstall hatte sie sogar die Nummer von meinem Heuerschein erfahren.
Die Reederei hatte ihr auch das Datum meiner Abfahrt von Altona gesagt. Sie fuhr kurze Hand nach Altona
und da drei Züge an diesem Tag nach Emden gingen stellte sie sich einfach bei jeder Abfahrt am Gleis 6 auf und wartete auf mich. (ich hatte ihr auch verheimlicht wo ich untergebracht war und deshalb konnte sie mich auch nicht erreichen)
Was soll ich sagen, meine Mama musterte wieder mit mir an und meine zukünftigen Kollegen lachten sich kaputt.Sie machte die Jungfernfahrt mit und wurde Ehrengast beim Kapitän aber ohne mich.
Die „ Jan ten Doornkaat“ hatte so 4200 dtw, 2 Doppelluken, McGregorsystem, 8 Ladebäume und am Großmast einen Schwergutbaum für 15 t Tonnen. Sie hatte ein Zwischendeck mit verschiebbaren Scheerstöcken und war ein Shelterdecker. Wir waren 22 Mann an Bord und alles deutsche gut ausgebildete Seeleute. Wir hatten einen sehr erfahrenen Bootsmann und sogar noch einen Zimmermann.
Die meisten meiner Mannschaftskollegen waren aus Ostfriesland und „proteten Platt“, so daß ich nur Bahnhof verstand. Als ich meine Arbeitsjacke an einem Haken in Mannschaftsmesse hängen wollte, kam von hinten nur „ Dat is min hoken“
Es waren tolle Kollegen und mit der Zeit verstand ich sie auch besser und unser Bootsman war ein alter Hase mit unglaublichen Geschichten aus der ganzen Welt. Ich hing immer voller Ehrfurcht an seine Lippen.
Wir hatten ein erstklassigen Kapitän, der sich für seine Mannschaft einsetzte und alle die, die mal Offiziere werden wollten, schon in die Navigation einführte.
Die „Jan“ wurde als Trampschiff eingesetzt d.h. wir wußten nie wohin die nächste Reise führte und wir fuhren alle möglichen Ladungen vom Stück- und Schüttgut (Weizen, Erze, Mais,Schwefel, Zucker usw)
bis hin zu Autos, Panzer und allen möglichen technischen Geräten und Bananen in Stauden.
Es begann mit Reisen rund um das Mittelmeer, sowie zum Schwarzen Meer und danach ging es zu den großen Seen in Kanada. Wir durchfuhren den gewaltigen Wellandkanal bis hinauf nach Buffalo und Green Bay.
Dann eine Reise nach New York.
Als ich das erste mal Manhatten von See aus sah, haute es mich fast um, es sah so unwirklich gigantisch aus.
Von hier aus nach Boston und durch den Küstenkanal nach Philadelphia.
Es schloß sich eine Reise nach New Orleans und Corpus Christie in Texas an.
2 Reisen machten wir von Santa Domigo mit Zucker nach Tampa.
Und weiter gings in die Karibik Kingston Jamaica, Port au Prince, Haiti über Trinidad nach Managua im Amazonas.
Den Rio Orinoco lernten wir genauso kennen wie die Häfen in Kolumbien und in Mexiko.
Es folgten 2 Reisen mit Bauxit vom Surinam River (damals holländisch Guayana) nach New Orleans, danach 2 Reisen mit Mais nach Teneriffa, und von dort 4 Reisen mit Bananen in Stauden nach Genua.
Wir hatten uns langsam immer mehr Europa genähert und schließlich wurde die gesamte Besatzung nach 18 Monaten in Marseille ablöst.
Während all dieser Reisen hatte sich an Bord eine tolle Kameradschaft gebildet und wir waren stolz auf unseren Kapitän unsere Ofiziere und Ingenieure.
Während dieser Reisen wurde ich auch zum Leichtmatrosen befördert. (Also meinem Ziel wieder ein Stückchen näher)
Wir hatten gewaltige Stürme und traumhaft schöne Zeiten auf See erlebt. Waren insgesamt in 36 Ländern gewesen und in vielen Häfen hatten wir Liegezeiten von meheren Tagen bis hin zu Wochen.
In vielen dieser Länder waren selbst wir, mit unserem wenigen Geld, Könige wenn wir an Land gingen.
Natürlich war keine Bar und all die hübschen Mädels vor uns sicher.
Ein Jahr später bin ich sogar noch einmal auf der „Jan“ angemustert und habe dann nochmals 10 Monate, aber als Vollmatrose, darauf verbracht. Die Matrosenprüfung hatte ich während des Urlaubs in der Seemannsschule Finkenwerder absolviert. Es war der Traum von dem ich schon als kleiner Junge geträumt hatte und ich fühlte mich unheimlich stolz
und als ganzer Mann als ich als erstes zu meiner Mama fuhr.
Eine Woche lange mußte ich ihr und ihren Freunden alle Geschichten immer wieder erzählen.
In der 2. Woche begann sie ein wenig herumzudrucksen und schließlich fragte ich was sie hätte.
Sie sagte: „ Mein Junge ich weiß nicht wie ich es dir sagen soll, aber ich habe dich nie richtig aufgeklärt“
Dann brach sie ab und wurde knallrot.
Ich mußte wirklich an mich halten um nicht schallend zu lachen und antwortete:
„ Mamma laß mal, ich weiß schon alles“
Sie war unglaublich erleichtert
Ich hoffe diese Geschichte war ebenfalls amüsant und lesenswert für euch.
Zumindestens habt ihr meine tolle Mama kennengelernt
In diesem Sinne
viele Grüße aus Costa Rica
P:S: Falls einer noch irgendwie Bilder von der „Jan ten Doornkaat“ oder „Fiepko ten Doornkaat“ auf der ich noch 6 Monate als Bootsmann gefahren bin, auftreiben kann, wäre ich ihm sehr dankbar.
Leider habe ich alle Unterlagen (außer Seefahrtsbuch) über diese beiden Schiffe, bei meinen vielen Umzügen, verloren.